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Neuer RWE-Chef: Die Her­aus­for­de­run­gen für Peter Terium

Foto: Lars Baron/ Getty Images

Neuer RWE-Chef Terium Offshore-Anschluss verzögert sich länger

Der Energiekonzern RWE fürchtet hohe finanzielle Einbußen, nachdem sich der Anschluss des Offshore-Windparks Nordsee Ost länger verzögert als bislang bekannt. Dabei hat der ab dem 1. Juli in Essen regierende RWE-Chef Peter Terium auf den Zukunftsmarkt gesetzt.

Berlin - Die Anbindung der Windparks in der Nordsee droht sich weiter zu verzögern und den Energiekonzernen RWE schwere finanzielle Schäden zuzufügen. Der neue Konzern-Chef Peter Terium sagte dem "Spiegel", der zuständige Netzbetreiber Tennet habe dem Konzern gerade mitgeteilt, dass "es weitere massive Verzögerungen beim Anschluss unseres Offshore-Windparks Nordsee Ost gibt". Damit sei die Wirtschaftlichkeit des Projektes nordöstlich von Helgoland extrem gefährdet. Er forderte die Regierung auf, schnellstens eine Lösung des Problems zu suchen und mit den Investoren über einen "wirtschaftlichen Ausgleich zu reden".

Falls dies nicht geschehe, seien die deutschen Offshore-Planungen bis zum Jahr 2020 nicht mehr erfüllbar. Viele der eigentlich für Deutschland geplanten Parks würden dann in Großbritannien gebaut. Bislang sollte der 30 Kilometer nördlich von Helgoland gelegene 295-Megawatt-Windpark Nordsee Ost 2013 in Betrieb gehen.

RWE investiere Milliarden in die Windparks, die zugesagten Netzanschlüsse seien aber nicht vorhanden. Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerium haben bereits eine Arbeitsgruppe zur Beschleunigung der Netzanbindung eingerichtet. Bis zur Sommerpause will die Regierung einen Gesetzentwurf vorlegen, um Haftungsfragen bei der Offshore-Windenergie zu lösen und damit ein wesentliches Hindernis beim Netzanschluss zu beseitigen. Die unklare Situation führte dazu, dass Tennet Kapital fehlte, um die Windparks an das Netz anzuschließen. Zudem ist die Verlegung solcher Seekabel Neuland.

Diskutiert wird zur Klärung der Haftungsfrage, dass die Netzbetreiber künftig Ausgleichszahlungen gegenüber den Betreibern geltend machen könnten, die durch Leitungsprobleme beim Windstrom fällig werden. Dies könnten stärker über den Strompreis wieder hereingeholt werden. Die Anbindungskosten für Windparks auf See werden über die Netzentgelte auf die Stromkunden umgelegt - auch deshalb kann der Strompreis steigen. Bis 2030 sollen Windparks in Nord- und Ostsee mit einer Leistung von 25.000 Megawatt entstehen und so 15 Prozent des Strombedarfs in Deutschland decken.

Offshore-Windkraft Kernfeld des künftigen Geschäfts

Für RWE  gilt der Ausbau der Offshore-Windkraft als Kernfeld des künftigen Geschäfts. Andere Konzernbereiche werden indes zurückgefahren. So verkündeten die Essener jüngst, keine neuen Atomkraftwerke mehr bauen zu wollen- weder im Inland noch im Ausland. "Wir werden nicht mehr in neue Kernkraftwerke investieren", hatte RWE-Chef Terium bereits Wochen vor seinem Amtsantritt gesagt. Der Manager verabschiedet sich damit vom Pro-Atom-Kurs seines Vorgängers Jürgen Großmann. Konkurrent Eon  hält sich dagegen die Option zum Neubau von Reaktoren im Ausland ausdrücklich offen. "Wir entscheiden das je nach Markt", sagte Konzernsprecher Carsten Thomsen-Bendixen.

Doch auch beim Bau neuer Gas- und Kohlekraftwerke tritt Terium auf die Bremse. Auch konventionelle Kraftwerksprojekte werde RWE "in absehbarer Zeit" nicht in Angriff nehmen, sagte der Manager. Die regulatorischen Rahmenbedingungen dafür seien in Europa zurzeit nicht gegeben. Der Hintergrund: Wegen des Einspeisevorrangs für erneuerbare Energien und gesunkener Großhandelspreise wird der Betrieb konventioneller Kraftwerke für die Energiekonzerne zunehmend unattraktiv.

Auch das das Gaspipeline-Projekt Nabucco hat RWE inzwischen auf den Prüfstand gestellt. Die Hintergründe sind Verzögerungen und die Kostenexplosion bei Nabucco. Die ursprünglich geplante Kalkulation von rund 8 Milliarden Euro haben sich inzwischen auf 15 Milliarden Euro fast verdoppelt. Nun ist eine Verkleinerung des Vorhabens im Gespräch.

Statt in Atomkraftwill Terium verstärkt in erneuerbare Energien investieren. Dabei kommt auch die bislang von RWE eher kritisch beurteilte Solarenergie zu neuen Ehren. Der Preisverfall bei Solarmodulen sei um ein Vielfaches höher ausgefallen als erwartet, sagte Terium. Vor allem in Südeuropa und Nordafrika würden Investitionen in Sonnenenergie damit attraktiv.

Selfmade-Milliardär will wieder Privatperson werden

Beim Energiekonzern RWE wird mit dem Antritt Peter Teriums ein neuer Wind wehen. Der Atomverfechter Jürgen Großmann macht dem Niederländer zum 1. Juli im Obergeschoss der 127 Meter hohen RWE-Turms in Essen Platz.

Großmann stand für die alte RWE mit dem Standbein Atomkraft. Terium muss sich um die Zukunft mit dem Ausbau grüner Energien verdient machen. Praktisch tut er das schon. Der 60-Jährige Großmann hatte ihm schon vor Monaten nach und nach das Ruder überlassen.

Der scheidende Chef hat aber nicht nur die Auszeichnung Atom-Dino der Kernkraftgegner verdient. Immerhin hat RWE unter seiner Regie 2008 mit der Gründung einer eigenen Gesellschaft für erneuerbare Energien die Weichen für die Zukunft gestellt. Dass er dabei wortgewaltig die Atomkraft verteidigt hat, war auch sein Auftrag. Mit den Meilern ließ sich gutes Geld verdienen. Außerdem sorgte die Kernkraft dafür - und tut es in kleinerem Umfang noch heute - dass die katastrophale CO2-Bilanz des Konzerns nicht noch schlechter ausfällt. RWE stützt seine Stromproduktion auf Braun- und Steinkohle.

Peter Terium ist der zweite Niederländer an der Spitze nach Harry Roels (2003 bis 2007). Der 48-jährige Terium, der von der niederländischen Tochter Essent nach Deutschland kam, müsste in seiner Amtszeit schon Gigawatt-weise grünen Strom produzieren, um die CO2-Lasten der fossilen Kraftwerke abzufedern. Sie kosten nicht nur Ansehen, sondern auch viel Geld. Ab 2013 müssen die Stromerzeuger Milliarden für die Verschmutzungszertifikate aufbringen, selbst wenn die Preise für die Zertifikate derzeit niedrig sind.

Skifahren beim Weltwirtschaftsforum

Großmann braucht nicht mehr mit Kanzlerin Angela Merkel um Kernkraft zu feilschen und sich auch nicht mehr über die Verzögerungen bei der Anbindung von Ofshore-Windanlagen in der Nordsee zu ärgern. Er steigt aus der Stromwirtschaft aus. Nötig hatte der Selfmade-Milliardär, der sein Glück im Stahlgeschäft gefunden hatte, schon den lukrativen Job bei RWE nicht mehr.

Er will jetzt wieder "Privatperson" werden. In seinem Fall ist das aber nicht mit "zur Ruhe setzen" zu interpretieren. Seiner Stahlwerksgruppe Georgsmarienhütte bleibt er treu. Vielleicht wird er wieder beim Weltwirtschaftsforum in Davos Skifahren. Und in Osnabrück dürfte man ihn als Gast seines eigenen Sternerestaurants finden. Man sieht dem mehr als zwei Meter großen und meist jovial auftretenden Manager an, dass er zu Leben versteht.

Terium kommt rein faktisch etwas kleiner daher. "Uns unterscheiden 23 Zentimeter und 73 Kilogramm", hatte er kurz nach seinem Start an der Seite von Großmann gesagt. Klein wirkt er aber nur neben dem Riesen. Mit RWE  hat er eigene Pläne.

In Sachen Solarenergie will er den Konzern öffnen. Südeuropa und Nordafrika stehen im Fokus, in Deutschland kann sich Terium Solar-Kooperationen mit Stadtwerken vorstellen. Großmann stand der Sonnenenergie verschlossen gegenüber. Auch auftreten will der gelernte Buch- und Steuerprüfer nicht wie Großmann. Er sei ein Teamplayer, der nicht wie sein Vorgänger vorweg gehe und das Unternehmen ins Schlepptau nehme. Ruhrbaron will er also nicht werden.

Machtwechsel bei RWE: Peter Terium und die interne Energiewende

krk/dpa
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