Donnerstag, 19. September 2019

Gasprojekt Nabucco Europas politischer Pipeline-Poker

Nabucco-Konferenz in der Türkei: Beteiligte sprechen schon von "Nabucco West" oder Nabucco Short"

Poker am Energiemarkt: Der Streit, durch welche Leitungen die Gasschätze des Kaspischen Meers nach Europa fließen sollen, verschärft sich. Dabei geht es nicht nur um Rivalitäten zwischen Europäern und Russen. Länder wie Aserbaidschan haben die Spielregeln neu definiert.

Hamburg - "Pipeline-Politik ist Ankündigungspolitik" oder "das ist alles ein großes Pokerspiel". Mit diesen Sätzen beschreiben Branchenkenner das Feilschen um die gigantischen Gaspipeline-Projekte Nabucco, South Stream und Co. In kaum einer anderen Branche sind marktwirtschaftliche Argumente und politischer Wille so eng miteinander verknüpft - und laufen oft zugleich in so gegensätzliche Richtungen.

Ein Grund: die weltweite Nachfrage nach Gas vorherzusagen, gleicht dem Blick in die Glaskugel. Verzerrt wird die Zukunft dabei von mehreren Entwicklungen, die jede für sich einen signifikanten Einfluss auf die Nachfrage nach dem flüchtigen Rohstoff haben.

Zum einen spielt Gas bei der Strom- und Wärmeversorgung eine immer wichtigere Rolle - sowohl bei privaten Haushalten als auch für Anwendungen der Industrie. Zum anderen rechnen viele Branchenkenner damit, dass die Gaspreise wegen der Schiefergas-Vorkommen in den USA weiter sinken werden - und das Angebot auch durch die großen neuen Flüssiggasterminals in Europas Häfen steigen wird.

Die über Jahre dominanten politischen Argumente für und gegen das eine oder das andere Pipeline-Projekt waren zuletzt in den Hintergrund getreten. Fast vergessen schienen die Gaskriege zwischen Russland und der Ukraine, die in den Jahren 2006 und 2009 Europas Abhängigkeit zum russischen Gas nur zu deutlich werden ließen.

Zumal es auch Stimmen gibt, die ein Nebeneinander der von den Russen favorisierten Pipeline South Stream und der von der EU vorangetriebene Pipeline Nabucco für realistisch halten. "Da gibt es sehr unterschiedliche Sichtweisen, ob es sich um konkurrierende Projekte handelt", sagt beispielsweise Kurt Oswald, Energieexperte der Unternehmensberatung A. T. Kearney. "Ich persönlich sehe South Stream vor allem als logistische Alternative."

Die Perspektive: Russland könnte die Ukraine als unsicheres Transitland umgehen. Auch bei Nord Stream handele es sich nicht allein um zusätzliche Volumina nach Europa, sagt Oswald. "Wir gehen davon aus, dass allein durch Nord Stream die Ukraine rund zwanzig Prozent der Durchleitungsmengen und damit Tarifeinnahmen verlieren könnte."

South Stream als logistische Alternative

South Stream sei indes noch stärker als Nord Stream als Logistikalternative zu sehen, sagt Oswald. Würde man die Pipelinekapazitäten von South Stream - 63 Milliarden Kubikmeter - und Nord Stream - 55 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr - addieren, ergäbe sich fast jene Gasmenge, die bislang durch das ukrainische Pipeline-System nach Europa fließt: rund 125 Milliarden Kubikmeter.

Im Gegensatz zu den von Russland vorangetriebenen Projekten South Stream und Nord Stream liegt nach Ansicht des Energieexperten bei dem von der EU favorisierten Projekt Nabucco eine andere Stoßrichtung zugrunde. "Bei Nabucco ist vor allem die Idee der Diversifikation bedeutsam", sagt Oswald. Zumal vor dem Hintergrund, dass die russischen Pipelineprojekte Nord Stream und South Stream die Europäer eher noch abhängiger von russischem Gas machen würden als bislang. Schon heute stehe Russland für gut 39 Prozent des europäischen Gasverbrauchs. "Und nach unseren Berechnungen würde allein Nord Stream diese Abhängigkeit von russischem Gas bis 2020 um rund 3 Prozentpunkte erhöhen."

Ein weiterer Aspekt Nabuccos ist nach Ansicht des Experten der Fokus auf Südosteuropa. "Gerade in Südosteuropa gibt es praktisch keine Alternative zu Pipelines, weil der Einsatz von verflüssigtem Gas dort wirtschaftlich wenig Sinn macht", sagt Oswald. Die für den Umschlag des verflüssigten Gases notwendigen LNG-Terminals würden dagegen in Italien, Frankreich und Großbritannien gebaut. "Nabucco wäre auch deshalb für die EU sinnvoll, um die Gasversorgung Südosteuropas im Falle von Lieferunterbrechungen bei russischem Gas sicherzustellen."

So einfach ist die Sache allerdings nicht. "Natürlich gibt es Hürden", sagt Oswald. Die wichtigste Frage sei weiterhin, für welchen Pipelinebetreiber aufgrund welcher Kriterien das wichtige Shah-Deniz-II-Konsortium, das ab 2017 Gas aus dem Kaspischen Meer nach Europa liefern will, sich entscheidet. Die Entscheidung sei auch deshalb komplex, weil teilweise auch Konsortialpartner von Shah-Deniz II, wie etwa der Mineralölkonzern BP, an den mit Nabucco konkurrierenden Pipelineprojekten beteiligt sind.

Letztlich, so Oswald, sei die Entscheidung über Pipelinebau und Gaslieferverträge meist ein Henne-Ei-Problem.

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