Ausbau kostet Milliarden Engpässe im Gasnetz erhöhen Blackout-Gefahr

Das deutsche Gasnetz ist für Extremsituationen schlecht gerüstet. Im kalten Februar mussten deshalb Kraftwerke vom Netz. Die Energiewende und intensiverer Handel werden die Pipelines künftig noch stärker belasten - doch ein Finanzierungskonzept für den milliardenteuren Ausbau fehlt.
Am Limit: Das deutsche Gasnetz ist für die Energiewende schlecht gerüstet

Am Limit: Das deutsche Gasnetz ist für die Energiewende schlecht gerüstet

Foto: DPA

Hamburg - Wenn es um die Energiewende geht, sind fast alle Experten einig: Das Stromnetz muss drastisch ausgebaut werden. "Da liegt unsere Schwachstelle, und deshalb hat der Netzausbau auch die absolute Priorität", ist beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) überzeugt. Insbesondere müsse Strom von den Windkraftanlagen im Norden zu den Industriezentren des Südens transportiert werden.

Mit dem Ausbau des Stromnetzes ist es aber offenbar bei weitem nicht getan. Als weiterer Flaschenhals der Energiewende erweist sich zunehmend das deutsche Gasnetz. Nach Ansicht von Bundesnetzagentur und Netzbetreibern sind Hunderte Kilometer neue Leitungen vonnöten um zusätzliche und veränderte Ströme abzuwickeln - beispielsweise für weitere Gaskraftwerke.

Auf Fachebene ist das Problem erkannt. Im Entwurf für den ersten Netzentwicklungsplan Gas ist von 1840 Kilometer neuen Leitungen bis zum Jahr 2022 die Rede, Kostenpunkt: 2,2 Milliarden Euro. Ein anderes Szenario, das einen höherem Gasbedarf unterstellt, setzt die Kosten sogar mit 4,6 Milliarden Euro an. Der kleine Schönheitsfehler: Bezahlen möchte den Ausbau niemand so recht - den Netzbetreibern erscheinen die Investitionen nicht attraktiv genug.

Welche Folgen ein fortgesetzter Ausbaustopp haben könnte, zeigt sich schon heute. Im extrem kalten Februar konnten mehrere Gaskraftwerke keinen Strom erzeugen, weil der Nachschub ausblieb. Aus Russland traf weniger Brennstoff ein, die Privathaushalte verbrauchten mehr als sonst und die verstopften Leitungen ließen kein Gas aus Speichern mehr durch. So machten die Ferngasnetzbetreiber von ihrem Recht Gebrauch, "nicht schützenswerte Kunden" von der Versorgung abzuschneiden - vornehmlich Gaskraftwerke.

"Nicht schützenswerte Kunden" vom Nachschub abgeschnitten

"Die Lieferprobleme im Februar haben Engpässe aufgedeckt", sagt der Geschäftsführer des Ferngasnetzbetreibers Gascade, Christoph von dem Bussche, gegenüber manager magazin Online. Fehlende Transportkapazitäten hätten die Belieferung Süddeutschlands aus dem Norden Deutschlands verhindert. "Händler berichten, dass selbst Gas, das aus einem Speicher an der deutsch österreichischen Grenze zur Versorgung hätte dienen können, wegen Engpässen nicht in das deutsche Netz gelassen wurde."

Zu einem Blackout in der Stromversorgung kam es zwar nicht, denn Kraftwerke der stillen Reserve in Süddeutschland und Österreich sprangen ein. Doch die gesamte Branche ist seither alarmiert. "Das hat uns getroffen und war unerfreulich", sagt der Geschäftsführer des Versorgers Statkraft Markets, Jürgen Tzschoppe, gegenüber manager magazin online.

Ein zügiger Ausbau der Netze ist trotzdem nicht in Sicht. "Viele Investoren halten das Risiko-Ertrags-Verhältnis für unausgewogen", sagt Gascade-Chef von dem Bussche. "Als Netzbetreiber habe ich Probleme, Investoren für Ausbaumaßnahmen zu finden."

Rendite von 9 Prozent ist nicht attraktiv genug

Wenig Aktivitäten erwartet auch der Chef des größten Pipelinebetreibers Open Grid Europe, Stephan Kamphues. "Dies beruht auf einer im Vergleich zu den Nachbarländern geringeren Verzinsung des eingesetzten Kapitals bei gleichzeitig längerer Amortisationsdauer", sagt er gegenüber manager magazin Online. "Hinzu kommt, dass die Erfahrungen mit der extrem auf Kostensenkung und nicht auf Netzentwicklung ausgerichteten Regulierungspraxis der Bundesnetzagentur sowie die mangelnde Planungssicherheit abschreckend wirken."

Die Pipelinebetreiber sind abhängig von der Bonner Behörde. Sie legt seit einigen Jahren die Renditen der Firmen auf Eigen- und Fremdkapital fest. Auf dieser Grundlage berechnen die Unternehmen den Gaslieferanten und letztlich den Verbrauchern Gebühren für die Durchleitung.

Für den Neubau von Pipelines beträgt der Zinssatz 9,05 Prozent vor Körperschaftssteuer - zu wenig, heißt es von den Pipelinebesitzern. "Als Netzbetreiber habe ich bei dem derzeitigen Regulierungsregime Probleme, Investoren für Netzausbaumaßnahmen zu finden", sagt von dem Bussche, der auch mangelnde Planungssicherheit und lange Abschreibungszeiträume beklagt.

Neue Herausforderungen fürs Netz

"Der Zinssatz ist angemessen", hält ein Sprecher der Bundesnetzagentur dagegen. Die neuen Herausforderungen der Energiewende seien darin bereits berücksichtigt.

So bestehen alle Beteiligten auf ihren Positionen. Doch die Zeit drängt. Den meisten Prognosen zufolge wird der Druck aufs Netz weiter zunehmen. Die Gründe sind vielfältig.

• Zusätzliche Gaskraftwerke sollen den unsteten Fluss von Strom aus erneuerbaren Energien ausgleichen

• Zusätzliche Gasspeicher benötigen Transportkapazitäten für Zu- und Abfluss des Brennstoffs

• Obwohl der Gasabsatz in den kommenden Jahren vermutlich sinkt, nehmen die Gashandelsströme zu und verlagern sich nach Deutschland als Umschlagplatz in der Mitte Europas. Dabei kommt das Gas aus Westen und Osten und wird beispielsweise zunehmend nach Dänemark weitergeleitet

• Langfristig soll Energie aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Sonne als Gas in den Pipelines gespeichert werden. Mit dem unstet anfallenden Strom und Wasser sowie Kohlendioxid sollen Wasserstoff und Methan erzeugt werden

Neue Gaskraftwerke - das große Fragezeichen

Allen Beteiligten ist klar, dass etwas passieren muss. "Der notwendige Ausbau von Gasspeicherkapazitäten, Gaskraftwerken und neuen Importleitungen erfordert entsprechende Netzinvestitionen", sagt Kamphues.

Doch es wird weiter gepokert, und eine Lösung ist nicht in Sicht. "Das deutsche Regulierungssystem funktioniert mit Blick auf bestehende Netze besser als mit Blick auf den Ausbau der Netze", beschreibt Gaswirtschaftsexperte Olaf Däuper von der Anwaltskanzlei Becker Büttner Held die Lage.

Reichlich unklar ist zudem, wie verbindlich der neue Netzentwicklungsplan überhaupt ist. Die Netzagentur sieht die Pipelinefirmen in der Bringschuld, doch dieses winden sich. Zu groß ist mancherorts die Furcht, dass Prognosen sich nicht bewahrheiten und beispielsweise viel weniger Gas durch die Leitungen strömt als geplant.

Gas ist nicht konkurrenzlos

Als Variable Nummer Eins gilt dabei der geplante Zubau von Gaskraftwerken. Derzeit ist nur ein Bruchteil der bestehenden Anlagen am Netz - weil die Gestehungskosten für Strom aus ihnen vergleichsweise hoch sind. Versorger haben zahlreiche Projekte gestoppt oder nur unverbindliche Voranfragen für den Bau gestellt.

Wenn neue Gasleitungen jedoch schwach frequentiert sind, müssen die Netzbetreiber dies durch umso höhere Gebühren kompensieren. Gas würde deutlich teurer, die Firmen würden sie sich indirekt ihr Geschäft kaputt machen. Denn anders als beispielsweise beim Strom lässt sich Gas für viele Kunden durchaus ersetzen - im Kraftwerksbereich durch Kohle oder Öl und im Heizungsbereich durch Wärmepumpen oder Holzpellets.

Branchenkenner erwarten, dass der Ausbau des Gasnetzes letztlich nur in kleinsten Schritten in Gang vorankommt. Auf diese Weise minimieren alle ihr Risiko. Für die ambitionierten Ziele der Energiewende könnte das zu langsam sein. Und die Gefahr von Blackouts würde auch nicht geringer.

Mehr lesen über Verwandte Artikel