Solar-Verfahren gegen China Wunderwaffe ohne Wirkung

Die EU droht chinesischen Solarkonzernen mit Anti-Dumping-Zöllen - doch ob diese tatsächlich kommen, ist höchst fraglich. Für viele europäische Modulhersteller käme der Schutz ohnehin zu spät. Dem Rest der Sonnenbranche würden sie zudem massiv schaden.
Von Kristian Klooß und Nils-Viktor Sorge
Deutschland adé? Installateure in einem Solarpark in Nordchina.

Deutschland adé? Installateure in einem Solarpark in Nordchina.

Foto: Liu Xiao/ AP

Hamburg - Anleger des Bonner Sonnenkonzerns Solarworld haben schon am Montag dieser Woche frohlockt. Um etwa 10 Prozent schoss der Aktienkurs in die Höhe, bald darauf brachen die Notierungen der Konkurrenz aus China ein. Offenbar war bereits etwas durchgesickert von der Entscheidung der EU-Kommission, ein Anti-Dumping-Verfahren gegen chinesische Solarkonzerne einzuleiten.

Heute bestätigten die Brüsseler Bürokraten nun, dass sie tätig werden. Bis Ende des kommenden Jahres wollen sie untersuchen, ob Konzerne wie Suntech , LDK Solar oder Yingli tatsächlich vom chinesischen Staat auf unlautere Weise gefördert werden und so die Marktchancen europäischer Firmen wie Solarworld  mit Billigprodukten zerstören. Das hatten mehr als 20 Firmen geltend gemacht.

Es ist jedoch höchst fraglich, ob die darbende Solarindustrie Europas angesichts der Nachricht aus Brüssel wirklich Grund zum Jubeln hat: Das nun eingeleitete Verfahren birgt einige Tücken, die Lage ist bei manchem Unternehmen bereits aussichtslos, und zu allem Überfluss ist die europäische Solarbranche selbst zerstritten über Nutzen und Schaden von Anti-Dumping-Maßnahmen.

Zu spät, um noch Weichen zu stellen

Der Grund: Die Unternehmen sind zwiegespalten. Zum einen in die Gruppe der darbenden Zellen- und Modulhersteller, die unter den billigen Konkurrenzprodukten leiden. Zum anderen in die heterogene Gruppe von Installateuren, Projektierern und Maschinenbauern, die von den Chinesen als Zulieferer oder Abnehmer profitieren.

Die Mehrheit der europäischen Solardienstleister kalkuliert in der eigenen Kostenrechnung längst mit den Billigpreisen chinesischer Zell- und Modullieferanten - allen voran Projektierer wie IBC Solar, Juwi, Phoenix Solar oder Wirsol. Letzterer hat in den vergangenen Jahren stark aufgebaut.

Allein die Tatsache, dass die EU-Kommission 15 Monate lang prüfen will, ob es Zölle gibt, dürfte den Zweck des Verfahren für viele Firmen obsolet machen. Anbieter wie Q-Cells oder Sovello sind bereits in der Insolvenz und können nicht mehr so lange warten.

Schwache Hoffnung für Solarworld und Q-Cells

"Die Frage ist, wie viele europäische Hersteller die nächsten 15 Monate überhaupt überleben werden", sagt Analyst Erkan Aycicek von der Landesbank Baden-Württemberg dann auch. Zumal sich der Preisverfall in der Zwischenzeit munter fortsetze: Chinesische Hersteller bieten Aycicek zufolge Module Großhändlern zum Preis 55 Cent pro Watt Spitzenleistung an, die deutschen kommen mit 70 bis 80 Cent kaum noch hinterher. Vor wenigen Jahren lag der Preis noch bei über drei Euro.

Selbst wenn die Chinesen dank billiger Kredite in der Heimat einen Wettbewerbsvorteil hätten, ändere das nichts an der Tatsache, dass es heute niemanden mehr gebe, der so billig Module verkaufen könne, sagt eine Branchenkennerin. "Es ist jetzt einfach zu spät, um noch Weichen zu stellen." Inzwischen hätten sich die Chinesen am Markt etabliert und viele europäische Hersteller verdrängt. "Zölle hätten vor fünf Jahren kommen müssen."

Immerhin will die EU-Kommission bereits nach neun Monaten über vorläufige Zölle entscheiden, wenn sie Beweise für unfaire Subventionen gefunden hat. Dabei könnte es um zinslose Kredite, kostenlos überlassene Grundstücke oder Exportbeihilfen für die Chinesen gehen.

Chinas Solarkonzerne stellen sich bereits um

Tatsächlich könnte ein solches Vorgehen beispielsweise dem deutschen Branchenprimus kurzfristig helfen. "Solarworld sollte einen gewissen Nutzen von Zöllen haben", sagt LBBW-Analyst Aycicek. Greifen die Maßnahmen, könnten sich die Preise von chinesischen und europäischen Modulen angleichen. Dann könnte etwa Solarworld zwar nicht mehr Geld für seine Produkte verlangen, aber aufgrund der Preisgleichheit wieder auf mehr Kunden hoffen, vor allem im Kerngeschäft mit Dachanlagen.

Ein höherer Absatz in diesem Segment würde die Probleme von Solarworld aber womöglich nicht vollständig lösen. "Das Unternehmen muss seine Kostenbasis deutlich senken", sagt Aycicek.

Auch der sachsen-anhaltinische Zellenhersteller Q-Cells könnte zu den Profiteuren einer Verteuerung von Importen aus China zählen. Das jüngst aus der Insolvenz heraus vom südkoreanischen Hanwha-Konzern übernommene Unternehmen hatte in der Vergangenheit wegen der vergleichsweise hohen Produktionskosten in Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Die Hanwha-Gruppe indes, die bislang Zellen über die Solartochter SolarOne in China produziert, könnte je nach Höhe potenzieller Strafzölle einen Teil der Produktion für das Europageschäft auf die deutschen Standorte verlagern.

Deutsche Firmen fürchten Handelskrieg

Ihre Flexibilität haben chinesische Firmen bereits in den Vereinigten Staaten unter Beweis gestellt - allerdings nicht im Sinne der dortigen Solarindustrie. In den USA werden - forciert - inzwischen Zölle auf Module mit chinesischen Zellen von bis zu 250 Prozent erhoben. Die Folge: "Statt aus China kommen die Zellen und Module dann eben aus Korea oder werden von China über Taiwan in die USA verschifft", sagt Matthias Fawer, der die Solarbranche für die Sarasin Bank analysiert.

Dass Zölle in Europa überhaupt kommen, ist zudem keineswegs sicher. Einerseits wird es vermutlich sehr schwer für die EU-Kommission, Dumping in China nachzuweisen. Ein entscheidendes Kriterium für Dumping ist, dass die Produkte auf dem Heimatmarkt (China) teurer sind als auf dem Exportmarkt (Europa). "Die Preise innerhalb des chinesischen Marktes sind teilweise noch niedriger als die Exportpreise", sagt jedoch Analyst Leonard Herbig vom Berliner Zentrum für Solarmarktforschung.

Zudem kann es nur zu Zöllen kommen, wenn die EU-Staaten mehrheitlich der Auffassung sind, dass sie der Gemeinschaft mehr nutzen als schaden. Nicht zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei ihrem China-Besuch vergangene Woche jedoch schon deutlich gemacht, dass sie Zölle verhindern will. Stattdessen setzt sie auf Verhandlungen.

Ähnliches war am Donnerstag aus dem Bundeswirtschaftsministerium zu hören: "Grundsätzlich ist und bleibt es das Ziel des Ministeriums, parallel zum Verfahren der EU-Kommission den Dialog mit China über Lösungsansätze für fairen Wettbewerbs bei Solarproduktimporten aus China - auch auf EU-Ebene - fortzusetzen", teilte eine Sprecherin der Behörde gegenüber manager magazin online mit. "Konfliktträchtige handelspolitische Auseinandersetzungen sind für beide Seiten wenig zielführend und sollten daher vermieden werden."

Solarzellen sind nur noch austauschbare Massenware

Die Kanzlerin wie auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) werden dabei im Hinterkopf haben, dass die europäische Solarbranche inzwischen zum Großteil aus Kraftwerksprojektierern, Zulieferern und nicht zuletzt Handwerkern besteht. Zell- und Modulproduzenten machen dagegen einen schrumpfenden Anteil aus.

"Das ist ja ein großer Verdrängungswettbewerb", sagt Sarasin-Analyst Fawer. Ähnlich sei es in der Textilbranche, der Halbleiterindustrie oder bei Flachbildfernsehern gewesen. Solarzellen und Module seien zu austauschbarer Massenware geworden, sagt Fawer. "Diese können wir nicht zurückholen."

Statt einer künstlichen Verteuerung von Zellen- und Modulpreisen, sieht er für die verbliebenen europäischen Hersteller die Chancen eher darin, auf der Systemebene zu punkten. "Da sprechen wir beispielsweise von in die Anlage integrierten Speichern und Software", sagt Fawer.

Ob europäische Firmen solche Systemlösungen allerdings auch in China absetzen können, scheint gerade angesichts des möglichen Handelskrieges noch nicht ausgemacht zu sein. "Sollte der chinesische Markt boomen", sagt Fawer, "muss eine Solarworld nicht mehr damit rechnen, dass sie dort große Absatzchancen hat."

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