Neue Stromwelt "Das Spiel wird sich stark verändern"

Das Geschäft der Großversorger wie Eon und RWE leidet unter dem Zuwachs dezentraler Energieerzeugung. Unternehmensberater Torsten Henzelmann von Roland Berger erklärt den Trend und sagt, wie die Konzerne reagieren könnten.
RWE-Braunkohlenkraftwerk Niederaussem: Großanlagen geraten unter Druck

RWE-Braunkohlenkraftwerk Niederaussem: Großanlagen geraten unter Druck

Foto: RWE

mm.de: Wenn viele Firmen ihren Strom selbst machen, haben die traditionellen Stromversorger wie RWE und Eon  das Nachsehen. Werden sie weitere Marktanteile verlieren?

Henzelmann: Das ist unvermeidlich, das Spiel wird sich stark verändern. Große Stromkonzerne sind dazu gezwungen, sich auf das kleinteilige Geschäft einzulassen, sonst machen es andere. Die Frage ist nur, ob sie es wirtschaftlich können. Die Grundfähigkeiten haben sie, die Angebote zum Teil auch schon. Sie müssen aber wesentlich mehr in die dezentrale Energieerzeugung investieren und den Vertrieb stärken.

mm.de: Was sollten sie konkret machen?

Henzelmann: Unternehmen, die ihren Strom selbst erzeugen wollen, brauchen dazu Partner - das können vor allem Versorgungsunternehmen sein. Diese können die Investition vor Ort übernehmen, ein Joint-Venture eingehen oder nur den Betrieb von Solaranlage oder Blockheizkraftwerken übernehmen. Keinesfalls darf der Versorger den Endkunden aus den Augen verlieren und sich nur darauf verlassen, mit Großkraftwerken Geld zu verdienen. Die klassische Wertschöpfungskette der Energiewirtschaft verwischt.

mm.de: Für welche Firmen ist es attraktiv, eigenen Strom herzustellen?

Henzelmann: Unternehmen aus Gewerbe und Industrie sind prädestiniert als Verbraucher von lokal erzeugtem Strom aus regenerativen Energien. Sie haben oft große Dachflächen für Fotovoltaikanlagen und einen hohen Stromverbrauch. Inzwischen liegen die Kosten für selbst produzierten Solarstrom oft unter dem Preis für Gewerbestrom aus dem Netz. Der wird generell teurer, während die Systemkosten für erneuerbare Energien tendenziell billiger werden. Auch Supermärkte setzen vereinzelt schon auf eigenen Solarstrom vom Dach. Je nach Branche werden auch Blockheizkraftwerke, Windenergie, Wärmepumpen oder Energieeffizienztechnologien relevanter.

mm.de: Was sind die Folgen für das Energiesystem?

Henzelmann: Im Rahmen der Energiewende wird der Anteil dezentraler Erzeugung stark zunehmen. Inzwischen lohnt es auch für Gewerbe und Industrie immer häufiger, den Strom selbst zu produzieren. Das können einzelne Betriebe leisten, aber auch für ganze Gewerbegebiete ist eine solche Lösung oft attraktiv. Das ist der Trend. Die Firmen erkennen jetzt zunehmend den Nutzen solcher Lösungen und werden so zum entscheidenden Treiber für den weiteren Verlauf der Energiewende.

mm.de: Ganz vom Netz abkoppeln können sich die meisten Firmen aber nicht. Damit nutzen sie die Infrastruktur, für die vor allem die Firmen und Verbraucher aufkommen, die vollständig auf das Netz angewiesen sind. Denn die Netzgebühren werden pro Kilowattstunde berechnet, die aus dem Netz kommt.

Henzelmann: Je mehr Großverbraucher sich zu weiten Teilen aus dem Netz verabschieden, weil sie Strom selbst erzeugen, desto teurer werden die spezifischen Netzentgelte.

mm.de: Welchen Ausweg gibt es?

Die Antwort ist nicht ganz einfach. Industrie, Versorgungsunternehmen und die Politik werden noch intensiver an Lösungen zusammenarbeiten müssen. Die Energiewende bringt in Deutschland ein komplett verändertes Energiemarkt-Design mit sich. Neben einer Veränderung der Technologien, werden wir veränderte Geschäftsmodelle sehen.

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