Mittwoch, 16. Oktober 2019

Energiekonzerne in Not Solarboom drängt Kohlekraft ins Abseits

Neue Kohlekraftwerke: Cash Cow oder Milliardengrab?
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3. Teil: "Fotovoltaik macht Wirtschaftlichkeit der Kohlekraftwerke kaputt"

Es sind vor allem die Sonnenstromanlagen, die den Energieversorgern die Freude am Geschäft verderben. Die Module speisen Mittags am meisten Strom ein - zu der Zeit, da Strom wegen der hohen Nachfrage immer am teuersten war. Steinkohlekraftwerke fuhren dann ihre Gewinne ein. Nun senkt der massenhaft vorhandene Sonnenstrom an immer mehr Tagen den Strompreis. "Die Fotovoltaik macht die Wirtschaftlichkeit der Kohlekraftwerke kaputt", sagt Schmitz.

In Moorburg versucht ein Spezialtrupp zu retten, was zu retten ist. "Hier bitte nicht weitergehen", ruft die Baustellenführerin im Dampferzeuger. Das kantige Gebäude ist das Herzstück des Kraftwerks. Drinnen werden vier Mühlen die Kohle zu Staub schreddern, der in die Kessel geblasen und dort verbrannt wird. Der so erzeugte Dampf treibt im Obergeschoss zwei mächtige Turbinensätze an.

Die Kessel aber fehlen noch. Zulieferer Hitachi Börsen-Chart zeigen hat einen porösen Stahl geliefert - ein Problem, das Vattenfall mit zahlreichen anderen Kraftwerksbauern teilt. Männer in blauem Overall stehen am Boden und blicken in die Höhe, wo ihre Kollegen das neue Material einsetzen. Mindestens um ein Jahr verzögert die Panne die Inbetriebnahme des Kraftwerks.

Bauleiter in Moorburg: "Der Druck ist zu spüren"

Der Rest ist weitgehend fertig, sogar die Betriebsmannschaft ist schon auf dem Gelände. "Der Druck ist zu spüren", sagt der stellvertretende Oberbauleiter. Je später das Kraftwerk ans Netz geht, desto kleiner wird die Chance, dass es seine Kosten jemals einspielt.

Kraftwerk bauen, ans Netz nehmen und zumindest an Werktagen stetig laufen lassen - das funktioniert nicht mehr. "Die Unterscheidung von Grund- Mittel- und Spitzenlast wird zunehmend hinfällig", sagt ein Sprecher des Versorgers RWE. Damit ist oft kein Platz mehr für die Steinkohle, die vor allem die Mittellast abdeckte. RWE hat bereits öfter betont, keine Steinkohlekraftwerke in Deutschland mehr bauen zu wollen.

Ab 2013, wenn Versorger Emissionszertifikate für ihre Kraftwerke ersteigern müssen, sind die Aussichten auf einen wirtschaftlichen Betrieb ohnehin noch schlechter. Eher könnten sich Braunkohlekraftwerke lohnen. Deren Stromgestehungskosten liegen niedriger. Trotzdem müssen auch sie schon heute oft gedrosselt werden.

Für Steinkohlekraftwerke wird es künftig vor allem darum gehen, bei Windflauten oder bewölktem Himmel schnell Leistung bereitzustellen. In zwei bis drei Minuten können die Vattenfall-Blöcke 2 bis 3 Prozent zusätzliche Leistung bringen. Bringt die Mittagssonne die Solaranlagen auf Touren, kann das Kraftwerk hingegen auf 20 Prozent seiner Leistung heruntergebracht werden. Dann brennt die Kohle nur in einem Kessel und hält den anderen warm.

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