Energie Die Stromwelt gerät ins Wanken - was Eon und RWE bevorsteht

Bis vor Kurzem war sich die Fachwelt einig: Die deutschen Energieversorger sind wieder auf Kurs. Doch gegen die Verwerfungen am Strommarkt sind sie offenbar nicht immun. Eon und RWE stehen vor harten Zeiten. manager magazin online erklärt, was den Strom-Dinos bevorsteht.

Hamburg - Keine drei Jahre ist es her, da hat Eon feierlich sein Gaskraftwerk Irsching 5 in der Nähe von Ingolstadt eröffnet. Hocheffizient arbeite der neue Block, natürlich, vor allem aber sei er flexibel einsetzbar. "Es gewährleistet eine zuverlässige und sichere Energieversorgung - auch wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht", jubelten der Düsseldorfer Versorger und seine regionalen Partner zur Eröffnung. "Das Kraftwerk leistet damit einen wichtigen Beitrag für den Ausbau der Erneuerbaren Energien."

Der Satz muss inzwischen wie Hohn in den Ohren der Kraftwerksmitarbeiter klingen. Weniger als 1600 Stunden im Jahr habe das Kraftwerk zuletzt Strom produziert, sagte Eon-Chef Johannes Teyssen jetzt, anfangs seien es 4000 Stunden gewesen. Block 3 war sogar nur an neun Tagen am Netz.

Der Grund: Die Mengen von Strom aus Wind- und Solarkraftwerken haben so stark zugenommen, dass Irsching seltener gebraucht wird. Gut 100 Terawattstunden produzierten die Erneuerbaren in den ersten drei Quartalen des Jahres - gut ein Viertel der Gesamtleistung. Zudem ist es billiger, Strom aus Kohle zu erzeugen als aus Gas.

Gas verliert, Braunkohle gewinnt

Eon  macht mit einer stetig wachsenden Zahl von Kraftwerken keinen Gewinn mehr. Auch RWE , Vattenfall und EnBW sind einer dramatischen Situation ausgesetzt, wie sie die Fachwelt vor kurzem nicht für möglich gehalten hat. Der grüne Strom drückt Kraftwerke auch in anderen Ländern Europas aus dem Netz, das Preisniveau sinkt, und zu allem Übel rauscht die Stromnachfrage aufgrund der Rezession in Südeuropa in den Keller.

"Die Verwerfungen in den europäischen Energiemärkten verschärfen sich schneller als jemals zuvor", sagte Teyssen, als er am Dienstag milliardenschwere Abschreibungen auf konventionelle Kraftwerke erläuterte. Das Paradoxe am gegenwärtigen Stand der Energiewende: Ausgerechnet das Unternehmen mit einem hohen Anteil von vergleichsweise sauberen Gaskraftwerken im Portfolio (Eon) leidet am stärksten. Dagegen kommt der Konzern, der die besonders umweltschädliche Braunkohle bevorzugt (RWE) vergleichsweise gut davon.

Für Eon ist jetzt rasches Handeln gefragt, um Schlimmeres zu verhindern. Doch auch die anderen Versorger können kaum so weitermachen wie bisher. manager magazin online gibt einen Überblick über die wichtigsten Gründe für die epochalen Verwerfungen am Markt und mögliche Strategien der Konzerne.

Warum geraten die Strommärkte zurzeit außer Rand und Band?

Solarkraftwerk in Brandenburg: Schlechte Aussichten für Gaskraftwerke

Solarkraftwerk in Brandenburg: Schlechte Aussichten für Gaskraftwerke

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Allen Versorgern macht der momentan niedrige Strompreis an den Börsen zu schaffen. Für den Verfall gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: die Wirtschaftskrise sowie den rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien.

Vor allem in Südeuropa geht der Stromabsatz angesichts einer Dauerrezession drastisch zurück. Betroffen ist vor allem Eon. Der Konzern betreibt viele Kraftwerke im Mittelmeerraum. In Spanien haben Gewerbekunden zuletzt 7 Prozent weniger Strom abgenommen, In Italien lag der Wert gar bei 10 Prozent.

Zudem zeigt der rasante Ausbau von Solar- und Windkraftanlagen Wirkung. Immer wenn Strom traditionell vergleichsweise teuer an der Börse gehandelt wurde, nämlich Mittags, speisen Solaranlagen inzwischen große Mengen Strom ein.

Das macht sich vor allem in Italien und Deutschland bemerkbar. In beiden Ländern hat es zuletzt hohe Zubauraten bei der Fotovoltaik gegeben. Die Folge ist ein "doppelter Negativeffekt", wie Analyst Sven Diermeier von Independent Research sagt. Konventionelle Kraftwerke gehen vom Netz, und die verbleibenden geben ihren Strom zu niedrigeren Preisen ab.

Weshalb kommt RWE im Vergleich zu Eon momentan glimpflich davon?

Braunkohlekraftwerk Niederaußem: RWE drückt billigen Strom in den Markt

Braunkohlekraftwerk Niederaußem: RWE drückt billigen Strom in den Markt

Foto: DPA

Die Essener profitieren in der gegenwärtigen Lage auf dem Strommarkt von ihrem besonderen Kraftwerkspark. In diesem spielt die billige Braunkohle die größte Rolle. RWE fördert den Brennstoff selbst in unmittelbarer Nähe der Kraftwerke. Das Unternehmen konnte seine Kapazitäten durch die Inbetriebnahme der Blöcke in Neurath zuletzt noch deutlich ausweiten.

Bisher sind Braunkohlekraftwerke vergleichsweise resistent gegen die Auswirkungen der Energiewende, insbesondere den Ausbau erneuerbarer Energien. Immer wenn große Mengen Wind- und Solarstrom ins Netz drücken, gehen zuerst Gas-, dann Steinkohlekraftwerke vom Netz. Braunkohle ist wegen der günstigen Betriebskosten wesentlich seltener betroffen - ähnlich wie die verbliebenen Kernkraftwerke.

Pro Megawattstunde lassen sich mit einem Kohlekraftwerk laut RWE in Deutschland zehn Euro verdienen, beim Gaskraftwerk rutscht der Preis sogar leicht in den negativen Bereich. Für Braunkohle machte das Unternehmen keine genauen Angaben, betonte aber der sinkende Börsenstrompreis werde voll durch sinkende Preise für CO2-Zertifikate aufgefangen.

Eon dagegen verfügt über kaum nennenswerte Erzeugungskapazitäten aus Braunkohle. Nochmals verschärfen dürfte sich die Lage für die Düsseldorfer, wenn in den nächsten Jahren weitere Kernkraftwerke vom Netz gehen.

Es hängt dann vom Tempo des weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien ab, wie sehr die deutschen Steinkohle- und Erdgaskraftwerke des Konzerns dann wieder gefragt sind. Helfen würde es Eon im Deutschland-Geschäft, zügig und problemfrei einen oder mehrere Offshore-Windparks fertig zu stellen.

Wie stark werden die Versorger schrumpfen?

Russischer Konzern Gazprom: Eon hat die Beteiligung an dem Lieferanten abgegeben

Russischer Konzern Gazprom: Eon hat die Beteiligung an dem Lieferanten abgegeben

Foto: Sergei Ilnitsky/ dpa

Sorgen bereitet Investoren unter anderem, dass sinkende Gewinne die Verschuldungsquote der Konzerne in die Höhe treiben. Alle großen Energiekonzerne stoßen deshalb derzeit Geschäftsfelder ab. Eon will auf diese Weise bis Ende 2013 etwa 15 Milliarden Euro erlösen. So hat sich das Düsseldorfer Unternehmen zuletzt von seiner britischen Kernkraft-Beteiligung Horizon Nuclear Power für 433 Millionen Euro getrennt.

Etwa 13 Milliarden Euro hat Eon inzwischen eingesammelt, doch angesichts der schlechten Aussichten liebäugelt Konzernchef Johannes Teyssen damit, noch mehr Unternehmensteile zu verkaufen und weniger zu investieren. Am Markt löst das nicht nur Freude aus. Schließlich bedeutet weniger Geschäft auch weniger Ertrag, woraufhin neue Desinvestitionen erforderlich werden könnten. "Das ist ein Teufelskreis", sagt Analyst Erkan Aycicek von der Landesbank Baden-Württemberg.

Zudem ist der Zeitpunkt für Verkäufe alles andere als günstig. Aufgrund des schwachen Wirtschaftsklima sind kaum ordentliche Erlöse zu erzielen. "Die Rahmenbedingungen für Desinvestitionen sind schwieriger geworden, nicht zuletzt wegen Finanzierungsrestriktionen potenzieller Käufer", sagte RWE-Chef Peter Terium. Bei RWE ist das Verkaufsziel niedriger angesetzt als bei Eon - es liegt bei sieben Milliarden Euro, bis Ende 2013, wobei noch nicht einmal die Hälfte erreicht ist.

Welche neuen Geschäftsfelder rücken jetzt in den Blick?

Blockheizkraftwerk: Versorger auf neuen Wegen

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Foto: BMW

Eon spürt es bereits überdeutlich, bei RWE ist der Wandel noch nicht so ausgeprägt: Die alte Energiewelt mit Großkraftwerken, die rund um die Uhr laufen, befindet sich zunehmend in Auflösung. Stattdessen ist der Markt internationaler und kleinteiliger geworden. Vorbereitet sind die Unternehmen denkbar schlecht.

Schließlich haben sie diese Entwicklung lange gar nicht für möglich gehalten. Vor allem der Preisverfall bei erneuerbaren Energien und der daraus resultierende Vormarsch von Wind, Solar und Co. muss manchen altgedienten Strategen wie ein schlechter Traum vorkommen.

Legendär sind ihre zum Teil noch gar nicht so alten und in ganzseitigen Zeitungsanzeigen bekannt gemachten Prognosen, die Erneuerbaren Energien könnten niemals mehr als wenige Prozent zum deutschen Strommix beitragen. Inzwischen sind es 25 Prozent - Tendenz steigend.

Deshalb haben die Unternehmen auch spät damit begonnen, sich ernsthaft auf das neue Zeitalter einzustellen. Eon-Chef Teyssen erklärte das Feld "Dezentrale Erzeugung" jüngst zu einem "wertschaffenden Geschäft". Dabei geht es untern anderem um Blockheizkraftwerke. Zusammen mit dem Ausbau erneuerbarer Energien will Teyssen die Aktivitäten weiter und möglicherweise schneller ausbauen. Bei Eon liegt der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion bisher bei 11 Prozent, bei RWE erst bei 5 Prozent.

Wo die alte Stromwelt noch funktioniert

Derweil preschen andere Akteure wie Bürgergenossenschaften, Versicherungen und geschlossene Fonds weiter vor. Zunehmend sind sie nicht mehr auf eine Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz angewiesen.

"Das Spiel wird sich stark verändern", sagt Unternehmensberater Torsten Henzelmann von Roland Berger. "Große Stromkonzerne sind dazu gezwungen, sich auf das kleinteilige Geschäft einzulassen, sonst machen es andere. Die Frage ist nur, ob sie es wirtschaftlich können."

Hoffnung könnte der Einstieg in Märkte außerhalb Europas bieten. So ist Eon stark in Südamerika, Russland und der Türkei engagiert. Dort funktioniert die alte Stromwelt noch.

"Eine weltweite Expansion bringt ganz neue Risiken mit sich", bremst Analyst Aycicek jedoch die Euphorie und verweist auf ein gestopptes Kraftwerksprojekt von Eon in Chile. Und wer sagt eigentlich, dass die Verhältnisse auf anderen Kontinenten in ein paar Jahren nicht auch ins Wanken geraten können? Wind- und Solarenergie wachsen in Südamerika und der Türkei gerade erst aus ihren Kinderschuhen.

Hängt RWE Eon dauerhaft ab?

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Foto: Fotos: DPA

Eon-Chef Teyssen mit Grabesstimme, RWE-Vormann Terium beinahe gut gelaunt: Angesichts der verheerenden Eon-Prognose vom Dienstag mutete die Präsentation der Essener Konkurrenz einen Tag später geradezu souverän an. "Unsere Zwischenbilanz nach den ersten drei Quartalen des laufenden Geschäftsjahres kann sich sehen lassen", gab Terium zu Protokoll. Die Prognose werde nicht geändert, ergänzte Vorstand Bernhard Günther.

Doch allzu sicher sollten die sich Topmanager nicht geben. Dafür halten Energiewende und weltwirtschaftliche Verwerfungen einfach noch zu viele Unbekannte bereit:

• Der Preis für CO2-Zertifikate könnte steigen, wenn die EU ihre Menge tatsächlich stärker verknappt als bisher geplant. Eon-Chef Teyssen forderte diese Maßnahme gestern erneut. Die Folge wären höhere Produktionskosten für Strom aus Kohle und bessere Bedingungen für Gaskraftwerke und Erneuerbare. Den Nutzen hätte Eon, den Schaden RWE. Günther betonte für die Essener, dass der Emissionshandel hervorragend funktioniere und hatte dabei wohl vor allem das eigene Unternehmen im Blick.

• Brennstoffkosten könnten sich zu Ungunsten von RWE ändern. Noch ist die amerikanische Gasschwemme nicht in Europa angekommen. Neue Flüssiggasterminals in Europa könnten mittelfristig aber preisdämpfend wirken, was die Aussichten für Strom aus Gaskraftwerken verbessert.

• Macht zudem das holländische Beispiel einer Kohlesteuer Schule, hätten die Essener ein echtes Problem. Von der Politik könnte es insgesamt - ähnlich wie bei der Kernkraft - mehr direkten Gegenwind für Kohlekraftwerke geben, wenn die Folgen des Klimawandels in Europa deutlicher werden.

So könnte sich RWEs gegenwärtiger Vorteil sich mittel- bis langfristig in einen Nachteil verkehren.