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Hohe Strompreise: Wie Firmen die Versorgung in die eigene Hand nehmen

Foto: Deutsche See Fischmanufaktur

Firmen erzeugen selbst Strom Großkunden laufen RWE und Eon davon

Angesichts steigender Strompreise werden Manager kreativ: Immer mehr Firmen erzeugen ihre Elektrizität einfach selbst. Beliebt sind zunehmend regenerative Energien, sogar die verpönte Fotovoltaik lohnt sich. Für Versorger wie RWE und Eon ist die Entwicklung bedrohlich.

Hamburg/Wittenburg - Die Manager des Fischvermarkters "Deutsche See" sehen der nächsten Strompreiserhöhung jetzt etwas entspannter entgegen. Auf dem Dach ihres Kühlhauses in Bremerhaven liefern seit kurzem 315 Solarmodule Strom, den ausschließlich die Kältemaschinen vor Ort verbrauchen.

"Wir sparen mit unserer Fotovoltaikanlage Kosten ein", sagt der Energieexperte des Unternehmens, Kurt Vormschlag. "Die Erzeugungskosten für den Strom sind geringer als die Bezugskosten aus dem Netz." Etwa ein Drittel des gesamten Energiebedarfs soll die Anlage decken. Das Besondere: Eine Einspeisevergütung gemäß dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist nicht nötig.

"Deutsche See" ist eine der ersten Firmen, die die sinkenden Preise für Solaranlagen auf diese Weise nutzen. Doch ihre Zahl nimmt zu. Auch Supermärkte und Skihallen liebäugeln verstärkt mit der Fotovoltaik. Größere Industriebetriebe wiederum bauen einfach Windräder oder Blockheizkraftwerke auf ihr Firmengelände. Subventionen sind in vielen Fällen schon nicht mehr nötig.

Zu Stromrebellen werden die Unternehmen, weil es sich aus mehreren Gründen lohnt:

• Strom aus dem Netz wird stetig teurer. Um fast 50 Prozent steigt zum Jahreswechsel allein die Umlage für Elektrizität aus erneuerbaren Energien. Auch bei den Netzentgelten gibt es zum Teil üppige Aufschläge

• Selbst erzeugter und vor Ort genutzter Strom ist von diesen Nebenkosten sowie der Stromsteuer jedoch befreit

• Zudem werden dezentrale Energiesysteme ständig billiger.

"Angesichts steigender Preise wollen immer mehr Unternehmen ihren Strom selbst erzeugen", sagt Energiefachmann Sebastian Bolay vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Im Idealfall können sie auf diese Weise bis zu 50 Prozent Kosten sparen."

Einer DIHK-Umfrage zufolge haben bereits 13 Prozent aller Firmen eine eigene Stromversorgung aufgebaut, weitere 16 Prozent planen dies - sehr zum Leidwesen von Stromversorgern wie Eon  und RWE . In der Industrie liegen die Werte noch höher.

Und laut DIHK-Mann Bolay "verfestigt" sich der Trend zu mehr Eigenversorgung: "Für die überwiegende Zahl der Firmen ist das lukrativ."

Solaranlagen plötzlich ohne Subventionen lukrativ

BMW  ist auch so ein Fall. Am Werk in Leipzig stecken Kräne derzeit die Türme für vier neue Windkraftanlagen zusammen. Sie leisten zusammen maximal zehn Megawatt. Das reicht für die ab 2013 geplante Produktion der neuen Elektroautos.

Weht es mal stärker, ziehen auch die übrigen Fertigungsstraßen im Werk Windstrom. Herrscht Flaute, kommt mehr Strom aus dem Netz. Billiger ist laut einem BMW-Sprecher jedenfalls der Windstrom, den das Unternehmen direkt vom Projektierer kauft. Auf die Möglichkeit, den Strom ins Netz einzuspeisen und sich gemäß EEG vergüten zu lassen, haben die Planer von vorn herein verzichtet.

Der Anteil von selbstverbrauchtem Strom lag 2011 in Deutschland bereits bei 9,8 Prozent, wie das Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos errechnet hat. Der Großteil entfällt traditionell auf fossil befeuerte Kraftwerke, die für Industriefirmen Strom und Wärme erzeugen.

Einmal bezahlen, nie mehr ärgern

Das zuletzt verzeichnete Wachstum geht jedoch vor allem auf das Konto der Fotovoltaik (PV), wie die Beratungsgesellschaft r2b in einem Gutachten für die vier großen Netzbetreiber herausgestellt hat. Und die Berater erwarten, dass sich die Entwicklung noch beschleunigen wird. "Da die Netzparität von PV-Anlagen bereits erreicht ist, wird die Nutzung des Eigenverbrauchs auch ohne zusätzliche Förderung im Rahmen des EEG zunehmend attraktiver", heißt es in der Studie.

Der Eigenverbrauch lohnt vor allem für Privathaushalte, zunehmend aber auch für Unternehmen. "Für kleinere Betriebe kostet eigener Solarstrom bereits weniger als Netzstrom", sagt Energieanalyst Jonas Rooze von Bloomberg New Energy Finance. "Nach und nach kommen auch größere Firmen in diesen Bereich."

Tatsächlich zahlen viele mittelgroße Firmen etwa 14 Cent pro Kilowattstunde Strom, zum Jahreswechsel wird es wegen der steigenden EEG-Umlage noch einmal etwa 1,7 Cent teurer. Hinzu kommen höhere Netzentgelte. Solarstrom vom Dach lässt sich inzwischen aber für unter 13 Cent herstellen, wie mehrere Branchenkenner gegenüber manager magazin online bestätigten. In Planung sind inzwischen auch größere Anlagen, die ganze Gewerbegebiete teilweise direkt versorgen sollen - dann wird es noch billiger.

Allein die Fotovoltaik könnte somit eine neue Dynamik entfalten - dieses Mal auch ohne Subventionen. "Insgesamt gibt es ein großes Potential", sagt Vertriebsmanager Björn Slawik vom Projektierer Juwi. Der entscheidende Vorteil von Fotovoltaik als auch Windenergie ist aus seiner Sicht, dass die Kosten für 20 bis 25 Jahre praktisch eingefroren sind: Die Anlagen müssen nur einmal bezahlt werden, Betriebskosten fallen kaum an.

Kerngeschäft der Stromkonzerne droht weiter zu erodieren

Aber auch die Hersteller von Kraft-Wärme-Koppelungs-Anlagen (KWK)frohlocken. "Wir erwarten einen deutlichen Schwung für unser Geschäft durch steigende Strompreise", sagt der Geschäftsstellenleiter des Bundesverbandes Kraft-Wärme-Koppelung, Wulf Binde. "Da rührt sich schon jetzt etwas." Ein Grund dafür ist, dass der Gesetzgeber selbstverbrauchten Strom aus KWK-Anlagen fördert.

Manchen Strategen bei Versorgern und Netzbetreibern dürfte bereits etwas flau im Magen werden. Ihr Kerngeschäft droht weiter zu erodieren, die Kraftwerke könnten häufiger stillstehen.

"Das Spiel wird sich stark verändern", sagt Berater Torsten Henzelmann von Roland Berger. "Große Stromkonzerne sind gezwungen, sich auf das kleinteilige Geschäft einzulassen, sonst machen es andere." Die Frage sei allerdings, ob sie es wirtschaftlich könnten.

Entscheidend könnte der Faktor Zeit sein. Die aktuelle Debatte um das EEG hilft den Versorgern insofern etwas - die erneuerbaren Energien werden allgemein als Kostentreiber wahrgenommen. Wird das EEG deshalb beispielsweise abgeschafft, stehen die Stromkonzerne etwas weniger unter dem Druck der Erneuerbaren.

Neuer Sprengstoff für die Energiewende-Debatte

Leiden würde paradoxerweise aber auch der subventionsfreie Einsatz erneuerbarer Energien. Für Banken, die Wind- und Solarkraftwerke finanzieren, bietet das EEG eine wertvolle Sicherheit - auch wenn der Betreiber den Strom selbst verbrauchen will: Geht er nämlich pleite, gibt es da ja noch die EEG-Vergütung, aus der sich die Bank bedienen könnte.

Auch Netzbetreibern beschert die wachsende Liebe der Firmen zur Selbstversorgung Probleme. Sie müssen ihre Kosten auf eine sinkende Zahl von durchgeleiteten Kilowattstunden umlegen - und die Gebühren erhöhen. Das würde alle Stromkunden treffen, was neuen Sprengstoff in der Energiewende-Debatte bedeutet.

Beim Fischvermarkter "Deutsche See" in Bremerhaven stehen diese Gedanken derzeit nicht im Mittelpunkt. Die Verantwortlichen sind beim Thema Selbstversorgung offenbar auf den Geschmack gekommen - weitere Solaranlagen sind nach ihren Angaben jedenfalls geplant.

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