Tennet-Chef zur Blackout-Gefahr "Im Netz darf nichts Unvorhergesehenes passieren"

Bei zweistelligen Minusgraden zittert Deutschland auch um seine Stromversorgung. Der Wegfall von acht Atomkraftwerken sei derzeit noch zu verkraften, sagt der Chef des Netzbetreibers Tennet, Martin Fuchs. Doch die Lage ändere sich jeden Tag.
Netz am Limit: Im Winter ist die Stromnachfrage besonders hoch

Netz am Limit: Im Winter ist die Stromnachfrage besonders hoch

Foto: dapd

mm: Herr Fuchs, nach dem hastig eingeleiteten Atomausstieg gilt ein harter Winter mit hohem Stromverbrauch als Nagelprobe für die Energiewende. Nun regiert tatsächlich der Frost - wann kommt der Blackout?

Fuchs: Das Worst-Case-Szenario ist bisher nicht eingetreten. Aktuell sind alle Kraftwerke verfügbar. Und auch in der gegenwärtigen Kälteperiode weht Wind, so dass die Windkraftanlagen stets mit einer Leistung von einigen Tausend Megawatt Strom liefern. Heute sind es immerhin etwa 2000 Megawatt - das entspricht etwa drei großen konventionellen Kraftwerksblöcken. In den kommenden Tagen soll der Wind auffrischen. Wir erwarten keine kritische Situation. Aber wir wissen natürlich nicht, wie sich die Lage entwickelt.

mm: Ist es nicht verrückt, dass die Stromversorgung in Deutschland von der Windvorhersage abhängig ist?

Fuchs: Wir sind tatsächlich nicht mehr in der komfortablen Lage, diesen Umstand zu ignorieren. Der Wind bereitet uns immer wieder Kopfzerbrechen. Im milden Dezember bescherte uns die Starkwindlage teilweise größere Ungleichgewichte im Netz. Nun kommt es sehr darauf an, dass es weiter Windeinspeisung gibt, weil der Verbrauch hoch ist. Auf der anderen Seite ermöglichen die Windkraft und natürlich die konventionellen Kraftwerke und Fotovoltaik momentan Stromexporte - beispielsweise nach Frankreich, wo viele Elektroheizungen laufen.

mm: Wenn an besonders kalten Tagen Flaute herrscht und dann noch ein großes konventionelles Kraftwerk ausfällt, sollen notfalls alte Meiler aushelfen - die so genannte Kaltreserve. Brauchen Sie diese Anlagen jetzt?

Fuchs: Nein. Wir haben die Kaltreserve jetzt nicht angeworfen, weil alle von uns benötigten Kraftwerke in Deutschland verfügbar sind. Mir sind auch keine Fälle bekannt, in denen der Frost beispielsweise den Nachschub von Braun- oder Steinkohle behindert. Auch die Wasserkraft wird nur in einem Maß behindert, wie es vorhersehbar war. Pumpspeicherkraftwerke laufen wie gewohnt weiter.

mm: Anfang Dezember haben aber bereits einmal österreichische Anlagen die Versorgung in Deutschland gesichert.

Fuchs: Damals gab es im Norden ein sehr großes Angebot an Windstrom, und im Süden war das Kernkraftwerk Gundremmingen unplanmäßig vom Netz gegangen. Wir haben deshalb an zwei Tagen knapp 1000 Megawatt Leistung in Österreich abgerufen, um das Netz zu stabilisieren. Diese Aufgabe hätten zwar auch einige süddeutsche Kraftwerke übernehmen können. Da diese flexibler einsatzbereit sind, haben wir sie jedoch für Notlagen , etwa eine nicht auszuschließende Verschärfung der Netzsituation, verfügbar gehalten.

"Zustand permanenter Angespanntheit"

mm: Haben Sie denn bereits Großverbraucher aus der Industrie gebeten oder gar angewiesen, ihren Verbrauch zu drosseln?

Fuchs: Nein. Das wäre das allerletzte Mittel, um die Netzsicherheit zu gewährleisten.

mm: Großverbraucher wie der Aluminiumhersteller Norsk Hydro haben sich über kurzzeitige Netz- und Spannungsschwankungen beschwert, die seit Beginn der Energiewende vermehrt aufgetreten seien. Haben sich diese Klagen gehäuft?

Fuchs: In unserem Versorgungsgebiet ist mir von derartigen Beschwerden mit Hinweis auf die Energiewende nichts bekannt. Kurze Spannungsschwankungen im Millisekundenbereich gibt es immer mal wieder, beispielsweise aufgrund von Blitzeinschlägen. Das Fehlen von Kernkraftwerken oder die wachsende Leistung der erneuerbaren Energien kann hier nicht die Ursache sein.

mm: Am rasantesten wächst in Deutschland die Solarenergie. Was trägt sie denn momentan dazu bei, die Versorgung zu sichern?

Fuchs: Mittags speisen die Anlagen in unserem Netzgebiet zurzeit mit einer Leistung von etwa 5000 Megawatt ein. Das dämpft den zuletzt starken Anstieg des Strompreises an der Börse. Während der Spitzenlast in den frühen Abendstunden fällt die Fotovoltaik jedoch naturgemäß aus. Immerhin kann die Leistung mancher Speicherkraftwerke am Mittag zugunsten der frühen Abendstunden gedrosselt werden.

mm: Wie wird das Stromnetz im Frühling und im Sommer mit der den zu erwartenden massiven Solarstromeinspeisungen fertig?

Fuchs: Es wird in Deutschland an einigen sonnigen Tagen wohl ein massives Überangebot an Strommengen geben, die wir im Stromnetz nicht gebrauchen können. Die Börsenpreise können dann deutlich sinken und eventuell in den negativen Bereich gehen. Ausländische Versorger werden dann wohl bis zur Belastungsgrenze der Kuppelstellen bei uns einkaufen. Generell ist das Netz im Sommer aber leichter stabil zu halten als im Winter, weil die hohe Nachfrage in den frühen Abendstunden nicht gegeben ist. In den kommenden Jahren wird die große Strommenge aus erneuerbaren Energien aber zu einem immer stärkeren Problem, wenn wir die Netze nicht zügig ausbauen.

mm: Welche Schlüsse ziehen Sie bisher aus den bisherigen Erfahrungen mit der Energiewende in diesem Winter - wird Ihnen eher mulmig oder wächst die Zuversicht?

Fuchs: Wir befinden uns in einem Zustand permanenter Angespanntheit. Das Risiko von Stromausfällen ist gewachsen, immer häufiger darf im Netz nichts Unvorhergesehenes mehr passieren. Es gibt weniger Handlungsspielraum, und es sind deutlich mehr Eingriffe in das System nötig als früher. Noch ist die Lage beherrschbar, aber die Betonung liegt auf "noch".

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