Montag, 21. Oktober 2019

Tennet-Chef zur Blackout-Gefahr "Im Netz darf nichts Unvorhergesehenes passieren"

Netz am Limit: Im Winter ist die Stromnachfrage besonders hoch

Bei zweistelligen Minusgraden zittert Deutschland auch um seine Stromversorgung. Der Wegfall von acht Atomkraftwerken sei derzeit noch zu verkraften, sagt der Chef des Netzbetreibers Tennet, Martin Fuchs. Doch die Lage ändere sich jeden Tag.

mm: Herr Fuchs, nach dem hastig eingeleiteten Atomausstieg gilt ein harter Winter mit hohem Stromverbrauch als Nagelprobe für die Energiewende. Nun regiert tatsächlich der Frost - wann kommt der Blackout?

Fuchs: Das Worst-Case-Szenario ist bisher nicht eingetreten. Aktuell sind alle Kraftwerke verfügbar. Und auch in der gegenwärtigen Kälteperiode weht Wind, so dass die Windkraftanlagen stets mit einer Leistung von einigen Tausend Megawatt Strom liefern. Heute sind es immerhin etwa 2000 Megawatt - das entspricht etwa drei großen konventionellen Kraftwerksblöcken. In den kommenden Tagen soll der Wind auffrischen. Wir erwarten keine kritische Situation. Aber wir wissen natürlich nicht, wie sich die Lage entwickelt.

mm: Ist es nicht verrückt, dass die Stromversorgung in Deutschland von der Windvorhersage abhängig ist?

Fuchs: Wir sind tatsächlich nicht mehr in der komfortablen Lage, diesen Umstand zu ignorieren. Der Wind bereitet uns immer wieder Kopfzerbrechen. Im milden Dezember bescherte uns die Starkwindlage teilweise größere Ungleichgewichte im Netz. Nun kommt es sehr darauf an, dass es weiter Windeinspeisung gibt, weil der Verbrauch hoch ist. Auf der anderen Seite ermöglichen die Windkraft und natürlich die konventionellen Kraftwerke und Fotovoltaik momentan Stromexporte - beispielsweise nach Frankreich, wo viele Elektroheizungen laufen.

mm: Wenn an besonders kalten Tagen Flaute herrscht und dann noch ein großes konventionelles Kraftwerk ausfällt, sollen notfalls alte Meiler aushelfen - die so genannte Kaltreserve. Brauchen Sie diese Anlagen jetzt?

Fuchs: Nein. Wir haben die Kaltreserve jetzt nicht angeworfen, weil alle von uns benötigten Kraftwerke in Deutschland verfügbar sind. Mir sind auch keine Fälle bekannt, in denen der Frost beispielsweise den Nachschub von Braun- oder Steinkohle behindert. Auch die Wasserkraft wird nur in einem Maß behindert, wie es vorhersehbar war. Pumpspeicherkraftwerke laufen wie gewohnt weiter.

mm: Anfang Dezember haben aber bereits einmal österreichische Anlagen die Versorgung in Deutschland gesichert.

Fuchs: Damals gab es im Norden ein sehr großes Angebot an Windstrom, und im Süden war das Kernkraftwerk Gundremmingen unplanmäßig vom Netz gegangen. Wir haben deshalb an zwei Tagen knapp 1000 Megawatt Leistung in Österreich abgerufen, um das Netz zu stabilisieren. Diese Aufgabe hätten zwar auch einige süddeutsche Kraftwerke übernehmen können. Da diese flexibler einsatzbereit sind, haben wir sie jedoch für Notlagen , etwa eine nicht auszuschließende Verschärfung der Netzsituation, verfügbar gehalten.

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