Mittwoch, 18. September 2019

Offshore-Windparks RWE fordert Netz und doppelten Boden

Windpark von RWE Innogy vor der Küste von Nordwales: Ausbau in Gefahr

Die Energiewende auf See droht zu scheitern, da die Einspeisung des Windstroms nicht gelingt. Unter diesen Bedingungen schließt RWE weitere Investitionen aus. Auf der heutigen Hauptversammlung muss RWE den Aktionären Lösungsvorschläge präsentieren.

Hamburg - Sauber sollte die deutsche Energiewende sein. Leise und ohne Nebengeräusche in der Umsetzung. Und das am liebsten auf hoher See. Dort, wo kein Nordseeangler und kein Ostseestrandgänger jene kirchturmhohen Windräder erblicken kann, die derzeit Meilen entfernt vor der deutschen Küste am Meeresgrund verankert werden.

Doch so schön der Traum war, so laut wurden die Verantwortlichen vom Knattern großer Dieselgeneratoren zurück in die Wirklichkeit versetzt. Denn dort, wo der erste deutsche Windpark "Baltic I" im Mai vergangenen Jahres offiziell seinen Betrieb aufgenommen hat, drehten sich die Rotorenflügel über Wochen hinweg nicht des kräftigen Windes wegen. Sie drehten sich angetrieben durch Dieselkraftstoff.

So sollte zumindest verhindert werden, dass die Mühlen in der salzigen Luft 16 Kilometer vor der ostdeutschen Küste rosten. Denn zum Strom liefern war es zu diesem Zeitpunkt noch zu früh - aus einem peinlichen Grund: Kabel und Umspannwerk, die den Windstrom vom Meer ans Land hätten bringen sollen, waren nicht rechtzeitig einsatzbereit.

Die Energiewende auf dem Meer fiel also zunächst ins Wasser. Und Parkbetreiber EnBW Börsen-Chart zeigen verklagte Netzbetreiber 50 Hertz auf Schadensersatz. Wieviel Geld EnBW von 50 Hertz fordert, ist zwar nicht bekannt. Doch wird in der Branche davon ausgegangen, dass der Energieversorger mit seinem rund 200 Millionen Euro teuren 48,3-Megawatt-Windpark täglich rund 75.000 Euro verdienen kann. Auf die vier Monate zwischen der geplanten und der faktischen Eröffnung des Parks angerechnet, würde sich so ein Zahlungsausfall von rund neun Millionen Euro ergeben. Das Unternehmen kommentiert solche Zahlen nicht.

Dass die Rotorenblätter von Mitte September bis Mitte Oktober noch einmal still standen, nachdem ein Schlepper die Umspannstation gerammt hatte, machte den Fehlstart allerdings perfekt. Ein Einzelfall? Keineswegs.

5,5 Milliarden plus X sind zuviel für TenneT

Erst Ende 2011 kündigte 50-Hertz-Konkurrent TenneT an, dass sich der geplante Netzanschluss des von der RWE-Tochter Innogy betriebenen Windparks "Nordsee Ost" nicht halten ließe. Zweieinhalb Jahre hätte TenneT nach gesetzlicher Vorgabe Zeit gehabt, die Anbindung vom Meer ans Land sicherzustellen - mindestens ein Jahr länger dürfte es jetzt dauern.

Wie ernst die Schwierigkeiten des einstigen Eon-Tochter TenneT sind, dokumentiert ein Brandbrief, den das Unternehmen Ende 2011 öffentlichkeitswirksam an die Regierung adressierte. Darin warnt TenneT, der Anschluss von Windparks in der Nordsee sei "in der bisherigen Form nicht länger möglich". Der Grund: sämtliche Kosten blieben am Unternehmen hängen. Nach eigenen Angaben hat TenneT bislang für die zugesagten Offshore-Netzanbindungen bereits 5,5 Milliarden Euro investiert. Für das gesamte Offshore-Netz würden in Zukunft aber Investitionskosten im zweistelligen Milliardenbereich notwendig sein. Das könne nicht von einem einzelnen Unternehmen geschultert werden, argumentiert TenneT mit. Aufgrund einer ständig steigenden Anzahl von Windparks stießen darüber hinaus alle Beteiligten an die Grenzen ihrer Ressourcen.

Zu diesen Beteiligten gehören nicht nur EnBW, RWE Innogy oder der Eon-Konzern, dessen derzeit in TV-Imagewerbespots beworbener Windpark "Amrumbank West" nach heutigem Stand rund 15 Monate später als geplant angeschlossen wird. Zu diesen Beteiligten zählen auch Zulieferer wie Siemens Börsen-Chart zeigen. Der Konzern wird laut einem Bericht der Financial Times Deutschland in diesen Tagen wegen der Schwierigkeiten bei der Anbindung von Offshore-Windparks an das Stromnetz im zweiten Geschäftsquartal in Folge eine Rückstellung bilden. Sie soll in etwa der Größenordnung des Vorquartals entsprechen, also rund 203 Millionen Euro. Siemens lehnt jeden Kommentar ab.

Hans Bünting, Finanzvorstand der RWE-Tochter und ab Juli Nachfolger des Innogy-Chefs Fritz Vahrenholt, wird hier schon deutlicher. Die Kosten der Verzögerung des Netzanschlusses für den Windpark "Nordsee Ost" beziffert er auf einen dreistelligen Millionenbetrag. "Wir sind nach EnBW jetzt das zweite Opfer", sagt Bünting. "So ein Investitionsrisiko gehen wir nicht noch mal ein."

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung