Stromtrassenbauer Tennet "Ohne Haftungsregeln keine Investoren"

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner will neue Haftungsregelungen für Offshore-Windparks blockieren. Lex Hartman, Deutschland-Chef des Stromnetzbetreibers Tennet, warnt vor weiteren Verzögerungen beim Bau von Hochsee-Stromleitungen - und höheren Kosten für Stromkunden.
Hochsee-Windpark Bard 1: Die Konverterplattform ist fertig, doch erst ein Viertel der geplanten Windräder liefern Strom

Hochsee-Windpark Bard 1: Die Konverterplattform ist fertig, doch erst ein Viertel der geplanten Windräder liefern Strom

Foto: Ingo Wagner / DPA

mm: Herr Hartman, Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner legt sich gegen geplante Haftungsregeln bei Hochsee-Windparks quer. Diese sehen vor, dass Stromkunden einen Großteil des Schadenersatzes übernehmen , wenn die Stromtrassen zu den Windrädern im Meer ausfallen. Welche Konsequenzen hat das für ihre Pläne, private Investoren an den Anschlüssen von Windparks in der Nord- und Ostsee zu beteiligen?

Hartman: Wenn wir keine Haftungsregelungen bekommen, dann werden auch keine Investoren einsteigen. Oder die Bundesnetzagentur müsste die Rendite von derzeit 9,05 Prozent deutlich erhöhen. Finanzinvestoren akzeptieren eine in ihren Augen so niedrige Rendite nur, wenn das Risiko ähnlich gering ist wie bei Stromleitungen an Land. Das ist bei dem von der Netzagentur vorgegebenen System aber nicht der Fall.

mm: Weshalb?

Hartman: Für Leitungen an Land gibt es immer eine Ersatzleitung. Bei Netzanbindungen von Offshore-Windparks dürfen wir nur ein Kabel verlegen. Das ist aus Kosten- und Effizienzgründen so vorgegeben. Solche Verbindungen fallen aber manchmal aus, ihre Verfügbarkeit liegt bei etwa 95 Prozent. Das lehrt die Erfahrung. Da ist ein Ausfall kein Risiko mehr, sondern sehr wahrscheinlich. Wenn wir Offshore-Leitungen wie an Land bauen und doppelt verlegen, sind aber die Kosten doppelt so hoch. Die Konsequenz wäre, dass letztendlich die Rechnung für Stromkunden noch höher wäre.

mm: Rückt eine Lösung im Streit um den schleppenden Ausbau der Offshore-Anbindungen nun in weite Ferne?

Hartman: Wenn als Folge von Frau Aigners Einwänden keine Entscheidung getroffen wird, dann verzögert sich die Energiewende. Windparkentwickler, potenzielle Investoren und wir brauchen diese Systemänderung bei den Haftungsfragen. Offshore-Verbindungen können ausfallen. Windparkentwickler können die Ausfälle nicht zahlen, weil die Vergütungen für die Einspeisung dafür zu gering sind. Kein Investor ist bereit, bei jedem Anschluss jährlich ein paar hundert Millionen zu verlieren. Wenn wir Landverbindungen bauen, haften wir auch nicht für den Ausfall, obwohl diese Leitungen viel sicherer sind. Klare Haftungsregelungen sind notwendig, sonst kommen wir nicht weiter.

mm: Falls die Haftungsregelungen nicht beschlossen werden: Wie lange reicht ihr Geld noch, um die bislang vorgesehenen Stromanschlüsse von Offshore-Windparks zu finanzieren?

Hartman: Als Übertragungsnetzbetreiber sind wir für normale Situationen mit Kapital sehr gut ausgestattet. Die Banken geben uns ein A-Rating. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren knapp sechs Milliarden Euro in die Energiewende investiert. Dabei lag der Wert von Tennet Deutschland damals bei knapp einer Milliarde Euro. Aber es werden noch sehr viel mehr Investitionen nötig sein - und das in kurzer Zeit.

"Wir können das nicht alleine stemmen"

mm: Von welchen Investitionssummen gehen Sie bei der Anbindung der Windparks im Meer aus?

Hartman: Pro Gigawatt Offshore-Windparkleistung rechnen wir mit Anschlusskosten von mehr als einer Milliarde Euro. Alleine in der Nordsee sind das dann elf bis 13 Milliarden Euro. Dazu kommen noch die Ostsee-Projekte. Das können wir nicht alleine stemmen, und das haben wir der Bundesregierung schon vor Monaten mitgeteilt. Derzeit sind wir verpflichtet, zehn Anbindungen zu bauen, sieben davon mit Gleichstrom-Seekabeln und riesigen Konverterplattformen auf See. Die können wir wie geplant finanzieren, doch für zukünftige Anbindungen brauchen wir Investoren.

mm: Gibt es bisher genügend private Geldgeber, die in die teuren Leitungen investieren wollen?

Hartman: Jede Woche rufen bei uns Investoren an, viele davon aus Deutschland, aber auch aus dem Ausland. Dazu zählen Pensionsfonds, Versicherungen, große Banken, aber auch strategische Investoren aus der Branche. Sie alle sind an langfristigen Investitionen interessiert. Sie warten allerdings alle auf den Moment, bis die Politik die Rahmenbedingungen geändert hat, bis die Haftungsregelung und eine Planung da sind.

mm: Bislang liefern die Offshore-Windparks gerade mal 200 Megawatt Strom. Warum kommt der Ausbau nur schleppend voran?

Hartman: Die Pläne zur Energiewende sehen vor, dass Windkraftanlagen in der Nordsee bis 2022 elf Gigawatt Strom liefern sollen. In der Ostsee sollen Offshore-Windparks mit rund zwei Gigawatt Leistung stehen. Aber es gibt keinen koordinierten Plan. Die Entwicklung des Netzes auf dem Meer geht zu schnell, die von Offshore-Windparks und Stromnetzen an Land zu langsam. Damit läuft der Ausbau nicht parallel. Für den Offshore-Windpark Bard 1 haben wir etwa eine Plattform fertiggestellt, die eine Kapazität von 400 Megawatt hat. Doch die bislang installierten Windkraftanlagen liefern nur rund 100 Megawatt. Der Aufbau von Windrädern, Offshore- und Onshore-Netzen muss synchronisiert werden.

mm: Was läuft da aus ihrer Sicht schief?

Hartman: Wenn Offshore-Windparkentwickler bestimmte Bedingungen erfüllen, erhalten sie die Genehmigung und wir müssen eine Anbindung bauen. Mit unseren derzeit zehn parallelen Projekten werden wir 5,5 Gigawatt Nordsee-Windenergie an Land bringen. Das Regierungsziel haben wir damit halb erfüllt. Doch für den Windparkentwickler besteht keine Verpflichtung, die geplanten Windräder tatsächlich aufzustellen. Es gibt Genehmigungsanfragen für Offshore-Windparks mit insgesamt 25 Gigawatt Leistung. Gebaut werden können in den nächsten zehn Jahren realistisch Anlagen im Ausmaß von sieben bis acht Gigawatt. Ein Großteil der Pläne wird also nicht realisiert werden - wir wissen nur nicht, welche. Das ist nicht effizient.

"Fristen für Netzanschlüsse sind unmöglich zu schaffen"

mm: Welche Summen wollen sie von privaten Investoren eintreiben, um die Offshore-Windparks anzuschließen?

Hartman: Ohne einen klaren Ausbauplan mit Verpflichtungen lässt sich das nur schwer abschätzen. Das ist eines der größten Probleme für Investoren, die ja auch wissen wollen, um welche Summen es geht.

mm: In welcher Form wollen sie Geldgeber beteiligen?

Hartman: Wir werden sicherlich nicht einen Teil unseres Leitungsnetzes verkaufen. Auf Ebene der Offshore-Anbindungen können sich Finanzinvestoren mit Eigenkapital an einem oder mehreren Projekten beteiligen. Wir haben auch vorgeschlagen, eine separate Gesellschaft zu gründen, die für Offshore- und Gleichstromverbindungen an Land verantwortlich wäre. An ihr könnten sich Finanzinvestoren beteiligen. Auch andere Stromnetzbetreiber und strategische Investoren könnten einsteigen, wenn sie wollen.

mm: Die Bundesnetzagentur schreibt Tennet vor, dass sie genehmigte Windparks innerhalb von 30 Monaten an das deutsche Stromnetz anschließen sollen. Können Sie diese Vorgaben einhalten?

Hartman: Die Lieferzeiten in der Branche für Plattformen und Unterseekabel liegen derzeit bei 50 Monaten. Deshalb ist es praktisch unmöglich, die Netzanschlüsse in dieser Frist zu realisieren. Weltweit sind dafür nicht die Kapazitäten vorhanden.

mm: Die Verzögerungen bei den Windpark-Anschlüssen haben ihnen sogar die Klage eines Windparkprojektierers eingetragen. Ist Tennet mit der Energiewende überfordert?

Hartman: Es stimmt zwar, dass die Herausforderungen groß sind. Aber mit unseren Offshore-Projekten tun wir bereits mehr als jeder andere für die Energiewende. Und mehr als früher getan wurde. In der Vergangenheit haben die deutschen Energieversorger gerade mal 100 Millionen pro Jahr in ihre Leitungsnetze gesteckt. Das war nicht genug und muss nun nachgeholt werden.

mm: Als sie vor zwei Jahren Eons Stromnetze übernommen haben, war das Tempo der Energiewende noch nicht abzusehen. War ihre Entscheidung, in Deutschland einzusteigen, richtig?

Hartman: Ja. Die mit der Energiewende verbundenen Investitionen sind nicht nur für uns, sondern für ganz Deutschland sehr hoch. Und für Übertragungsnetzbetreiber sind das wunderbare Zeiten, weil die Netze so wichtig sind. Früher war das ein langweiliges Geschäft. Heute ist es eine große Herausforderung, auch wenn das Schwarze-Peter-Spiel nicht immer Spaß macht. Wir haben jedenfalls nicht vor, uns aus Deutschland zurückzuziehen.

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