Freitag, 13. Dezember 2019

Gasleck in der Nordsee Windspiele am "Bohrloch der Hölle"

Desaster: Die teuersten Ölkatastrophen im Überblick
DPA/ Total

2. Teil: Experten sehen Situation "außer Kontrolle"

Der britische Umweltminister Charles Hendry bescheinigte dem Konzern und den Behörden ein gutes Krisenmanagement. "Bislang sind alle Vorschriften eingehalten und die richtigen Schritte eingeleitet worden", sagte Hendry.

Total teilte mit, der Film auf der Wasseroberfläche sei sechs Seemeilen (rund 11,4 Kilometer) lang. Nachdem Total bereits am Montag alle 238 Arbeiter von der Plattform in Sicherheit gebracht hatte, zog auch Shell vorsichtshalber dutzende Arbeiter von der nahe gelegenen Shearwater-Plattform und der Bohrinsel Noble Hans Deul ab. Total kappte zudem die Energiezufuhr zu der Plattform, um das Explosionsrisiko zu verringern.

Das Gasleck an der Elgin PUQ war am Sonntag entdeckt worden. Nach Angaben von Total handelt es sich um den schwersten Zwischenfall in der Nordsee für den französischen Energiekonzern seit einem Jahrzehnt. Der schwerste Unfall in der Nordsee ereignete sich zuletzt 1988, als die Plattform Piper Alpha explodierte und 167 Menschen getötet wurden.

Jake Molloy von der Gewerkschaft RMT, in der Bohrinsel-Arbeiter organisiert sind, hält eine Explosion für möglich. "Wenn es irgendwie einen Zündfunken gibt, könnte sein, dass wir eine komplette Zerstörung sehen", sagte er der BBC. Die Gewerkschaft Unite forderte die Evakuierung aller Plattformen im Umkreis von fünf Meilen. Sie befürchtet ein Wandern der Gaswolke.

Gaskondensat angeblich weniger gefährlich als Erdöl

Nach Angaben des Total-Sprechers handelt es sich bei dem austretenden Stoff um ein Gaskondensat, das in flüssiger Form gefördert wird. Es sei entzündlich und potenziell explosiv. Die Auswirkungen auf die Umwelt seien jedoch deutlich geringer als etwa bei Erdöl. Das Gaskondensat sei sehr leicht und verflüchtige sich.

Die norwegische Umweltgruppe Bellona sprach von einem Horrorszenario. "Das Problem ist außer Kontrolle geraten", sagte Bellona-Chef Frederic Hauge. Bevor die Arbeiter auf der Plattform in Sicherheit gebracht worden seien, hätten sie sich 14 Stunden um eine Eindämmung des Problems bemüht. Auch Greenpeace zeigte sich alarmiert und kritisierte die britische Regierung, die die Ausbeutung von besonders tief gelegenen Rohstoffvorkommen in der Nordsee mit speziellen Anreizen noch gefördert habe.

Der jüngste Unfall in der Nordsee sei "ein weiterer Beweis für die Unbeherrschbarkeit von Bohrungen in großer Meerestiefe", sagte der Meeresschutzexperte Stephan Lutter vom WWF Deutschland und forderte ein Moratorium für solche Anlagen. Außerdem seien strengere Auflagen und höhere Sicherheitsvorkehrungen für die Betreiber von Öl- und Gasplattformen notwendig. Sollte der Gasaustritt länger andauern, könnten "Todeszonen in der Umgebung entstehen und das Ökosystem der Nordsee schädigen", warnte Lutter.

ts/rtr/dpa/afp

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