Sonntag, 22. September 2019

Erneuerbare Energien Pioniere hoffen auf die Batteriewende

Erneuerbare Energien: Wie sich Ökostrom speichern lässt
A 123 Systems

Unternehmen wollen mit Batterien, die Ökostrom speichern, bald Milliarden umsetzen. Die ersten Investoren steigen nun bei Nischenprojekten ein. Doch noch steckt das Geschäft in den Kinderschuhen - wegen hoher Kosten und unklarer Rahmenbedingungen.

Hamburg - Mit Kleinkram hält sich Alexander Voigt nur ungern auf. Ihm liegen mehr die großen Visionen mit entsprechend flotten Ankündigungen. "Lasst die fossilen Energieträger in Frieden ruhen", ist der Leitspruch seines Unternehmens Younicos. Nach jahrelanger Vorbereitungszeit will Voigt nun diese Ansage Realität werden lassen - auf einer kleinen Insel mitten im Atlantik, 1300 Kilometer vom europäischen Festland entfernt. Bis 2014 installiert Younicos auf der Azoreninsel Graciosa ein neues Stromsystem, das die Insel mit bis zu 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien versorgen soll.

Grob vereinfacht soll das so funktionieren: Windräder und Solarzellen ersetzen zum Großteil jene fünf Dieselgeneratoren, die derzeit das Stromnetz der Insel speisen. Herzstück des Systems ist eine Riesenbatterie in der Größe zweier übereinander gestapelter Garagen. Sie gleicht im Zusammenspiel mit einer Netzmanagement-Software in Millisekunden Spannungsschwankungen aus - und verhindert, dass Glühbirnen zu flackern anfangen oder Sicherungen durchbrennen. Zudem versorgt die Batterie die 4800 Bewohner mit Strom, wenn die Sonne mal nicht scheint und der Wind nicht bläst.

Als Puffer für den Notfall wird einer der alten Dieselgeneratoren zwar noch bereitstehen. Doch mittelfristig will Younicos diesen mit Biodiesel betreiben und so auf eine 100-prozentige Ökostromversorgung kommen. Das Neue daran: In dem System sind erneuerbare Energien nicht mehr Ergänzung, sondern Kern der Stromversorgung.

Younicos wittert hinter der Kombination Batterie samt erneuerbare Energien ein großes Geschäft. "Fast überall, wo Dieselgeneratoren laufen, sind wir mit Wind und Sonne schon konkurrenzfähig. Der Markt ist gigantisch", schwärmt Voigt gegenüber manager magazin online. Das weitaus größere Geschäft versprechen allerdings ganze Batteriefarmen für große Solaranlagen und Stromspeicher in Privathäusern - doch dabei kämpfen die Pioniere noch mit großen Hürden.

Lukrativer Nischenmarkt

Mit seiner Insel-Idee stößt Younicos in eine vielversprechende Nische vpr. Experten zufolge sind weltweit Dieselgeneratoren mit einer Leistung von 600 Gigawatt installiert. Das entspricht der Leistung von rund 600 Kernkraftwerken. Der Großteil dieser Generatoren dient allerdings als Notfallsreserve, nur ein Zehntel der Generatoren läuft regelmäßig zur Stromerzeugung - doch selbst das ist noch ein Markt mit mehreren Milliarden Euro Umsatzpotenzial weltweit.

Die Diesel-Verstromung kommt abgelegene Inseln doppelt teuer: Zum einen ist der Transport per Tankschiff nicht gerade billig. Und zum anderen steigt der Dieselpreis seit Jahren, was die Stromkosten für die Inselnetzbetreiber stetig erhöht. Younicos Insel-Umstellung erfordert allerdings hohe Anfangsinvestitionen. Rund 25 Millionen Euro will Younicos künftige Projektgesellschaft auf der Azoreninsel investieren. Die entsprechenden Verträge mit dem lokalen Netzbetreiber EDA hat das Berliner Stromspeicher-Startup vor wenigen Wochen unterzeichnet.

Mit einem ausgeklügelten Vertrag sollen beide Seiten davon profitieren. Bislang war der auf Graciosa erzeugte Strom sehr teuer, da der Diesel mit Hilfe von zwei Tankschiffen auf die Insel geschafft werden musste. Younicos bekommt von EDA künftig eine Vergütung für den erzeugten Strom - verspricht aber im Vergleich zum herkömmlichen Dieselgenerator Einsparungen von mindestens 1,5 Millionen Euro über die nächsten 20 Jahre. Zu den Investoren zählen laut Younicos namhafte europäische Family Offices. Die Geldgeber der Projektgesellschaft sollen auf ihr eingesetztes Kapital eine Rendite von 10 bis 15 Prozent erhalten.

Zunächst muss Younicos auf Graciosa beweisen, dass die Kombination aus Ökostrom und Batterie tatsächlich funktioniert. "Bei Graciosa geht es eher darum, ein Geschäftsmodell aufzubauen", sagt Voigt, der in den Neunzigern den Solarkonzern Solon mitgründete. "Die Batterie ist nur ein Teil davon". Auf dem Firmensitz in Berlin-Adlerhof hat das Unternehmen die künftige Energieversorgung der Azoreninsel im Maßstab 1:3 nachgebaut - inklusive netzstabilisierender Großbatterie. In der Hauptstadt läuft das System laut Eigenangaben bereits einwandfrei.

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