Eons Krisenkraftwerk Das Drama von Datteln

Im Ruhrgebiet kämpfen Energieversorger einen bizarren Kampf um den Bau der vielleicht letzten Steinkohlekraftwerke in Deutschland. Eons neuer Block in Datteln droht dabei eine Investitionsruine zu werden. Dem Konzern läuft die Zeit davon.
Problembaustelle: Das Eon-Kraftwerk Datteln 4 droht eine milliardenschwere Investitionsruine zu werden

Problembaustelle: Das Eon-Kraftwerk Datteln 4 droht eine milliardenschwere Investitionsruine zu werden

Foto: REUTERS

Grau ist der Himmel über Datteln, grau und in Bewegung. Wolkenschwaden kreuzen den Dortmund-Ems-Kanal, aus den Schloten der alten Eon-Kraftwerke wabern Wasserdampf und Rauchgas herüber. Kaum zu erkennen ist der übermächtige Kühlturm des neuen Blocks. Doch je näher Autofahrer auf ihn zusteuern, desto deutlicher zeichnet er sich ab. Dabei wird klar: Aus ihm entweicht - nichts.

Das ist Eons Problem mit dem Milliardenprojekt Datteln 4, das hier entsteht und für den Versorger im Fiasko enden könnte. Seit Jahren baut Eon an dem Steinkohlekraftwerk, eigentlich sollte es schon 2011 fertig sein. Doch es darf nicht ans Netz.

Gedacht war die Anlage als Gewinnmaschine für das gebeutelte Unternehmen, das stark unter dem Atomausstieg und dem Vormarsch der erneuerbaren Energien leidet. Zudem würde es die Macht des Unternehmens wenigstens teilweise in die Zeit der neuen, unsicheren deutschen Stromwelt hinüberretten: Einmal am Netz, laufen Kohlekraftwerke um die 40 Jahre - bei relativ geringen Betriebskosten.

Dazu die Deutsche Bahn als Großkunde sowie Tausende Haushalte, die auch Wärme abnehmen - Datteln 4 könnte eine Goldgrube für Eon  sein.

Eon läuft die Zeit davon

Doch nun stapft Andreas Willeke in Gummistiefeln und mit weißem Helm durch den Schnee auf einem Gelände, das noch immer eine Baustelle ist. Willeke ist Eons Projektleiter in Datteln, er ist seit den ersten konkreten Planungen im Jahr 2006 vor Ort. "Günstiger wird es natürlich nicht", sagt er nach all den juristischen Rückschlägen, die es zuletzt für das 1,2-Milliarden-Euro-Bauwerk gegeben hat. Doch aufgeben - das kommt für ihn und seine Leute nicht infrage.

Es könnte noch Jahre dauern, bis die Anlage wie geplant den ersten Strom liefert, wenn überhaupt. Gleich mehrfach haben Gerichte Eon und der Stadt Datteln einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zu lax hätten die Verantwortlichen das Projekt geplant und zahlreiche Belange von Naturschutz bis Landesplanung missachtet, gaben sie Anwohnern und Naturschutzverbänden Recht.

Für Eon ist das doppelt schmerzhaft. Während die Kosten in Datteln davonlaufen, verschlechtern sich die wirtschaftlichen Bedingungen für Kohlekraftwerke in Deutschland permanent. Täglich gehen Wind- und Solarkraftwerke ans Netz, drücken den Strompreis an der Börse und verdrängen Elektrizität aus konventionellen Anlagen.

Das Drama von Datteln lässt sich bei einem kleinen Rundgang auf den ersten Blick erfassen. Links das blaue Kesselhaus, dessen leicht geschwungene Metallfassade wie ein zu breit geratener Wolkenkratzer ohne Fenster in die Höhe ragt. Das Herzstück des Kraftwerks habe man architektonisch besonders anspruchsvoll gestaltet, um die Bürger in der 35.000-Einwohnerstadt von dem Vorhaben zu überzeugen, wie Willeke sagt.

Hat Eon seine Macht überschätzt?

An einer Stelle besteht die Außenwand jedoch aus Sperrholz. Dort sollen einmal Leitungen den Strom aus dem Gebäude zu den Transformatoren bringen, angeschlossen werden dürfen sie jedoch nicht.

Weiter rechts sieht es sogar wie in einer spanischen Vorstadt aus, die die Immobilienkrise getroffen hat. Schwarze Löcher klaffen im Kraftwerks-Verwaltungsgebäude, das über den Rohbau nicht hinausgekommen ist. Gut möglich, dass das Haus abgerissen werden muss, auch wenn das Kraftwerk seine Betriebserlaubnis doch noch bekommt.

Abrupt musste der Versorger die Arbeiten im äußeren Kraftwerksbereich stoppen, nachdem das Oberverwaltungsgericht Münster den Bebauungsplan der Stadt Datteln für ungültig erklärte. Gut drei Jahre ist das her, und für die Eon-Verantwortlichen kam das Urteil wie ein Schock. "Ich glaube, keiner der Beteiligten hat mit einer solchen Entscheidung gerechnet", sagt Willeke.

Er ist nicht der Typ "kantiger Bauleiter", eher ein besonnener, freundlicher Mann Anfang 50. Er trägt eine Brille mit feinem Metallrand und ein weißes Hemd mit kleinem Karo unter der Wetterkleidung. Gern zeigt er Fotos, auf denen er mit Vertretern der Kraftwerksgegner plaudert und um die Wette lächelt.

Solche Schlappen vor Gericht gab es früher nicht

Doch Willeke und Eon müssen kämpfen - zumal sie und die Behörden in Sachen Datteln noch weitere Schlappen vor Gericht kassierten. Im Juni dieses Jahres kippte dasselbe Gericht Teile der Betriebsgenehmigung, unter anderem weil die Auswirkungen des Kraftwerks auf die Umwelt nicht ausreichend geklärt seien.

So etwas hätte es noch vor wenigen Jahren kaum gegeben. Der Bau von Kohlekraftwerken im Ruhrgebiet galt als Selbstgänger - Versorger, Politik und Verwaltung zogen an einem Strang. Klagen mit Aussicht auf Erfolg gab es eher nicht.

Hat Eon in Datteln seine Kraft überschätzt? Ist der Konzern nicht mehr so mächtig wie früher? So wie die Energieversorger inzwischen auf dem deutschen Markt ins Straucheln kommen, so sehr weht ihnen der Wind auch beim Bau ihrer Großanlagen ins Gesicht.

Dieselbe Erfahrung macht nur einige Kilometer weiter östlich der Stadtwerkeverbund Trianel in Lünen. Auch dort kippten Richter wesentliche Teile der Genehmigung.

"Wenn Firmen schlecht planen und deshalb Geld verbrennen, ist das Richtern egal"

Während manche Konzernmanager angesichts der Urteile aus allen Wolken fallen, geben sich Juristen weniger überrascht über die Entwicklung. "Die Fälle zeigen, dass es einen Paradigmenwechsel beim Bau solcher Großanlagen gibt", sagt die Berliner Verwaltungsrechtsexpertin Miriam Vollmer von der Kanzlei Becker Büttner Held, spezialisiert auf die Energiewirtschaft.

Ein Grund dafür ist nach ihren Worten, dass Bürger schneller und häufiger gegen Großprojekte klagen und der gesellschaftliche Konsens über solche Bauvorhaben erodiert ist. "Die öffentliche Meinung ist derartigen Großprojekten kritischer gegenüber eingestellt", hat Vollmer beobachtet. "Das führt dazu, dass viel mehr und früher Gegengutachten und -argumente auf den Tisch der Richter kommen. Deshalb schauen auch die Gerichte genauer hin."

Zudem hat der Gesetzgeber die Umweltverbände mit weiter reichenden Klagebefugnissen ausgestattet. "Die Unternehmen müssen umdenken und viel mehr Details von vornherein auf ihre Rechtmäßigkeit prüfen", sagt Vollmer. "Sie müssen sich praktisch immer vorstellen, dass sie ihre Unterlagen zuerst an Greenpeace schicken müssen."

Alles auf eine Karte

Eon wählte dagegen den bewährten Weg und tat zum Teil nicht mehr als nötig - bestärkt von Stadt und Bezirksregierung. So prüfte das Unternehmen anfangs nicht so umfassend wie möglich, wie die Immissionen des neuen Kraftwerks auf die umliegenden Naturlandschaften wirken. Konkurrent RWE  sei bei seinen Projekten in diesem Punkt weiter, meint der Geschäftsleiter vom Bund Umwelt und Naturschutz (BUND), Dirk Jansen.

Der Wettbewerber aus Düsseldorf setzt in Datteln eher auf Risiko. Ein Großteil der Investitionssumme ist inzwischen trotzt der unsicheren Lage verbaut, überwiegend schon vor dem Urteil von 2009. Doch auch jetzt montieren die Eon-Arbeiter in Datteln fast alles, was sie montieren dürfen. Was nicht, wie die Metallbrücken für die Förderbänder, liegt schon säuberlich aufgereiht bereit.

Doch führt die Strategie der geschaffenen Fakten zum Erfolg? Zuletzt haben Richter das Spiel nicht mehr mitgemacht, hat Juristin Vollmer beobachtet. "Die Gerichte lassen sich nicht von vollendeten Tatsachen beeindrucken. Wenn ein Unternehmen aufgrund mangelhafter Planung Geld verbrennt, ist das Richtern egal."

Hilfe bekommt Eon jedenfalls von den Behörden und Politikern vor Ort. In einem bizarr anmutenden Verfahren tun die Bürgervertreter in Datteln beispielsweise derzeit so, als gebe es das Kraftwerk gar nicht, während sie den neuen Bebauungsplan entwickeln. Im für Eon besten Fall stimmt der dann "zufällig" mit den bereits errichteten Bauwerken überein.

Grüne Bürgervertreter planen Eons Alptraum

Willeke sieht die Sache mit gemischten Gefühlen: "Wenn der Kühlturm 50 Meter nach rechts muss und die Wasseraufbereitung 70 Meter nach links - das wäre natürlich ein Alptraum." Für die örtlichen Grünen war es eine Ehrensache, ziemlich genau dieses vor wenigen Tagen zu fordern.

In Lünen ist die Lage ähnlich. Dort sitzen Vertreter von Trianel, Bezirksregierung und Kritiker im holzvertäfelten Hansesaal und erörtern öffentlich die Umweltauswirkungen des bereits ebenfalls fast fertigen Kraftwerks.

Wie schwer der Druck vor allem auf der Verwaltung lastet, ist den Beamten im Saal deutlich anzumerken. Niemand auf dem Podium will dafür verantwortlich sein, dass eine Ruine am Stummhafen zurückbleibt.

Immer wieder bemängeln die Projektgegner, die Annahmen der Verwaltung zur Schadstoffbelastung der Gewässer seien Hoffnungswerte oder noch nicht einmal vorhanden. "Wir sehen gute Chancen, dass es klappt, aber die Ungewissheit kann ich Ihnen nicht nehmen", räumt der Wasserwirtschafts-Fachbeamte ein, als der BUND-Vertreter ein nicht erprobtes Konzept zur Abwasserentsorgung in alten Bergwerken hinterfragt.

Sollbruchstelle für die rot-grüne Landesregierung?

Fraglich ist indes, wie viel Hilfe die Kraftwerksbauer von der Landesregierung erwarten dürfen. "Viele haben den Eindruck, dass Eon darauf gesetzt hat, dass die Politik das schon hinbiegt", gibt sich Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) zurückhaltend. "Andere Investoren haben einen anderen Weg gewählt und sind ohne rechtliche Beschränkungen am Ziel."

Für Remmel ist die Causa Datteln auch deshalb ärgerlich, weil die rot-grüne Landesregierung sich wohl früher oder später ein Urteil darüber bilden muss, ob die neue Bau- und Regionalplanung zugunsten des Kraftwerks mit den Zielen des Landes übereinstimmt. Die SPD ist den Versorgern traditionell verbunden, die Grünen betonen die Klimaschädlichkeit der Kohlekraftwerke. An dem Gegensatz könnte das Kraftwerk scheitern, aber auch die Düsseldorfer Koalition. "Es ist die Sollbruchstelle für Rot-Grün", sagt BUND-Mann Jansen.

Minister Remmel weist das von sich und sieht die Entscheidung eher bei den Gerichten: "Ob das Kraftwerk kommt, ist keine Frage des politischens Wollens sondern des rechtlichen Könnens."

"Hätte kein Problem damit, wenn dies das letzte Kraftwerk seiner Art ist"

Doch die Frage, ob Kraftwerke wie Datteln für das künftige Energiesystem eher wünschenswert oder hinderlich sind, steht faktisch im Zentrum der Debatte. "Die energiewirtschaftliche Notwendigkeit ist Teil der Begründung", sagt ein Eon-Sprecher zum weiteren Vorgehen des Konzerns. Das Kraftwerk nütze dem Industriestandort.

Ähnlich sieht es der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI). "Für den Erfolg der Energiewende sind auch Investitionen in moderne fossile Kraftwerke wie das Projekt in Datteln entscheidend", lautet dort die Devise. "Diesen Kraftwerken kommt für die Bereitstellung der gesicherten Leistung eine Schlüsselrolle in unserer Stromversorgung zu." Der neue BDI-Präsident Ulrich Grillo ist mit einem Werk in Datteln vertreten, will in diesem Zusammenhang allerdings keine Lanze für das Kraftwerk brechen - er ist nach eigenen Angaben kein Eon-Kunde.

Vor Ort in Datteln und Umgebung sind die Meinungen über den industriepolitischen Nutzen des Kraftwerks naturgemäß gespalten. Die Initiative "Ja zu Datteln" betont, Betriebe, die sich im neuen Industriegebiet ansiedeln wollen, hätten mit dem neuen Kraftwerk in Sachen Versorgung Planungssicherheit.

Gut oder schlecht für die Industrie?

Dagegen wenden Kritiker ein, die neuen Kraftwerke in dem Landstrich würden zusammen so viele Schadstoffe emittieren, dass sich deshalb praktisch gar keine zusätzliche Industrie in der Region mehr ansiedeln dürfe. Eon widerspricht; letztlich müssen Gutachten über die Sache Aufschluss geben.

Tatsächlich könnte die Frage nach dem energiepolitischen Nutzen spätestens dann relevant werden, wenn sich die Schadstoffimmissionen des Kraftwerks als zu hoch für die nahe gelegenen Wälder erweisen und eine Ausnahmeregelung aus Brüssel nötig wird. Dann ginge es auch um das öffentliche Interesse an dem Kraftwerk und mögliche Alternativen. Eon wird nicht müde zu betonen, wie modern, effizient und unverzichtbar die Anlage für die Energiewende ist - als Ergänzung zur schwanken Stromerzeugung aus Solar- und Windkraftanlagen.

Wie das funktionieren soll, erklärt Projektleiter Willeke im Maschinenhaus des Dattelner Kraftwerks. Er blickt nach oben, seine Miene hellt sich auf. Ein glänzendes Metallrohr, dicker und viel länger als eine alte Eiche hängt unter der Decke - die "Zigarre". In sie kann der Schichtleiter den Dampf aus dem Kessel umlenken - und die Leistung der Generatoren auf diese Weise blitzschnell senken. "Damit können wir Laständerungsgeschwindigkeiten von 50 Megawatt pro Minute fahren und übertreffen so die meisten Gaskraftwerke."

Die Angst vor der grünen Wiese

Allerdings, so räumt er ein, lasse sich der Dampf nur für einige Minuten in der "Zigarre" speichern. Werde das Kraftwerk für längere Zeit gedrosselt und wieder heraufgefahren, leide darunter unter Umständen das Material.

Welche Rolle Kohlekraftwerk wie Datteln und Lünen in Zeiten der Energiewende spielen werden, lässt sich noch nicht absehen; Experten sind geteilter Meinung. Konzernmanager wie Eon-Chef Johannes Teyssen sehen derzeit weder für Gas- noch Kohlekraftwerke eine Chance am Markt. Geringere Investitionskosten und größere Flexibilität könnten mittel- bis langfristig eher für Gaskraftwerke sprechen, die heute besonders unter den Erneuerbaren leiden. Letztlich hängst es auch davon ab, ob und wie die Politik Investitionen fördert.

Projektleiter Willeke sieht diese Fragen eher entspannt. "Ich persönlich hätte kein Problem damit, wenn dies das letzte neue Kohlekraftwerk dieser Leistungsklasse in Deutschland wäre", sagt er in Eons würfelförmigem Infozentrum, hinter sich eine Computerpräsentation an der Wand. "Wenn Strom künftig in kleineren Anlagen erzeugt werden soll, dann machen wir eben das."

Wie das gehen kann, hat er selbst aus nächster Anschauung erfahren, als er im Unternehmen für neue Technologien zuständig war, darunter Wasserstoff. Branchenkenner attestieren Versorgern wie Eon auf dem Gebiet der dezentralen Stromversorgung allerdings einen erheblichen Rückstand.

Der Gedanke, dass Datteln 4 in wenigen Jahren wieder einer grünen Wiese weichen könnte, spielt für Willeke derweil keine Rolle. "Das blende ich weitgehend aus, meine Aufgabe ist die Realisierung des Kraftwerks." Geht es nach Eon, ist dieser Zeitpunkt Ende 2013 erreicht. Bis dahin müsste das Unternehmen allerdings rasant zu alter Stärke zurückfinden - und sein riskantes Spiel dann im Eiltempo gewinnen.