Sonntag, 18. August 2019

AKW-Rückbau Kein Masterplan für Altmeiers Altmeiler

Arbeiter vor einem Schutzrohrblock des 1990 stillgelegten DDR-Kernkraftwerks Lubmin bei Greifswald: Mittelständler prägen den deutschen AKW-Rückbau

Allein in Deutschland werden die Kosten für den AKW-Rückbau auf bis zu 17 Milliarden Euro geschätzt. Weltweit sind es bis zu 500 Milliarden. Doch das Geschäft kommt nicht in Schwung. Es fehlt an Castoren, Endlagern, Richtersprüchen. Experten bringen nun eine "Deutsche Rückbau AG" ins Spiel.

Hamburg - Bis zu einer halben Billion Euro. So viel, glaubt man den Schätzungen der Unternehmensberater von Rochus Mummert, lässt sich weltweit in den kommenden Jahrzehnten mit dem Rückbau von Kernkraftwerken umsetzen. "Rund 600 Millionen bis hin zu einer Milliarde Euro stellen die deutschen Versorger bislang für den Rückbau pro Kernkraftwerk zurück", sagt Peter Trück, Managing Partner des Hamburger Beratungsunternehmens.

Gemeinsam mit dem Energieexperten Berthold Oberle hat er sich jüngst in einer Marktstudie mit dem Rückbau von Atomreaktoren beschäftigt. "Die Erfahrung zeigt, dass diese Rückstellungen bei unseren deutschen Sicherheitsstandards möglicherweise nicht einmal ausreichen", sagt Oberle. Denn zum tatsächlich erforderlichen Finanzbedarf für den Rückbau der größeren Anlagen gebe es bislang keine Erfahrung. "Das ist ein Rühren im Nebel."

Dass die Berater Recht behalten könnten, zeigt schon der Blick auf die bisherigen Bemühungen, die Altmeiler sachgerecht zu entsorgen. So stiegen die prognostizierten Rückbaukosten für das einst von Eon betriebene 650-Megawatt-Kernkraftwerk Würgassen in Ostwestfalen von zunächst 500 Millionen auf mittlerweile 700 Millionen Euro.

Mit anderen Worten, die Rechnung der Berater dürfte eher konservativ sein. Und doch hat sie einen Haken. Bis das Potenzial des Rückbaus von Atomkraftwerken erschlossen ist, werden wohl Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte vergehen.

Verzögerungen haben viele Gründe

Und das, obwohl allein im vergangenen Spätsommer bereits acht Großanlagen mit insgesamt 8.8 Gigawatt Leistung dauerhaft vom deutschen Netz gingen. Sie sollen zwar in den kommenden Jahren entkernt, zerlegt und entsorgt werden. Doch noch immer mangelt es an den Voraussetzungen.

So fehlt es beispielsweise an Castorbehältern, in die zunächst die Brennstäbe der stillgelegten Reaktoren verfrachtet werden müssen. Eine Voraussetzung, um überhaupt mit dem Ausweiden der Anlagen beginnen zu können.

Allein am AKW-Standort Krümmel bei Hamburg reichen die zwei vorrätigen Castoren ein Jahr nach dem Atomausstieg nur für ein Zehntel jener Brennelemente aus, die noch im Abklingbecken und dem Reaktor des Kernkraftwerks strahlen. An den anderen stillgelegten AKW-Standorten gibt es ähnliche Engpässe. Gerade einmal zwanzig leere Castorbehälter stehen derzeit zu Verfügung. Ein Vielfaches wäre nötig.

Die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), die die Atommüllbehälter baut und deren Anteilseigner die vier deutschen Atomkraftwerksbetreiber sind, macht fehlende Genehmigungen für den Mangel an Castoren verantwortlich. Doch selbst wenn die Zulassungen ab 2013 vorlägen, dürfte die von der GNS geplante Erhöhung der Fertigungskapazität von 50 auf 80 Behälter im Jahr kaum ausreichen, um noch einen Beginn des AKW-Rückbaus vor 2015 in Deutschland zu gewährleisten.

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