Q-Cells ist pleite Der tiefe Fall des Ex-Weltmarktführers

Q-Cells war einst Weltmarktführer unter den Solarzellenherstellern. Doch als die Politik noch Subventionen fließen ließ, hatte der Niedergang bereits eingesetzt. Nicht nur Finanzkrise und Chinesen sind schuld an dem Niedergang.
Von Kristian Klooß
Solarzellenhersteller Q-Cells: 2008 noch Weltmarktführer, 2012 insovent

Solarzellenhersteller Q-Cells: 2008 noch Weltmarktführer, 2012 insovent

Foto: Jan Woitas/ dpa

Hamburg - "Solar Valley" nannte sich das Industriegebiet westlich des sachsen-anhaltinischen Doppelzentrums Bitterfeld-Wolfen einst stolz. Und die Sonnenallee war die Hauptstraße dieses Industriegebiets. Zu ihrer rechten und linken verteilen sich auf einem Kilometer Länge die mit Solarmodulen besetzten Bürogebäude und Werkhallen kleiner und mittelgroßer Solarunternehmen - sie heißen Sovello, Solibro oder Calyxo. Sie schienen um ein Zentrum zu kreisen: die Q-Cells AG. Doch dieses Zentrum, der Stern, der der Sonnenallee zu ihrem Namen verhalf, erbebte mit dem am Montag eingereichten Insolvenzantrag des Solarunternehmens.

Einst Weltmarktführer, heute Pennystock, steht Q-Cells wie kaum ein anderes Unternehmen für die deutsche Lust und den deutschen Frust an der Fotovoltaik.

1999 wurde der Solarzellenhersteller von mehreren Ingenieuren gegründet. Unter ihnen der spätere Vorstandschef Anton Milner. Unter ihnen auch Reiner Lemoine und Paul Grunow, die einige Jahre zuvor schon den Solarmodulhersteller Solon aus der Taufe gehoben hatten - einst selbst ein Stern am deutschen Solarhimmel - bis das Unternehmen im Jahr 2011 ebenfalls in die Pleite schlitterte.

Solon baut die Module, Q-Cells die Solarzellen: so lautete die Idee der Gründer. Und sie ging zunächst auch auf.

Der rasante Aufstieg

Im Jahr 2000 entstand in Thalheim bei Bitterfeld, das erst 2007 zu Bitterfeld-Wolfen wurde, der Bau der ersten Produktionslinie für Solarmodule. Das Timing war bestens. Schließlich trat am 1. April 2000 die erste Fassung des damals von der rot-grünen Koalition beschlossenen Erneuerbare-Energien-Gesetzes in Kraft.

Gut ein Jahr später, am 23. Juli 2001, war es so weit. In Thalheim lief die erste funktionierende Solarzelle der Marke Q-Cells vom Band. Bis dahin hatte das Unternehmen noch keine 20 Mitarbeiter beschäftigt. Das sollte sich ändern. 2002 waren es schon 82. 2004 waren es bereits 484. Da schrieb Q-Cells längst schwarze Zahlen.

Und so sollte es zunächst weitergehen. Das Startup wandelte sich zum Konzern, gründete Töchter, ging Joint Ventures ein, übernahm Wettbewerber. Über genügend Geld für solche Deals und den Ausbau der Werkhallen verfügte das Unternehmen spätestens seit Herbst 2005 - dem Börsengang. Q-Cells stieg in den TecDax auf und gehörte schnell zu den Anlegerlieblingen, deren Börsenwert rasant zulegten.

Üppige EU-Fördergelder halfen beim Wachstum

Doch auch die Förderung durch EU-Mittel fiel zuweilen üppig aus - nicht nur für Q-Cells. So bewilligte die EU-Kommission beispielsweise im März 2005 rund 22,4 Millionen Euro für den Ausbau des Stammwerks in Thalheim.

Im Juli 2007 flossen weitere rund 41,4 Millionen Euro an Fördergeldern in die ostdeutsche Provinz. Diesmal wurde der Bau zweier zusätzlicher Fertigungslinien für kristalline Silizium-Solarzellen bezuschusst.

Argument für die Förderung war auch die steigende Zahl der Beschäftigten. So beschäftigte Q-Cells im Jahr 2007 bereits 1700 Mitarbeiter. Als der Konzern im Jahr 2008 schließlich offiziell zum größten Solarzellenhersteller der Welt aufstieg, wurde er gar als Kandidat für den Dax  gehandelt - an der Börse hatte die Aktie da allerdings schon ihre Höchststände hinter sich gelassen.

Ins Stocken geriet das Unternehmen erstmals im Jahr 2008. Nach der Lehman-Pleite brachen auch dem einstigen Stern unter den Solarzellenherstellern die Aufträge weg. Die Aktie stürzte im Herbst 2008 ab.

Erst die Finanzkrise, dann die Chinesen

Doch dabei blieb es nicht. Ein noch bedrohlicherer Schatten stieg da schon über Q-Cells auf. Während sich das ostdeutsche Unternehmen noch mit der Finanzkrise herumschlug, setzten jene ostasiatischen Wettbewerber zum Sprung an, die einst als Billiganbieter minderwertiger Qualität galten.

Das Problem: Das Qualitätsargument ließ sich spätestens zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aufrecht erhalten. Schließlich wurden die Fertigungslinien der Chinesen von denselben Anlagenbauern auf die grüne Wiese gesetzt, die einst ihre Maschinen an Q-Cells verkauft hatten. Die Qualität war die gleiche. Darüber hinaus hatten die chinesischen Herausforderer dem deutschen Herausforderer bald einiges voraus: hohe Volumina und damit niedrigere Kosten, finanzielle Kraft unter anderem durch günstige staatliche Kredite und Flexibilität in Bezug auf die Abnehmermärkte.

Die Folge: Ein von China aus angetriebener Preisverfall für Solarzellen und Module setzte ein.

Während die Chinesen Marktanteile hinzugewannen, beantragte Q-Cells weitere Subventionen - mit Erfolg. Noch im Februar 2009 stellte die Politik der kurz zuvor neu gegründeten Q-Cells-Tochter Sunfilm 56 Millionen Euro Fördergeld zur Verfügung.

Und das, obwohl Q-Cells schon 2009 vier ältere Produktionslinien am Stammsitz in Bitterfeld-Wolfen stillgelegt hatte, was 500 Mitarbeitern den Job kostete. Im selben Jahr verlagerte das Unternehmen bereits Teile der Produktion nach Malaysia.

Sunfilm indes stellte im März 2010 beim Amtsgericht Dresden einen Antrag auf Einleitung eines Insolvenzverfahrens.

Plan A, Plan B und der Abstieg

Ein Jahr später, im März 2010, musste Gründer und Vorstandchef Anton Milner gehen. Neuer starker Mann bei Q-Cells wurde der ehemalige McKinsey-Berater Nedim Cen.

Dies war indes nur der Beginn der Personalrochaden. Der einstige Marketing- und Vertriebsvorstand Hans-Gerd Füchtenkort musste im Sommer 2011 weichen. CEO Cen übernahm seine Aufgaben zusätzlich zu den eigenen. Gemeinsam mit dem erst im Spätsommer 2011 zu Q-Cells gestoßenen Ex-Infineon-Vorstand Andreas von Zitzewitz und der Finanzchefin Marion Helmes ging es dann kurzzeitig weiter. Dann jedoch musste auch Helmes gehen - nachdem Q-Cells Quartal für Qartal tiefrote Zahlen geschrieben hatte.

Zahlreiche Rettungsversuche waren da längst gescheitert. Darunter Plan A, der vorsah, aus dem Zellenfertiger einen Anbieter für Fotovoltaik-Lösungen zu formen - zuletzt probierte sich Q-Cells sogar in Griechenland.

Darunter auch Plan B. Dieser ging zurück auf die Berater von Alvarez & Marsal und sah Kostensenkungen vor, vor allem durch Fremdbezug statt Eigenfertigung. Der Erfolg blieb bescheiden. Zudem gab Q-Cells immer mehr Prozesse an Drittfertiger ab - und damit Kernkompetenzen. Allein 2011 schrieb das Unternehmen schließlich einen Verlust von 846 Millionen Euro - bei einem Umsatz von 1,02 Milliarden Euro.

Plan C und das Ende

Zuletzt scheiterte dann auch Plan C: Bei seinen Investoren warb Q-Cells bis zuletzt für den Umtausch der Konzernschulden in Firmenanteile. Wobei die Altaktionäre praktisch aus dem Unternehmen herausgedrängt worden wären.

Was einigen nicht passte. Deshalb klagten sie. Und ihre Chancen, sich vor Gericht durchzusetzen, wären nur zu gut gewesen. Der Grund: eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt in der sehr ähnlich gelagerten Verhandlung um den insolventen Holzverarbeiter Pfleiderer. Es war dieser Präzedenzfall, der, wie von manager magazin bereits vorab berichtet, direkt mit dem jetzt eingereichten Insolvenzantrag verknüpft ist.

"Nach intensiver Prüfung von alternativen Konzepten zur Umsetzung der Finanzrestrukturierung ist das Management zu der Einschätzung gelangt, dass die Fortführungsprognose für das Unternehmen nicht mit hinreichender rechtlicher Sicherheit wiederhergestellt werden kann", heißt es nun offiziell zur Begründung.

Der Gang der Unternehmensführung zum zuständigen Amtsgericht in Dessau ist konsequent. Der Stern, der einst der Sonnenallee in Bitterfeld-Wolfen den Namen gab, ist damit nach nur einem Jahrzehnt untergegangen.

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