AKW-Rückbau Kein Masterplan für Altmeiers Altmeiler

Allein in Deutschland werden die Kosten für den AKW-Rückbau auf bis zu 17 Milliarden Euro geschätzt. Weltweit sind es bis zu 500 Milliarden. Doch das Geschäft kommt nicht in Schwung. Es fehlt an Castoren, Endlagern, Richtersprüchen. Experten bringen nun eine "Deutsche Rückbau AG" ins Spiel.
Von Kristian Klooß
Arbeiter vor einem Schutzrohrblock des 1990 stillgelegten DDR-Kernkraftwerks Lubmin bei Greifswald: Mittelständler prägen den deutschen AKW-Rückbau

Arbeiter vor einem Schutzrohrblock des 1990 stillgelegten DDR-Kernkraftwerks Lubmin bei Greifswald: Mittelständler prägen den deutschen AKW-Rückbau

Foto: dapd

Hamburg - Bis zu einer halben Billion Euro. So viel, glaubt man den Schätzungen der Unternehmensberater von Rochus Mummert, lässt sich weltweit in den kommenden Jahrzehnten mit dem Rückbau von Kernkraftwerken umsetzen. "Rund 600 Millionen bis hin zu einer Milliarde Euro stellen die deutschen Versorger bislang für den Rückbau pro Kernkraftwerk zurück", sagt Peter Trück, Managing Partner des Hamburger Beratungsunternehmens.

Gemeinsam mit dem Energieexperten Berthold Oberle hat er sich jüngst in einer Marktstudie mit dem Rückbau von Atomreaktoren beschäftigt. "Die Erfahrung zeigt, dass diese Rückstellungen bei unseren deutschen Sicherheitsstandards möglicherweise nicht einmal ausreichen", sagt Oberle. Denn zum tatsächlich erforderlichen Finanzbedarf für den Rückbau der größeren Anlagen gebe es bislang keine Erfahrung. "Das ist ein Rühren im Nebel."

Dass die Berater Recht behalten könnten, zeigt schon der Blick auf die bisherigen Bemühungen, die Altmeiler sachgerecht zu entsorgen. So stiegen die prognostizierten Rückbaukosten für das einst von Eon betriebene 650-Megawatt-Kernkraftwerk Würgassen in Ostwestfalen von zunächst 500 Millionen auf mittlerweile 700 Millionen Euro.

Mit anderen Worten, die Rechnung der Berater dürfte eher konservativ sein. Und doch hat sie einen Haken. Bis das Potenzial des Rückbaus von Atomkraftwerken erschlossen ist, werden wohl Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte vergehen.

Verzögerungen haben viele Gründe

Und das, obwohl allein im vergangenen Spätsommer bereits acht Großanlagen mit insgesamt 8.8 Gigawatt Leistung dauerhaft vom deutschen Netz gingen. Sie sollen zwar in den kommenden Jahren entkernt, zerlegt und entsorgt werden. Doch noch immer mangelt es an den Voraussetzungen.

So fehlt es beispielsweise an Castorbehältern, in die zunächst die Brennstäbe der stillgelegten Reaktoren verfrachtet werden müssen. Eine Voraussetzung, um überhaupt mit dem Ausweiden der Anlagen beginnen zu können.

Allein am AKW-Standort Krümmel bei Hamburg reichen die zwei vorrätigen Castoren ein Jahr nach dem Atomausstieg nur für ein Zehntel jener Brennelemente aus, die noch im Abklingbecken und dem Reaktor des Kernkraftwerks strahlen. An den anderen stillgelegten AKW-Standorten gibt es ähnliche Engpässe. Gerade einmal zwanzig leere Castorbehälter stehen derzeit zu Verfügung. Ein Vielfaches wäre nötig.

Die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), die die Atommüllbehälter baut und deren Anteilseigner die vier deutschen Atomkraftwerksbetreiber sind, macht fehlende Genehmigungen für den Mangel an Castoren verantwortlich. Doch selbst wenn die Zulassungen ab 2013 vorlägen, dürfte die von der GNS geplante Erhöhung der Fertigungskapazität von 50 auf 80 Behälter im Jahr kaum ausreichen, um noch einen Beginn des AKW-Rückbaus vor 2015 in Deutschland zu gewährleisten.

Warum sollte sich ein Frosch selbst trockenlegen?

Im Hinblick auf den Rückbau erweist sich auch die bislang ungelöste Frage nach dem Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle wie Betonschutt oder Metallschrott als Bremsklotz. Als Lagerstätte vorgesehen ist bislang das ehemalige Eisenerz-Bergwerk Schacht Konrad bei Salzgitter. Das Atommülllager sollte ursprünglich 2014 in Betrieb gehen. Inzwischen ist von 2019 die Rede. Ein Endlager für hochradioaktive Abfälle ist hingegen auf Jahre hinaus noch nicht gefunden.

Hinzu kommt: die Kraftwerksbetreiber haben das Thema Atom noch immer nicht abgeschrieben. So hat der schwedische Versorger Vattenfall Europe  angekündigt, ein internationales Schiedsgericht in Washington anzurufen, sollte die Bundesregierung den Konzern nicht für die abrupte Abschaltung seiner Kernkraftwerke in Krümmel und Brunsbüttel entschädigen. Eon  und RWE  indes haben schon vor Monaten Verfassungsklagen gegen die Zwangsabschaltung ihrer Meiler in Karlsruhe eingereicht. Bis zu einer Entscheidung, ob die 13. Novelle des Atomgesetzes verfassungswidrig ist, wollen sie den Rückbau aufschieben. Auch das kann Jahre dauern.

Stilllegungskonzepte und Rückbauanträge sind bis heute bei keiner der atomrechtlich zuständigen Landesbehörden eingegangen. "Warum sollte sich ein Frosch auch selbst trocken legen?", sagt Energieexperte Peter Trück. Der deshalb Anreize vorschlägt, um die Kraftwerksbetreiber zum schnelleren Rückbau ihrer Altmeiler zu animieren.

Masterplan lässt auf sich warten

Ein Vorschlag, der vor allem bei den betroffenen Unternehmen auf Gehör stoßen dürfte. "Da herrscht derzeit etwas schlechte Stimmung bei den Auftragnehmern", sagt der Branchenkenner, der mit den Rückbauverhandlungen zwischen Kraftwerksbetreibern und Kraftwerksbauern gut vertraut ist. Das Problem: Den Nuklearkonzernen fehlen die Einnahmequellen. Die Revisionsarbeiten liegen danieder, während das Rückbaugeschäft auf sich warten lässt.

Noch arbeiten rund 8500 Menschen in Deutschlands Atomkraftwerken. Ingenieurbüros, Zulieferer, Dienstleister und Rückbauexperten hinzugerechnet, dürfte noch einmal fast dieselbe Anzahl dazukommen. Angesichts des Stillstands im Zeichen der Energiewende macht das Wörtchen "Fachkräftemangel" immer häufiger die Runde.

Dass es Redebedarf gibt, hat inzwischen auch das Bundesumweltministerium festgestellt. Zwar seien "für die Stilllegung der Anlagen die Betreiber zuständig", teilt eine BMU-Sprecherin auf Anfrage mit. Aus Sicht des Bundesumweltministeriums wäre es allerdings hilfreich, wenn für den Abriss der deutschen Altmeiler ein "Masterplan" aufgestellt werden könnte.

Schließlich seien schon beim Bau der Kraftwerke gute Erfahrungen mit einem koordinierten Verfahren gemacht worden. Entsprechend "könnte auch beim Rückbau ein koordiniertes Vorgehen sinnvoll sein." Technische Prozeduren, Entsorgung des Atommülls und Genehmigungsverfahren könnten so erleichtert werden.

Eckpunkte für einen Masterplan werden schon diskutiert

Bei der Umsetzung bleibt die Behörde indes vage. Das Bundesumweltministerium plane, so die Sprecherin, "in einem ersten Schritt im Sinne einer Bestandsaufnahme" eine Grundlage für die Zusammenstellung von Eckpunkten eines solchen "Masterplans" zu schaffen. Auf dieser Grundlage würden dann Entscheidungen über weitere Gespräche mit den beteiligten Konzernen getroffen werden.

Wann die Bestandaufnahme abgeschlossen und ein Gesprächstermin anvisiert werden könnte, bleibt offen. Auch bei den großen Versorgern habe das Ministerium seither noch nicht angeklopft, heißt es bei diesen unisono.

An Vorschläge, welche Eckpunkte sich in einem von Regierung und beteiligten Unternehmen entwickelten Masterplan wiederfinden könnten, mangelt es indes nicht. So ist es in Deutschland bei bisherigen Rückbauprojekten bislang üblich gewesen, dass die Versorger den AKW-Rückbau weitgehend selbst koordinieren und die Teilarbeiten an spezialisierte Unternehmen vergeben.

Diese Spezialisten greifen dabei schon heute auf reichlich Erfahrung zurück. Seit den 50er Jahren wurden hierzulande dutzende Forschungsreaktoren, Brennelementefabriken, Wiederaufarbeitungsanlagen und Kernkraftwerke gebaut. Und seit den 70er Jahren wurden die ersten von ihnen auch schon wieder abgerissen. So war etwa der von 1987 bis 1995 demontierte und völlig beseitigte Versuchsreaktor Niederaichbach bei Landshut das europaweit erste komplett zurückgebaute Kernkraftwerk.

Mittelständler dominieren den Markt

Bis heute haben sich zahlreiche deutsche Spezialfirmen auf Teilaspekte solcher Rückbauten spezialisiert - sei das Zersägen und Zerlegen von Beton und Stahl, seien es Einlagerung, Transport und Recycling radioaktiv verstrahlter Metall- und Plastikteile, sei es die Bereitstellung von Spezialkränen oder Abbruchroboter.

Es sind vor allem Mittelständler, die den deutschen Markt prägen. Unternehmen wie die Kraftanlagen Heidelberg GmbH, die ebenfalls in Heidelberg ansässige Siempelkamp Nukleartechnik GmbH & Co. KG, die Sat-Kerntechnik GmbH aus Worms oder die Deutschlandtochter des schwedischen Mittelständlers Studsvik.

Darüber hinaus hat sich die bundeseigene Energiewerke Nord GmbH (EWN) - einst aus dem Mitarbeiterstab der Meiler Greifswald und Rheinsberg hervorgegangen - als Rückbauunternehmen einen Namen gemacht. Seit Jahren wracken die rund tausend EWN-Mitarbeiter die zwei ehemaligen DDR-Kernkraftwerke ab. Auch die Demontage des Versuchsreaktors im nordrhein-westfälischen Jülich ist inzwischen Aufgabe der EWN.

Unter Deutschlands Großkonzernen hat sich das nukleare Engagement im Zuge der Energiewende indes abgekühlt. Siemens-Chef Peter Löscher hat im vergangenen Herbst einen Schlussstrich unter das Kernkraftgeschäft gezogen. Und Roland Koch vom Mannheimer Baukonzern Bilfinger  sieht die Zukunft eher im Bau kleiner flexibler Gaskraftwerke und in der Modernisierung von Kernkraftwerken jenseits deutscher Grenzen.

Deutsches Modell contra amerikanisches Modell

Der Essener Baukonzern Hochtief  - schon am Bau der meisten deutschen Atomkraftwerke beteiligt - will hingegen explizit vom Rückbau profitieren. "Da steckt viel Musik für Hochtief drin", hatte Konzernchef Frank Stieler kurz nach der beschlossenen Energiewende gesagt.

Und auch die Deutschlandtöchter internationaler Nuklearkonzerne buhlen um Abwrackaufträge der deutschen AKW-Betreiber. Darunter die wirtschaftlich angeschlagene französische Areva, der US-Kraftwerksbauer Westinghouse oder die zum russischen Rosatom-Konzern gehörende Nukem Technology GmbH.

Ob die vielen Spezialanbieter dem deutschen AKW-Rückbau mehr dienen als schaden, darüber sind sich Experten allerdings uneins.

Wobei dem deutschen vor allem das sogenannte amerikanische Modell gegenübersteht. Es wird namentlich mit dem 2007 aus vier Spezialunternehmen gegründeten Atommüll- und Rückbaukonzern EnergySolutions verbunden. Der in Utah ansässige Konzern war bereits an der Dekontaminierung und Stilllegung von weltweit mehr als 60 nuklearen Anlagen beteiligt. Als Generalunternehmer hat EnergySolutions inzwischen zwei Kernkraftwerke zurückgebaut.

Kräftebündelung würde Sinn machen

Eine Kräftebündelung deutscher Spezialunternehmen, wie sie durch EnergySolutoins in den Vereinigten Staaten existiert, würde auch in Deutschland Sinn machen, folgt man der Argumentation des Energieexperten Berthold Oberle. Die Vorteile: niedrigere Kosten für Personal, Verwaltung, Genehmigungen und Ausrüstung.

"Ein einzelner Rückbauspezialist könnte den zeitgleichen Rückbau mehrerer Anlagen organisatorisch so steuern und koordinieren, dass sich die einzelnen Geschäftsprozesse und Arbeitsgänge ohne Leerlaufphasen für das Personal nahtlos aneinander anschließen", sagt Oberle. Wenn die vier großen Energieversorger in Deutschland das für alle 17 Blöcke jeweils für sich alleine machten, sei dies weniger wirtschaftlich. "Besser ist, wenn es einer für alle mit Hilfe einer gemeinsam abgestimmten Strategie macht."

Nicht jeder Experte teilt diese Ansicht. "Das deutsche Modell ist deshalb gut, weil an den Standorten ohnehin mehrere Hundert Mann starke Teams existieren", sagt Rückbau-Experte Sascha Gentes, der am Karlsruher Institut für Technologie Deutschlands einzigen Lehrstuhl für den Rückbau nuklearer Anlagen innehat. "Die Mitarbeiter kennen die Anlage", sagt Gentes. Und sie könnten in den Rückbauprozess eingebunden werden, wenn es etwa um Genehmigungsprozesse gehe. "Für die Ausführung selbst kommen dann externe Spezialisten zum Zuge."

AKW-Betreiber setzen auf eigenes Personal

"Viele Firmen, die vorher in der Revision der Kraftwerke tätig waren, werden sich in diesem Geschäftsfeld versuchen", sagt Gentes. "Für diese Unternehmen bricht ja ein großer Geschäftsbereich weg." Dass es zur Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens kommt, etwa einer "Deutschen Rückbau AG", hält er zwar nicht für wahrscheinlich.

Doch selbst wenn Eon , RWE  und Co. Geschmack an der Idee eines großen Rückbauunternehmens fänden, das international in einer Liga mit EnergySolutions oder Areva  spielen könnte, blieben viele Fragen offen. Etwa wie sich die einzelnen Spieler - vom Betreiber, über den Baukonzern bis hin zum Recycling-Spezialisten - an einem solchen Unternehmen beteiligen könnten, wie Ressourcen aufgeteilt, wer mit im Boot sitzen und ob das Kartellamt mitspielen würde.

Auch die Kommentare der AKW-Betreiber klingen nicht eben so, als hätten sie darauf gewartet, das Rückbaugeschäft in fremde Hände legen zu können. "Eon baut seit vielen Jahren erfolgreich seine Kernkraftwerke Würgassen und Stade zurück und unsere Mitarbeiter verfügen über umfassende Erfahrungen in diesem Bereich", sagt etwa Ralf Güldner, Chef der Eon-Atomenergiesparte und zugleich Präsident des Lobbyverbands Deutsches Atomforum.

Generell würden Initiativen begrüßt, die die Genehmigungsverfahren vereinfachten, sagt ein RWE-Sprecher. "Wir wissen aber auch, dass die jeweiligen Fachkenntnisse über die Anlage von großer Bedeutung sind. Der Essener Versorger ist gerade dabei, die Anträge für die beiden stillgelegten Blöcke in Biblis einzureichen. Von einer spezialisierten Rückbaugesellschaft ist dabei allerdings ebenso wenig die Rede wie beim Karlsruher Wettbewerber EnBW . Dieser überlässt die Federführung des Rückbaus der konzerneigenen EnBW Kernkraft GmbH, die derzeit schon den Rückbau des Atommeilers in Obrigheim abwickelt.

Koordinierungsbedarf nicht jedem klar

Besonders zurückhaltend zeigt sich der vierte Atomkraftwerksbetreiber im Lande: Vattenfall . "Die Frage, ob Rückbauarbeiten gegebenenfalls intern oder extern erledigt werden, fließen in den Prüfprozess ein", teilt eine Sprecherin mit. Eine wesentliche Rolle spiele dabei allerdings die Verfügbarkeit eines Endlagers für schwach- und mittelradioaktive Abfallstoffe.

Womit der Schwarze Peter wieder bei der Politik liegt. Allen voran beim Umweltminister. Dass Peter Altmeier diesen bald wieder abgibt, ist fraglich. Denn er selbst wies erst Mitte Juli darauf hin, dass nicht jedem "der Koordinierungsbedarf bei der Energiewende klar" gewesen sei.

Für September hat Altmeier nun erstmal ein Treffen mit Vertretern von Sozialverbänden, Verbraucherschützern und Politik einschließlich Kommunen angekündigt. Der Rückbau deutscher Atomkraftwerke dürfte dabei eher am Ende der Tagesordnungsliste zu finden. Irgendwo hinter der Frage um die Endlagerung des Atommülls, dem fehlenden Netzanschluss deutscher Offshore-Windparks, dem stockenden Ausbau der Stromtrassen vom Norden in den Süden, den darbenden Solarfirmen im Osten der Republik und den Versorgern im Westen, für die sich der Bau von Gaskraftwerken nicht mehr rechnet.

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