Sonntag, 22. September 2019

Solarboom Die 52-Gigawatt-Frage

Verbraucher gesucht: Wie Deutschland der Stromschwemme Herr wird
DDP

3. Teil: "Straßenbeleuchtung am Mittag sollten wir vermeiden"

Denkbar seien bei kleineren Brauereien und anderen Nahrungsmittelherstellern auch Eisspeicher, die am Wochenende oder nachts heruntergekühlt werden und die Kälte in den folgenden Tagen abgeben. Fischer nennt ein solches Vorgehen eine "Vision", weil es noch an maßgeschneiderten Verträgen mit Stromversorgern und der benötigten Informationstechnologie mangelt.

Große Firmen aus der Metallindustrie hingegen kaufen Strom bereits heute zum Börsenpreis ein - und könnten dies theoretisch bevorzugt tun, wenn Sonne und Wind die Preise drücken. In der Praxis sei dies aber kaum vorstellbar, sagt ein Sprecher des Aluminiumherstellers Norsk Hydro. "Wir können mit unseren Öfen höchstens mal eine Stunde vom Netz gehen." Mehr Strom als üblich zu verbrauchen, sei hingegen nicht möglich. Die Autoren einer Studie des Verbandes der Elektroindustrie (VDE) beziffern das Potenzial zusätzlichen Verbrauchs in der Branche denn auch nur auf 30 Megawatt.

Etwas besser sieht es in der Zementindustrie aus. Denkbar ist laut der VDE-Studie "eine veränderte Fahrweise der Zementmühlen nach alternativen Rahmenbedingungen (z.B. nach Windenergieerzeugung)". Gut 300 Megawatt zusätzliche Nachfrage ließen sich auf diese Weise mobilisieren. Der zeitweise höhere Zementausstoß müsste aber in zusätzlichen Speichern gelagert werden.

Die größte Hoffnung von Stromnetzexperten sind ohnehin private Haushalte und Büros. In einem Stromnetz der Zukunft könnten Wäschetrockner beispielsweise immer dann automatisch anspringen, wenn das Stromnetz mit Solar- oder Windstrom überfüllt ist.

Wärmepumpen und Klimaanlagen mit Steuerungspotenzial

Im Sommer bietet zudem die wachsende Zahl von Klimaanlagen Steuerungspotenzial, im Winter sind es die Wärmepumpen. Dabei geht künftig zusammengenommen um bis zu 20 Gigawatt. Auch Elektroautos und -Busse spielen in den Rechnungen eine große Rolle - sie könnten laut VDE zusammen weitere 15 Gigawatt "verschiebbare Nachfrage" auslösen.

Die wird in den kommenden Jahren aber noch nicht zur Verfügung stehen, während der Ausbau erneuerbarer Energien voranschreitet. "Die Menge an zuschaltbaren Stromabnehmern ist noch sehr überschaubar", sagt Physiker Roger Corradini von der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München.

Er setzt unter anderem darauf, dass kleine Batteriespeicher in Haushalte mit Solaranlage Eingang finden. Angesichts rapide fallender Erzeugungskosten für Solarstrom könnte es sich für manche Hausbesitzer schon in Kürze lohnen, Strom am Mittag nicht nur direkt zu verbrauchen, sondern auch für den Abend zwischenzuspeichern. Das wäre dann billiger als Strom zum Fernsehen und Kochen aus dem Netz zu kaufen.

Fernwärme und Fernkälte mit dem Heizstab

Ähnlich kalkulieren bereits manche örtliche Versorger und kommen auf zunächst skurril anmutenden Ideen. Einige wollen ihre Fernwärmesysteme bald mit überschüssigem Strom aus erneuerbaren Energien betreiben, indem sie einfach Heizstäbe in die Wasserkessel einbauen. Vattenfall Börsen-Chart zeigen plant eine solche Anlage in Wedel bei Hamburg. Die Insel Helgoland will sogar eigens Windräder bauen, um mit diesem Prinzip ihr Ölkraftwerk zu ersetzen.

Theoretisch könnten Versorger auch überschüssigen Solarstrom im Sommer nutzen, um Fernkälte zu erzeugen - angelehnt an das Vorgehen der Stadtwerke Chemnitz. Diese erzeugen das zunächst benötigte heiße Wasser allerdings in einem konventionellen Heizkraftwerk.

An Ideen mangelt es den Architekten des Energiesystems der Zukunft nicht. Um jeden Preis verhindern wollen sie absurde Notlösungen, wie ein Insider sagt. "Wenn Stadtverwaltungen an einem Sommertag mittags die Straßenbeleuchtung einschalten, kann man das niemandem erklären."

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