Mittwoch, 16. Oktober 2019

Energiekonzerne in Not Solarboom drängt Kohlekraft ins Abseits

Neue Kohlekraftwerke: Cash Cow oder Milliardengrab?
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2. Teil: Markt für neue Anlagen ist "mausetot"

Kein Wunder, dass Pläne für weitere Kraftwerke immer tiefer in den Schubladen der Konzerne verschwinden. Dabei sollen Gas- und Kohlekraftwerke nach Vorstellung der Bundesregierung Atommeiler ersetzen. Daraus wird wohl nichts. "Die Energiewelt ändert sich derzeit komplett", sagt Schmitz.

Beispiel Schleswig-Holstein: Bis vor kurzem planten Stromversorger den Bau von vier neuen Steinkohlekraftwerken, weil bald alle Atomreaktoren in der Region abgeschaltet sind. Doch kaum eines wird wohl ans Netz gehen. Zuletzt zog sich der Schweizer Investor Repower aus einem Projekt in Brunsbüttel zurück. "Eine Realisierung erscheint angesichts der energiepolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland in absehbarer Zeit nicht realistisch", begründete das Unternehmen seine Entscheidung.

In anderen Worten: Niemand weiß, ob sich der Strom überhaupt verkaufen lassen wird. "Die Luft für Steinkohlekraftwerke wird dünner, die Jahresbenutzungsdauer ist extrem zurückgegangen", sagt Schmitz.

Etwa 4500 Stunden sind die Anlagen im Jahr klassischerweise am Netz. Derzeit sind es nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft gerade noch 3000 - Tendenz fallend.

Anteil der Kohleverstromung sinkt ständig

Der Anteil der Steinkohle an der Stromerzeugung ist seit 1998 laut der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen von 27,5 auf 18,6 Prozent gesunken, während die Erneuerbaren ihren Anteil von 4,4 auf 19,9 Prozent ausgebaut haben. "Mausetot" sei der Markt für neue Steinkohlekraftwerke, sagt Energieexperte Olav Hohmeyer von der Universität Flensburg.

Auch die Vattenfall-Anlage in Hamburg wurde unter völlig anderen Voraussetzungen konzipiert. Etwa 7500 Stunden sollte das Kraftwerk im Jahr laufen, sagt ein Unternehmenssprecher auf der Baustelle. Nach dem von Rot-Grün zur Jahrhundertwende beschlossenen Atomausstieg setzte der Hamburger CDU-Senat voll auf Kohle, das Kraftwerk wurde doppelt so groß geplant wie zunächst.

Wie viele Stunden im Jahr es nun wirklich laufen wird, verrät der Sprecher nicht. "Es sind aber mehr, als zuletzt angenommen." Tatsächlich lässt sich der Wert kaum vorhersagen, da noch viel passieren kann. Stagniert die Stromnachfrage in Deutschland weiter? Wie schnell kommen die Offshore-Windparks ans Netz? Geht der Solarboom ungebremst weiter?

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