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Solarbranche: China dominiert die Top 10

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Solarunternehmen Chinas Giganten trotzen dem Sonnensturm

Amerika droht mit Strafzöllen, Europa streicht die Förderung zusammen, und der chinesische Ministerpräsident sieht das "Ende der blinden Expansion". Die Solarkonzerne im Reich der Mitte haben gute Gründe zu klagen - aber noch bessere, es nicht zu tun.
Von Kristian Klooß

Hamburg - Wen Jiabao ist die mächtigste Stimme Chinas. Wenn der Ministerpräsident der Weltmacht diese Stimme erhebt, lauscht das Land. Und als Wen Jiabao in der vergangenen Woche auf dem nationalen Volkskongress den Satz sagte, "Wir werden der blinden Expansion von Sonnen- und Windenergie Einhalt gebieten", lauschte die ganze Welt.

Es wirkte zunächst wie ein weiterer Schock für die scheinbar gebeutelte Solarelite des Landes. Schließlich hatten Chinas Weltmarktführer wie Suntech , Yingli oder Trina Solar wegen des weltweiten Preisverfalls zuletzt fast durchweg rote Zahlen geschrieben. In Amerika drohen zudem Strafzölle. Und im wichtigsten Markt Europa werden derzeit die Solarsubventionen zusammengestrichen.

Und doch blieben die Manager der chinesischen Solargiganten zuletzt auch nach den Aussagen Wen Jiabaos geradezu stoisch gelassen. Ein Verhalten, in dem sie mittlerweile geübt sind - anders als die Wettbewerber aus Europa und Amerika.

Beispiel Deutschland: Je nach Anlage soll die Förderung ab April um 20 bis nahezu 40 Prozent gekappt werden. Die Folgen werden vor allem von deutschen Unternehmen beklagt. Der Solarmarkt werde um 75 Prozent einbrechen, so der Bundesverband der Solarwirtschaft. "Diese existenzielle Bedrohungen stehen in keinem Verhältnis zu den Einsparungen beim Strompreis", sagte BSW-Präsident Günther Cramer, als er vor rund einer Woche im Gefolge von 11.000 Demonstranten vor dem Brandenburger Tor gegen die Pläne der beiden Minister Philipp Rösler (FDP) und Norbert Röttgen (CDU) protestierte.

Deutschland gilt auch 2012 als attraktiver Solarmarkt

Dass Mitarbeiter chinesischer Konzerne vor dem Brandenburger Tor protestiert haben, ist indes nicht überliefert. Auf die Veränderungen im deutschen Markt angesprochen, lässt Chinas größter Solarkonzern Suntech über einen Sprecher mitteilen: "Wir haben damit gerechnet, dass es im Zuge des Preisverfalls des vergangenen Jahres zu entsprechenden Förderkürzungen kommt." Auch der Trend hin zur bevorzugten Förderungen von Dachanlagen gegenüber Freiflächenanlagen sei keine Überraschung.

Auch die anderen chinesischen Fotovoltaikgiganten mögen sich nicht mit den Sorgen deutscher Unternehmen identifizieren. "Wir wollen weiter in Europa, vor allem in Deutschland wachsen", sagt beispielsweise Arturo Herrero, Vorstand von Jinko Solar. Das Unternehmen ist der jüngste Vertreter in der weltweiten Top 10 der Fotovoltaikkonzerne. Das jährliche Ranking wurde Ende Februar von den Marktforschern von IMS Research veröffentlicht.

"Die Kürzungsentscheidung haben wir erwartet", sagt Herrero. Deren Auswirkungen fasst er kühl in Zahlen. Eine Förderkürzung von 20 bis 30 Prozent, rechnet er vor, bedeute für einen Hersteller wie Jinko Solar, dass die Module um rund 8 bis 10 Prozent im Preis sinken müssten. Dies, so der Spanier, würde sich zwar auf die Profitabilität auswirken. Gleichzeitig rechne er aber damit, dass sich aus sinkenden Preisen für Silizium und anderen Rohstoffen ebenfalls Kostensenkungen ergeben. "Diesen Zusammenhang zwischen sinkender Nachfrage und sinkenden Siliziumpreisen hat es auch in der Vergangenheit gegeben", sagt Herrero. Abgesehen davon sei das Unternehmen schon heute nah an der Strompreisparität. In Japan, Italien und Teilen der USA habe Jinko dieses Ziel bereits erreicht. "In Bayern, wo es auch sonnig ist, wird es vermutlich bis Ende 2013 für Dachanlagen soweit sein."

Anders als selbst die chinesischen Konkurrenten hat es Jinko Solar auch in der zweiten Jahreshälfte 2011 geschafft, einen positiven Jahresüberschuss zu erwirtschaften. Für einige amerikanische Hersteller wie die insolventen Solyndra und Evergreen war es da schon zu spät. Und der Preisverfall im Herbst führte schließlich auch dazu, dass deutsche Hersteller wie Solar Millennium oder Solon in die Pleite schlitterten. Andere, wie Q-Cells, stehen mit dem Rücken zur Wand.

Die Konsolidierung in China hat längst begonnen

Dass nach Amerika und Europa auch in China Unternehmen vom Markt verschwinden werden, daran zweifelt niemand. Dabei dürfte es sich allerdings kaum um die großen Hersteller handeln, sondern um viele der unzähligen Kleineren, die zuletzt Jahr für Jahr in den Markt eingestiegen sind. Einige von diesen Unternehmen schrieben seit Markteintritt Verluste, sagt Jinko-Vorstand Arturo Herrero. "Technisch gesprochen sind einige unserer chinesischen Wettbewerber schon heute pleite." Viele von Ihnen hätten inzwischen ihre Fabriken geschlossen. Noch in diesem Jahr werde es auch in China zu einer Marktbereinigung kommen. "Es werden nicht mehr als zehn größere Markenhersteller übrigbleiben", sagt Herrero. Zu Spitzenzeiten habe es weit mehr als 300 Modulhersteller in China gegeben.

Die Konkurrenz sieht es ähnlich. "Die Konsolidierung in China wird voraussichtlich in diesem Jahr voranschreiten", heißt es auch von Seiten des Branchenprimus Suntech. Der Grund: Viele der kleineren chinesischen Anbieter konzentrierten sich nicht ausschließlich auf die Solarbranche. "Sie haben inzwischen den Markt wieder verlassen."

Aussagen wie jene des chinesischen Ministerpräsidenten, die blinde Expansion von Sonnen- und Windenergie zu beenden, müssten genau vor diesem Hintergrund verstanden werden, sagt Wolfgang Hummel, Branchenexperte vom Berliner Zentrum für Solarmarktforschung. "Es ging dem Ministerpräsidenten weniger um die großen Privaten, die ihr Geld an der Nasdaq oder an der NYSE einsammeln." Vielmehr seien die staatlichen Seiteneinsteiger mit beschränkter Kapitalkraft, Konkurrenzfähigkeit und Auslastung gemeint gewesen. "Die Regierung will durch die Aussagen jetzt ein Zeichen setzen."

Trina als Musterbeispiel für globale Flexibilität im Vertrieb

Was diese großen, chinesischen Weltmarktführer den kleineren Wettbewerbern in China, Europa und den Vereinigten Staaten voraushaben, lässt sich nach Ansicht Hummels auf wenige zentrale Faktoren verengen: Sie sind groß genug, um über Volumina Kostenvorteile zu erwirtschaften. Sie besitzen die finanzielle Stärke, um die die globale Konsolidierung zu überstehen, Markterschließungen, Projektentwicklungen und Übernahmen zu stemmen. Und sie können weltweit flexibel auf schwankende Nachfrage in verschiedenen Märkten reagieren.

An kaum einem Fotovoltaikhersteller lässt sich dies besser zeigen als am chinesischen Modulbauer Trina Solar. Das Unternehmen erwirtschaftete im ersten Quartal 2011 in Deutschland 24 Prozent. Im zweiten Quartal folgte ein Sprung auf 61 Prozent. Im dritten Quartal waren es wiederum 32 Prozent. Parallel dazu passte das Unternehmen die Umsatzanteile in den anderen europäischen Ländern entsprechend an. In Italien waren es beispielsweise noch 22 Prozent im ersten Quartal, 8 Prozent im zweiten und wiederum 15 Prozent im dritten Quartal. Zum Jahresende hin begann das Unternehmen hingegen damit, auch außereuropäische Märkte stärker zu bedienen. So stieg der Umsatzanteil in den Vereinigten Arabischen Emiraten von bis dato unter einem Prozent im vierten Quartal auf mehr als 5 Prozent. Und auch den margenschwachen Heimatmarkt China nutzte Trina zuletzt vor allem dazu, die eigenen Produktionsanlagen auszulasten. Lag der Umsatzanteil im ersten und zweiten Quartal in China noch bei jeweils 2 Prozent, stieg er im dritten Quartal auf 7 Prozent, im vierten gar auf 18 Prozent.

Kleinere Wettbewerber, die an ihre Heimatmärkte gebunden sind, können da nicht mithalten - zumal vor dem Hintergrund weltweiter Überkapazitäten. Ende 2011 standen nach Branchenschätzungen 60.000 Megawatt an Produktionskapazitäten einer weltweiten Nachfrage von 24.000 Megawatt gegenüber.

Nach Zellen und Modulen schielen Jinko und Co. auf das Projektgeschäft

Dort, wo Trina heute ist, möchte Jinko zumindest im Volumen der produzierten Module schon bald hin. In seinen zwei Fabriken nahe Shanghai produzierte Jinko im vergangenen Jahr Module mit einer Spitzenleistung von etwa 1,2 Gigawatt, was - bei durchgängigem Sonnenschein - ungefähr der Leistung eines mittleren Atomkraftwerks entspricht.

In Sachen Kosteneffizienz setzt das erst 2006 gegründete Unternehmen hingegen schon heute Maßstäbe. Kein Konkurrent schafft es derzeit, günstiger zu produzieren.

Und doch droht gerade dies den chinesischen Billiganbietern zum Verhängnis zu werden. Denn die Konkurrenz wittert Preisdumping und über die üblichen Subventionen der chinesischen Regierung hinaus.

Fackelträger der demonstrierenden Wettbewerber ist Frank Asbeck, Chef der deutschen Solarworld AG . Die Klage hat er allerdings in den Vereinigten Staaten eingereicht, dem wichtigsten Markt seines Unternehmens. Wenn es Solarworld und der aus einem halben Dutzend US-Solarfirmen gebildeten "Coalition for American Solar Manufacturing" gelingt, mit ihrem mehrere hundert Seiten starken Klagepapier die US-Behörden von den Dumping-Vorwürfen zu überzeugen, wären wohl Strafzölle fällig. Jinko-Vorstand Herrero schätzt, dass ein Zoll von 20 bis 30 Prozent den Kostenvorteil seines Unternehmens zunichte machen würde. "Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Zöllen kommt, würde ich auf 40 bis 50 Prozent schätzen", sagt er und lächelt.

Welche strategischen Alternativen Jinko im Ernstfall blieben, lässt er offen. Dass es sie längst gibt, ist in der Branche aber kein Geheimnis. So eruieren chinesische Unternehmen beispielsweise die Möglichkeit, mögliche Strafzölle durch den Export über den Umweg Taiwan zu umschiffen.

LDK baut mittlerweile auch LEDs

Kein warnender Wen Jiabao, keine kürzenden Minister Rösler und Röttgen, kein klagender Frank Asbeck scheint Chinas Global Player in ihren Kreisen zu stören. So scheint zuletzt wohl allein der Preisverfall die größte Herausforderung von Chinas Solarkonzernen zu sein.

Doch welche Überraschung: "Auch darauf haben die großen Konzerne inzwischen reagiert ", sagt Solarexperte Wolfgang Hummel. Eine Möglichkeit sei, wie es beispielsweise LDK Solar vormache, auf neue Geschäftsfelder wie LED-Leuchten zu setzen. Zusätzliche Geschäftschancen könnten sich ergeben, weil vor allem japanische und koreanische Wettbewerber aus Kostengesichtspunkten Produktion nach China verlagern müssten. "Davon dürften nicht nur Auftragsfertiger profitieren, sondern auch die klassischen Anbieter", sagt Hummel. Die wichtigste Strategie der Chinesen sei indes die Fortentwicklung des Projektgeschäfts. "Dies ist das einzige Geschäft, wo es noch Margen gibt", sagt Hummel, während in der Produktion von Silizium, Zellen und Modulen kein Geld zu verdienen sei.

Die ersten Schritte in diese Richtung sind die Chinesen auch in Deutschland bereits gegangen. So hat im September 2011 der börsennotierte chinesische Hersteller von Solarmodulen, Sunowe Photovoltaics, einen Solarpark im sächsischen Elsterheide bei Hoyerswerda, eingeweiht. Ein weiteres Beispiel in Deutschland ist auch die Kooperation zwischen Yingli und dem baden-württembergischen Projektierer Wirsol.

Alle anderen Solargiganten aus China haben entsprechende Pläne in der Schublade. "Wir denken über zwei Wege nach, die Wertschöpfungskette zu erweitern", sagt beispielsweise Jinko-Vorstand Herrero. Das erste sei die Entwicklung eigener Projekte. So entwickelt und baut Jinko Solar derzeit in Eigenregie einen ersten 30-Megawatt-Solarpark in China. "Außerdem suchen wir nach Wegen, auch in Europa und den Vereinigten Staaten in das Projektgeschäft einzusteigen."

Wobei er nicht vergisst zu betonen, dass dies alleine schon deshalb schwierig sei, weil Jinko nicht vorhabe, mit bisherigen Projektpartnern - vor allem aus Deutschland - in Konkurrenz zu treten.

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