Donnerstag, 19. September 2019

Trotz Atomausstieg Deutschland blieb 2011 Stromexporteur

Windräder in Schleswig-Holstein: Deutschland produziert mehr Strom, als es braucht - unter Idealbedingungen

Die Atomlobby warnte vor einer Stromlücke, doch das Gegenteil ist eingetreten: Obwohl acht Kernkraftwerke abgeschaltet wurden, hat Deutschland 2011 Elektrizität ins Ausland verkauft. Kritisch wird unsere Versorgungslage aber wohl dennoch wieder im Winter - wie auch schon zuvor.

Hannover - Energieversorger und Industrie hatten gewarnt: Sollte Deutschland den Atomausstieg durchziehen, drohe dem Land eine Stromlücke. Unterm Strich aber hat sich die Sorge bisher nicht als berechtigt erwiesen: Im vergangenen Jahr verkaufte Deutschland trotz der Abschaltung von acht Atomkraftwerken Strom ins Ausland. Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) exportierte Deutschland netto 6000 Gigawattstunden.

2010 habe Deutschland allerdings noch 17.700 Gigawattstunden ausgeführt, sagte Hildegard Müller, Hauptgeschäftsführerin des BDEW, auf der Hannover Messe. Die Versorgungslage sei zudem trotz der Exporte im vergangenen Winter mehrfach kritisch gewesen. "Auch im nächsten Winter wird es noch einmal eng", sagte Müller. Das habe allerdings nicht nur daran gelegen, dass weniger Strom produziert wurde. Bei den regionalen Problemen hätten auch Mängel beim Netzausbau und das Zusammenspiel von Strom- und Gasmarkt eine Rolle gespielt.

Allerdings wird sich die Situation laut Müller bis ins Jahr 2014 entspannen, denn die Energiebranche plant Milliardeninvestitionen in neue Kraftwerke. Derzeit gibt es laut BDEW bundesweit 69 konkrete Pläne für neue Kraftwerke: 29 Gas- und 17 Kohlekraftwerke, 23 Offshore-Windkraft-Projekte sowie zusätzlich zehn Pumpspeicherkraftwerke. "Die Projekte entsprechen einer installierten Leistung von rund 42.000 Megawatt und einem Investitionsvolumen von mehr als 60 Milliarden Euro", sagte Müller.

Ausbau von Offshore-Windparks und Gaskraftwerken stockt

Investoren seien nicht nur große Energiekonzerne, sondern auch Stadtwerke und private Investoren. Dass alle Anlagen auch tatsächlich gebaut werden, ist dem Branchenverband zufolge aber keineswegs sicher. Sowohl bei den Ausbauplänen für erneuerbare Energien gebe es Hindernisse als auch bei Kohle- und Gaskraftwerken. Vor Kurzem erst hatte der norwegische Energiekonzern Statkraft seine Pläne für den Bau eines Gaskraftwerks mit einer Leistung von 430 Megawatt in Emden verworfen. Wegen des Vorrangs von Ökostrom sei zu befürchten, dass eine neue Anlage nicht ausgelastet sei, begründete Statkraft die Entscheidung.

Die vom Verband vorgelegte Liste spiegele die optimistischste Lösung beim Bau neuer Kraftwerke wider, sagte Müller. "Sie zeigt, dass genügend Projekte in der Pipeline sind, um die abgehende Kernenergie zu ersetzen und als Backup für erneuerbare Energie zu fungieren." Beim Ausbau der Offshore-Windenergie sei der stockende Netzausbau allerdings weiter ein Problem. Zudem müssten noch Fragen der Haftung geklärt werden.

Insgesamt ist der Stromverbrauch in Deutschland 2011 im Vergleich zum Vorjahr stabil geblieben. Mit knapp 541 Milliarden Kilowattstunden lag er um 0,1 Prozent unter dem Vorjahreswert. Der Erdgasverbrauch fiel mit knapp 842 Milliarden Kilowattstunden dagegen um 13 Prozent niedriger aus als 2010. Der vergleichsweise milde Winter führte laut BDEW dazu, dass der Absatz auf dem Wärmemarkt stark rückläufig war.

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