RWE-Manager Hans Bünting "Solarstrom ist in Deutschland bald wettbewerbsfähig"

Der Energiekonzern RWE bricht mit der Vergangenheit. Statt auf Atomenergie setzen die Essener verstärkt auf Wind- und Solarstrom. Hans Bünting, Chef der Erneuerbarensparte Innogy, beschreibt den Kulturwandel im Konzern und wie RWE mit Fotovoltaik in Deutschland Geld verdienen will.
Von Kristian Klooß und Nils-Viktor Sorge
Solaranlage auf Firmendach: RWE will verstärkt ins Geschäft mit der Fotovoltaik einsteigen

Solaranlage auf Firmendach: RWE will verstärkt ins Geschäft mit der Fotovoltaik einsteigen

Foto: dapd

mm: Herr Bünting, der ausgeschiedene RWE-Chef Jürgen Großmann sagte vor wenigen Monaten, Fotovoltaik in Deutschland sei so sinnvoll wie Ananaszucht in Alaska. Nun steigen Sie trotzdem in das Geschäft ein. Ein bemerkenswerter Sinneswandel.

Bünting: Den Ananas-Vergleich unterstreiche ich - auch heute noch. Deutschland hat so viel Sonneneinstrahlung wie Alaska, das ist Fakt. Wir sehen aber, dass die Politik in Deutschland auf diese Erzeugungsform setzt und sie nutzen will. Da ist es doch selbstverständlich, wenn wir uns damit auch auseinandersetzen.

mm: Der Solarboom hat Sie also kalt erwischt.

Bünting: Die Entwicklung der Kosten für Fotovoltaikmodule haben wir vor drei Jahren so nicht gesehen. Das haben auch viele deutsche Solarunternehmen so nicht eingeschätzt, sonst müssten sie jetzt nicht in Insolvenz gehen. Offensichtlich auch nicht der Gesetzgeber, sonst hätte er die Absenkung der Förderung auch schon vorher beschlossen. Da wurde ja ebenfalls nachjustiert.

mm: RWE  will in Deutschland nun Solardächer installieren. Wie Hunderte andere Firmen auch.

Bünting: Wir werden jetzt nicht überall in kleinen Einheiten Solardächer montieren, die dann RWE gehören. Wir werden zwar mit Partnern, allen voran den Kommunen, die Installation großer Fotovoltaik-Dachanlagen vorantreiben. Was RWE aber mehr interessiert ist die Integration in das System. Unsere Kompetenz ist es zu zeigen, wie das geht. Dieses Geschäft wird derzeit von unserem Schwesterunternehmen RWE Deutschland entwickelt.

mm: Die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) nützt Ihren neuen Solaraktivitäten, schadet aber dem klassischen Geschäft des RWE-Konzerns. Wenn noch mehr Solaranlagen gebaut werden, müssen Kohlekraftwerke häufiger vom Netz.

Bünting: Das ist so. Und ich sage es ganz offen. Der Zubau wird weiterhin ungehemmt weitergehen. Das ist nicht unbedingt gut. Denn so wird eine vergleichsweise ineffiziente Erzeugungsart gefördert. Auch der Netzausbau muss ja hinterherkommen. Wenn wir erst einmal die jetzt festgelegte Solarkapazität von 52 Gigawatt erreicht haben, und die Sonne scheint mal richtig, dann wird ganz Deutschland mit Strom aus Fotovoltaik überversorgt. Was machen wir dann mit dem Strom aus Wind, Biomasse und Blockheizkraftwerken?

Subventionsfreier Solarstrom für italienische Supermärkte

mm: Was ist die Antwort von RWE Innogy auf diese Frage?

Bünting: Der Netzausbau muss Vorrang haben damit wir den erzeugten Strom in Deutschland - und auf lange Sicht auch in ganz Europa - auch wirklich zum Verbraucher bringen können.

mm: Können Sie von der absehbaren Überversorgung profitieren?

Bünting: Wir können helfen, sie in die richtigen Bahnen zu lenken. Ein Thema ist, wie integriere ich Fotovoltaik ins Haus. Ein Teil des Stroms ist ja schon heute für den Selbstverbrauch vorgesehen. Wenn Haushalte mehr als 70 Prozent der installierten Kapazität tatsächlich produzieren, müssen sie die restlichen 30 Prozent entweder selbst verbrauchen oder, salopp gesagt, in die Erde leiten. Die Frage ist also, wie schaffe ich es, einen Fotovoltaikanlage so in den Haushalt oder in den Geschäftsbetrieb zu integrieren, um die optimale Ausbeute herauszuholen.

mm: Für dieses Geschäftsmodell brauchen Sie in Deutschland aber die Vergütungen des EEG.

Bünting: Innogy tummelt sich vor allem im Großkundengeschäft. Dort ist geplant, in jenen Regionen Fuß zu fassen, wo heute schon mit Solarstrom subventionsfrei Lieferungen an Kunden möglich sind. Das wird uns zunächst in Südeuropa gelingen - aufgrund der höheren Einstrahlungswerte. Zielgruppe sind gewerbliche Kunden wie Supermarktketten in Italien und Spanien, die ihre Stromkosten durch die Solaranlage auf dem Dach drücken können. In Deutschland liegen die Erzeugungskosten bei Gewerbekunden noch immer über der Netzparität. Sobald sich das ändert, gibt es die Option, die Strategie auch hier umzusetzen.

mm: Wann rechnen Sie damit?

Bünting: Es wird in wenigen Jahren der Fall sein. Zunächst geht es aber nicht ohne das EEG. Dabei wollen wir für die Marktintegration der erzeugten Energie die Marktprämie nutzen, wie es im Bereich der Windenergie schon gängige Praxis ist. Wir bieten den Produzenten von Solarstrom also ein Kooperationsmodell an, bei dem wir deren Solarstrom direkt an der Börse oder an Endkunden vermarkten.

mm: In diesem Geschäft versuchen sich ebenfalls schon eine Reihe von Unternehmen der Erneuerbaren-Energien-Branche…

Bünting: …die ihr Know-how vor allem in der Erzeugung haben. Wenn es um das Strommanagement, intelligente Zähler und vieles mehr geht, können wir deutlich punkten. Das Thema Smart Home, Smart Meter, da sind wir ja auch schon länger auf dem Markt.

"Ich hoffe, bei uns geht die Sache anders aus als bei IBM"

mm: Ein drittes wichtiges Geschäftsfeld soll für RWE Innogy die Stromerzeugung in Nordafrika werden. Wie kommen Sie bei Desertec voran?

Bünting: Wir sind für unser erstes Vorhaben in Marokko optimistisch. Dort kombinieren wir Windkraft und Fotovoltaik. Geplant ist eine Leistung von 100 Megawatt. Nicht nur die Sonnenscheindauer ist lang, auch die Windverhältnisse in Marokko sind exzellent. Das ermöglicht uns eine Stromerzeugung, die ohne Subventionen auskommt.

mm: Wem wollen Sie den Strom verkaufen?

Bünting: Den Strom werden wir Stromversorgern und Industrieunternehmen vor Ort anbieten.

mm: Der neue RWE-Chef Peter Terium hat gesagt, der Konzern steht vor einem Umbruch wie einst IBM. Der IT-Konzern musste in den 80er-Jahren den Wandel vom Großrechner zum Personalcomputer verkraften. Passt dieses Bild?

Bünting: Ich hoffe, bei uns geht die Sache anders aus als bei IBM. Immerhin bauen die heute keine Computer mehr. Aber tatsächlich erleben wir einen fundamentalen Wandel der Energiewirtschaft - weg von klassischen Großkraftwerken - hin zu einem kleinteiligerem Erzeugungsmodell. Jeder Privatmann kann da mitmachen, es gibt Beteiligungen an Wind- und Solarparks in jeder Größenordnung. Der Consumer wird zum Prosumer, der selbst Strom abgibt. Es wird allerdings auch noch Jahrzehnte lang Großkraftwerke geben. Erneuerbare und konventionelle Kraftwerke - beide Erzeugungsarten werden also noch lange zusammenleben.

mm: Wird daraus eine Dauerkonkurrenz unter einem Konzerndach?

Bünting: Das entscheidende ist, dass wir die Geschäftsmodelle übereinander bringen. Ich sehe da keine Konkurrenz, sondern Koexistenz.

mm: Wo sehen Sie Synergien?

Bünting: Im Bereich der Erneuerbaren gibt es ja auch manche Großprojekte - zum Beispiel die Wasserkraft- und Offshore-Windanlagen. Da lassen sich in der Projektentwicklung Synergien heben. Im Betrieb gibt es auch Überschneidungen. In den Werkstätten unserer Braunkohle-Einheit bei RWE Power reparieren die Mitarbeiter zum Beispiel auch die Getriebe von Windrädern. Bei der Elektrotechnik oder dem Einkauf gibt es ebenfalls Synergien. Wir brauchen für Windparks genauso Kabel und Transformatoren wie wir sie für unsere Netze brauchen.

"Es gibt einen Kulturwandel bei RWE"

mm: Wie verändert die neue Energiewelt einen Konzern wie RWE?

Bünting: Es gibt einen Kulturwandel. Dezentralität heißt mehr Dynamik, kleine Einheiten reagieren schneller. Es wird Aufgabe von Innogy sein, schnell auf Änderungen der Rahmenbedingungen zu reagieren - wie beim Thema staatliche Förderungen.

mm: Länder wie Spanien kürzen ihre Förderung mal eben von einem auf den anderen Tag. Hängt die Schuldenkrise also wie ein Damoklesschwert über Ihrem Geschäft?

Bünting: Wir streuen das Risiko in Europa. Der Vorteil von RWE wird auch darin liegen, schnell in Märkte vorzudringen, in denen es keine Förderung mehr gibt.

mm: Sie haben im Juli Fritz Vahrenholt als Innogy-Chef abgelöst. Was werden Sie anders machen als Ihr Vorgänger?

Bünting: Die Strategie wird sich nicht dramatisch ändern, die habe ich ja mit Fritz Vahrenholt schon gemeinsam erarbeitet. Auf der politischen Seite muss ich aber sicher noch etwas mehr einsteigen.

mm: Aber es wird schon Änderungen geben?

Bünting: Wir sind jetzt in einer neuen Phase. Innogy ist nicht mehr klein und mittlerweile fest etabliert im Konzern. Bisher haben wir vor allem geplant, jetzt müssen wir verstärkt bauen und bestehende Anlagen betreiben.

mm: Innogy hat sich also etabliert - da passt es, dass Sie gelernter Controller und RWE-Eigengewächs sind. Anders als Ihr Vorgänger Fritz Vahrenholt, ein Naturwissenschaftler und Ex-Politiker.

Bünting: Ich sehe mich ja längst nicht mehr nur als Controller. Ich habe bei RWE bereits den Handel im liberalisierten Strommarkt mit aufgebaut. Das war auch eine Kulturrevolution. Neue Geschäftsfelder auf- und auszubauen, wie jetzt auch bei Innogy, das sehe ich als eine meiner Kompetenzen.

mm: Für Ihre Pläne brauchen Sie auch Co-Investoren. Die werden wenig begeistert sein über die ständigen Verzögerungen der Netzanbindung, die Sie seit November vergangenen Jahres im Bereich Offshore-Wind bekanntgeben.

Bünting: Dort wo es hakt, ist das Kapital ein scheues Reh. Weshalb die Investitionen derzeit eher in den Onshore-Bereich fließen.

"Offshore-Wind muss wieder mit Fotovoltaik mithalten können"

mm: Erst vor wenigen Wochen gab der für den Anschluss Ihres Windparks Nordsee Ost zuständige Netzbetreiber Tennet weitere Verzögerungen von mehreren Monaten bekannt.

Bünting: Das hat uns bei diesem Projekt in gewisse Probleme gestürzt. Tennet hat uns immer noch kein endgültiges Datum genannt, zu dem unser Windpark ans Netz angeschlossen werden kann. Wie sollen wir so planen?

mm: Die zusätzlichen Kosten beziffern Sie schon jetzt auf 100 Millionen Euro plus X. Wann werden Sie Klage einreichen?

Bünting: Ich kann eine Klage erst dann einreichen, wenn der Schaden eingetreten ist. Und der Schaden ist bislang nicht eingetreten, da der ursprüngliche Starttermin noch nicht erreicht worden ist.

mm: Die Bundesregierung hat in dieser Woche Eckpunkte für gesetzliche Haftungsregeln vorgelegt. Darin werden Parkbetreibern wie RWE Innogy bei noch nicht erfolgter Anbindung oder Netzunterbrechungen gesetzlich bis zu 90 Prozent der entgangenen Erlöse erstattet. Sind Sie zufrieden?

Bünting: Mit dem Konzept haben die beiden Bundesministerien angemessen auf die Vorschläge der AG Beschleunigung Netzanbindung reagiert.

mm: Was bedeutet das konkret für RWE Innogy?

Bünting: Das erhöht die Chancen, dass wir weitere Projekte dieser Art machen. Für mich ist das Problem der Haftung aber erst gelöst, wenn wir einen praxisnahen Gesetzesentwurf vorliegen haben.

mm:. Ein anderes Problem ist, dass konkurrierende Technologien wie die Fotovoltaik immer günstiger werden und die Geldgeber lieber dort investieren.

Bünting: Dieses Risiko besteht. Derzeit rechnen wir mit Vollkosten von 120 bis 160 Euro pro Megawattstunde beim Offshore-Strom, in Deutschland auf Grund der weiten Entfernung zum Land eher mit dem letzteren. Das muss runter in Richtung 100 Euro. Dann kann Offshore-Wind auch wieder mit Fotovoltaik mithalten. Denn was wir unbedingt brauchen, ist ein Technologiemix. Fotovoltaik liefert ab morgens um acht, wenn die Sonne aufgeht, Strom bis abends um sieben, wenn die Sonne untergeht. Wind hingegen hat den großen Vorteil, bis zu 6000 Stunden im Jahr verlässlich Strom zu liefern. Auch die Akzeptanz in der Bevölkerung und die begrenzten Flächen an Land sprechen für Offshore.

mm: Bis zum 1. September können Sie weitere Netzanschlüsse für Offshore-Windparks beantragen. Bis dahin soll auch das Gesetz zum beschleunigten Netzausbau in Kraft sein. Dem Wachstum von Innogy steht dann nicht mehr viel im Weg. Werden Sie bis 2020 zur wichtigsten RWE-Konzern-Tochter werden?

Bünting: Ich würde sagen, wir sind jetzt gerade ins Teenageralter gekommen. Bis 2020 wollen wir ein gleichberechtigtes und ausgewachsenes Mitglied der RWE-Familie sein.

mm: Sie kommen jetzt also in die Pubertät. Werden Sie sich bald mit der Konzernmutter anlegen?

Bünting (lacht): Nein, wir fühlen uns sehr wohl. Und noch sind wir vom Rest des Konzerns abhängig. Schließlich entfallen bei RWE rund die Hälfte der Wachstumsinvestitionen auf die Erneuerbaren. Wir brauchen als Teenager immer noch Taschengeld, wollen es aber mit Zinsen zurückzahlen.

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