Winterkrise Regierung droht Energieriesen mit Abschaltverbot

Deutschland ist alarmiert. Weil der Ökostrom den Betrieb älterer Kraftwerke unrentabel macht, wollen Energiefirmen Altmeiler abschalten. Doch die Streichkandidaten sollten im kommenden Winter für Versorgungssicherheit sorgen. Jetzt droht der Bund den Energieriesen mit einem Abschaltverbot.
Hoher Strombedarf an kalten Wintertagen: Furcht vor zu knapper Reservekapazität in Deutschland

Hoher Strombedarf an kalten Wintertagen: Furcht vor zu knapper Reservekapazität in Deutschland

Foto: Daniel Karmann/ dpa

Hamburg - Werden die Deutschen im Winter im Dunkeln sitzen? Werden Fabriken stillstehen, weil flächendeckend der Strom ausfällt? Müssen Zehntausende entlassen werden, weil die hiesigen Unternehmen wegen ständiger Black-Outs keine Aufträge mehr abarbeiten können und pleite gehen?

Das ist die Schreckensvision vor dem kommenden Winter, in dem die Gefahr von Stromausfällen offenbar so groß ist, wie nie zuvor - eine ungewollte Folge der Energiewende. Die Bundesregierung ist alarmiert.

Weil der Ökostrom den Betrieb älterer Kohle- und Gaskraftwerke immer häufiger unrentabel machen, wollen viele Energieversorger ihre Altmeiler abknipsen; die können einfach viel zu wenige Betriebsstunden rentabel laufen. Doch dieser wirtschaftliche Abschaltzwang kann im kommenden Winter zum Problem für den Standort Deutschland werden: Plötzlich scheint die Versorgungssicherheit gefährdet.

Die Bundesregierung droht Betreibern, die ihre Gas- oder Kohlekraftwerke in Kürze vom Netz nehmen wollen, deshalb mit einem vorübergehenden Abschaltverbot. Es gebe für den Winter womöglich eine Lücke von mehreren hundert Megawatt, um eine sichere Versorgung zu garantieren, hieß es in Koalitionskreisen. Da es keine Meldepflicht gibt für Abschaltungen, sei die Lage derzeit ungewiss und das Problem womöglich nicht auf freiwilliger Basis zu lösen.

Offenbar setzt das Bundeswirtschaftsministerium zwar auf freiwillige Selbstvereinbarungen der Betreiber. Oberste Priorität habe aber die Versorgungssicherheit in Deutschland. "Vor diesem Hintergrund ist das Bundeswirtschaftsministerium jederzeit in der Lage, durch schnelle gesetzliche Änderungen die Versorgung sicher zu stellen", stellten die Ministerialen jetzt klar.

Möglich wäre eine Ergänzung des Energiewirtschaftsgesetzes, das derzeit ohnehin im Zuge neuer Haftungsregelungen für die Anbindung der Windparks in Nord- und Ostsee überarbeitet wird. Die Betreiber scheinen vor allem auf finanzielle Anreize zu hoffen, damit sie Anlagen am Netz lassen und so zur Entspannung der Lage beitragen.

Wegen der Stilllegung von acht Atomkraftwerken war bereits im vergangenen Winter die Situation angespannt. Die Bundesnetzagentur hatte vor dem Winter Reservekapazitäten mit einer Leistung von 2071 Megawatt in Deutschland und Österreich festgelegt. Diese fossilen Kraftwerke mussten mehrfach in Anspruch genommen werden.

Hintergrund für die Zuspitzung der aktuellen Lage: Die hohe Solar- und Windstromproduktion senkt seit Monaten die Einkaufspreise für Strom. Gerade mittags werden daher Kohle- oder Gaskraftwerke verdrängt. Wind-und Solaranlagen in Deutschland hatten erst am gestrigen Freitag so viel Strom produziert wie noch nie Zwischen 13 und 14 Uhr hätten Wind- und Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 31.500 Megawatt Strom in das deutsche Stromnetz eingespeist, teilte das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) aus Münster mit. "Das ist ein neuer Rekord in Deutschland." Nach den Daten der Leipziger Strombörse sei der Anteil von Wind und Solar auf bis zu 45 Prozent an der gesamten Kraftwerksleistung geklettert.

Weniger Produktionsstunden bei viel Sonne und Wind - das bedeutet auch weniger Ertrag für die Betreiber konventioneller Kraftwerke. Im Winter aber werden gerade solche Kraftwerke gebraucht, weil es dann eine geringere Ökostromproduktion gibt und mehr Energie verbraucht wird.

kst/dpa
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