Französischer Atomkonzern Areva verlernt das Strahlen

Streit mit der Ex-Chefin, Probleme mit dem Reaktor-Hoffnungsträger, dazu eine tiefrote Bilanz: Mit einem Sparkurs soll Areva wieder Tritt fassen. Von Westeuropas Abkehr von der Atomkraft dürfte der französische Nuklearkonzern und Ex-Siemens-Partner mittelfristig jedoch profitieren.
Areva-Druckwasserreaktor im finnischen Olkiluoto: Doppelt so teuer wie geplant, erst 2014 am Netz

Areva-Druckwasserreaktor im finnischen Olkiluoto: Doppelt so teuer wie geplant, erst 2014 am Netz

Foto: AREVA/ AFP

Hamburg - Die Jahreszahlen fallen tiefrot aus, der juristische Kampf mit der Ex-Chefin dürfte schmutzig werden, und bei seinem Reaktor-Hoffnungsträger kommt der Atomkonzern Areva nur schleppend voran. Kein Wunder, dass Areva-Chef Luc Oursel nach neuen Wegen sucht, um die Stimmung im Konzern zu heben.

Nun hat Oursel den Internet-Kurznachrichtendienst Twitter für sich entdeckt. Auf dem Twitter-Kanal von Areva  schreibt Oursel seit Kurzem Meldungen unter dem Kürzel #LO. Seine "Meinungen, Reaktionen und Erlebnisse bei der Areva-Gruppe" will der 52-jährige Franzose laut Eintrag vom 17. Januar den Twitter-Fans mitteilen. Dort erfährt man etwa, dass Oursel vor wenigen Tagen in den USA war, um Anlagen zur Brennelemente-Herstellung zu besichtigen und neue Kraftwerksprojekte zu diskutieren. Der Besuch sei "sehr interessant" gewesen, schreibt Oursel artig. Zudem habe er Arevas US-Angestellten die "Ambition für den amerikanischen Markt" mitgeteilt.

Die Jahresbilanz, die Areva  heute vorlegt, kann Oursel aber kaum im freundlichen Plauderton auf Twitter kommentieren. Denn sie wird tiefrot ausfallen. Mitte Dezember musste der Konzern Abschreibungen in Höhe von 2,4 Milliarden Euro bekannt geben. Darin enthalten ist eine Wertberichtigung in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar für den Uranminenbetreiber Uramin, den Areva vor fünf Jahren übernommen hatte. Zudem erhöht der Konzern Rückstellungen, weil sich der Bau eines neuen Druckwasserreaktors in Finnland weiter verzögert. Areva rechnet für 2011 mit einem operativen Verlust von bis zu 1,6 Milliarden Euro - nach einem Minus von 423 Millionen Euro im Vorjahr.

Die Folge dieser Zahlen ist ein Sparprogramm, das es in sich hat: Weltweit will Areva insgesamt 3000 von knapp 50.000 Stellen streichen. Bis zu 1500 Jobs sollen allein in Deutschland wegfallen, wo Areva bisher 6000 Mitarbeiter beschäftigt. Mehrere Projekte, wie eine Urananreicherungsanlage in La Hague, legt Areva bis auf Weiteres auf Eis. Die bisher geplanten Investitionen will Oursel bis 2016 um 35 Prozent auf 7,7 Milliarden Euro schrumpfen. Arevas Kosten sollen bis 2015 um eine Milliarde Euro sinken, zudem will Oursel Beteiligungen im Umfang von 1,2 Milliarden Euro verkaufen.

Trösten kann Oursel vielleicht die Summe, die dem Konzern nach der Auflösung des Jointventures mit Siemens zusteht. Denn die Münchner müssen Areva eine Vertragsstrafe in Höhe von 648 Millionen Euro dafür zahlen, dass sie aus dem gemeinsamen Bau eines neuartigen Druckwasserreaktors in Finnland überhastet ausgestiegen sind.

Atomunglück in Fukushima trübt Aussichten in Westeuropa

Zu schaffen machen dem Konzern, der zu 87 Prozent dem französischen Staat gehört und gut die Hälfte seiner Umsätze in Europa erzielt, nicht nur der teure Einkauf von Uramin. Areva bekommt die Folgen des Atomunglücks in Fukushima deutlich zu spüren. Zwar gelten die Druckwasserreaktoren (EPR), die der Konzern entwickelt, als weltweit fortschrittlichste und sicherste Technologie für Atomkraftwerke.

Zudem bietet Areva weit mehr als nur die Expertise beim Bau von Atomkraftwerken: Die Franzosen besitzen Uranminen, stellen Brennstäbe her, sorgen für die Wiederaufbereitung der Brennelemente und waren etwa in Deutschland auch beim Rückbau der stillgelegten Meiler Würgassen und Stade aktiv.

Doch das Fukushima-Unglück hat in der wichtigsten Absatzregion der Franzosen ein Umdenken ausgelöst, das die zwei wichtigsten Geschäftszweige von Areva bedroht: den Verkauf von nuklearen Brennstoffen und den Bau von Reaktoren. In Deutschland sind nun 8 der insgesamt 17 Reaktoren vom Netz, bis 2022 sollen die Deutschen gänzlich auf Strom aus Kernkraftwerken verzichten. In Italien hat eine Volksabstimmung die geplante Wiedereinführung der Atomkraft gestoppt. Belgien und die Schweiz wenden sich ebenfalls von der Atomkraft ab, in den Niederlanden droht der Bau eines zweiten Kernkraftwerks zu scheitern.

Wie groß derzeit die Unsicherheit in Westeuropa ist, zeigt der jüngste Bericht der internationalen Atomenergieagentur IAEA: Im pessimistischen Szenario sinkt die aus Atomkraftwerken stammende Kapazität in Westeuropa bis 2030 um 30 Prozent auf 83 Gigawatt, sagen die IAEA-Experten voraus. Im optimistischen Fall steigt die AKW-Leistung in den nächsten 18 Jahren auf 149 Gigawatt. Das ist aber noch immer um 17 Gigawatt weniger als in der Prognose von 2010.

Hoffnungsmärkte liegen in Asien - und im AKW-Rückbau

Zwar versucht sich Areva seit einigen Jahren auch im Bereich erneuerbare Energien zu positionieren. Am weitesten gediehen sind die Aktivitäten bei Windanlagen: In Deutschland ist die Tochter Areva Wind etwa am Offshore-Windpark Global Tech 1 beteiligt, der 90 Kilometer von der deutschen Nordseeküste entfernt liegt. Zudem sicherte sich Areva Wind im Dezember vergangenen Jahres einen Auftrag über 400 Millionen Euro für vierzig Windturbinen, die künftig Strom für den Offshore-Windpark Borkum West II in der Nordsee liefern sollen.

Aktiv sind die Franzosen auch in den Bereichen Biomassekraftwerke, Solarthermie und Wasserstoffkraftwerke. Doch die Umsätze mit erneuerbaren Energien machen weniger 2 Prozent des Areva-Gesamtumsatzes von rund 9,1 Milliarden Euro (2010) aus.

Immerhin sieht die Lage für die Atomindustrie außerhalb von Westeuropa deutlich rosiger aus. Weltweit wird die in Kernkraftwerken produzierte Leistung bis 2030 von heute 367 Gigawatt auf mindestens 501 Gigawatt steigen, schreibt die IAEA. Den höchsten Zuwachs an Atomkraftwerken wird es in Asien geben. Dort wird sich laut IAEA die Strommenge, die aus Atomkraftwerken stammt, in den nächsten 18 Jahren zumindest verdoppeln.

"Fukushima hat weltweit sicherlich zu einem Nachdenken geführt", sagt Michael Kruse, Energieexperte der Unternehmensberatung Arthur D. Little, zu manager magazin online. Doch Kernenergie bleibe weiterhin Bestandteil der Energieerzeugung vieler Länder. Kruse zufolge sind derzeit weltweit 793 Reaktorblöcke in Diskussion oder Vorplanung, 60 davon sind bereits in Bau. Mehr als 30 Prozent der Kraftwerksneubauten entstehen in China, das weltweit bereits die größte AKW-Baustelle ist. "Die Chinesen überprüfen zwar ihre Sicherheitspositionen, bauen die begonnenen Atomkraftwerke aber zu Ende und haben darüber hinaus auch Ambitionen im Export von Kerntechnik", meint Kruse.

Doch im Reich der Mitte haben Areva und andere ausländische Konkurrenten einen schweren Stand. Bei dem Neubau von so sensiblen Anlagen wie Kernkraftwerken, mischt die Politik kräftig mit. Und die bevorzugt Anbieter aus dem Heimatland. "In China gibt es starke Bestrebungen, Reaktoren mit lokalem Design zu bauen", sagt Kruse. In Russland und den früheren Sowjetrepubliken ist die Situation ähnlich: Dort setzen Kraftwerksbetreiber seit Jahrzehnten auf Kernkraftwerke russischer Bauart. Die liefert eine seit Jahrzehnten etablierte Atomindustrie rund um den Konzern Rosatom.

Geschäft mit AKW-Zerlegung startet erst in einigen Jahren

Kruse meint aber, dass Areva auch in Westeuropa und seinem Heimatland Frankreich gute Geschäfte machen kann. In Deutschland muss Areva dafür jedoch zuerst eine Durststrecke überstehen. "Das Geschäft mit Erneuerungsinvestitionen und Wartung bricht weg, der Beginn des Rückbaus im größeren Stil wird sich aber noch einige Jahre hinziehen", sagt Kruse. Wenn Atomkraftwerke vom Netz gehen, müssen die Brennstäbe erst einmal mehrere Jahre in einem eigenen Abklingbecken lagern. Erst dann können Unternehmen mit der Zerlegung des Reaktorgebäudes beginnen.

Besser sieht die Situation für Areva im Heimatland aus. In Frankreich sind derzeit 58 Reaktoren in Betrieb, die zum Teil ersetzt werden müssen. Im November hat ein Bericht des französischen Instituts für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit die Grande Atomnation wachgerüttelt: Aus Sicherheitsgründen sollen sämtliche Atomkraftwerke nachgerüstet werden, fordert das Institut nach einem "Stresstest".

Mängel bestehen vor allem bei der Notstromversorgung und bei der Kühlung der Anlagen, monierten die französischen Atomexperten. Das trifft zwar vor allem den französischen Energieriesen EdF, der die Kraftwerke betreibt und die Kosten für die Nachrüstungen auf 50 Milliarden Euro taxiert. Doch das wiederum dürfte Areva gute Geschäfte bescheren.

Sorgen muss Areva-Chef Oursel aber die Stimmung im eigenen Land machen. Bislang galten die Franzosen als glühende Kernkraftverfechter. Rund 75 Prozent des französischen Stroms stammen aus Kernkraftwerken. Doch die Begeisterung im eigenen Land über diese Form der Energieerzeugung sinkt. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hält zwar weiterhin am bisherigen Energiemix fest. Doch sein sozialistischer Gegenspieler Francois Hollande, der bei den Wahlen gegen Sarkozy antritt, will den Atomstrom-Anteil bis 2025 auf 50 Prozent reduzieren.

Politische Querelen gefährden Reaktor-Exporthoffnung

Zudem kommt Areva in seinem Heimatland derzeit nicht aus den negativen Schlagzeilen. Oursels Vorgängerin, die langjährige Areva-Chefin Anne Lauvergeon, hat ihren Ex-Arbeitgeber kürzlich auf Zahlung von 1,5 Millionen Euro verklagt. Denn seit sie im Sommer 2011 geschasst wurde, hat ihr Areva ihre Abfindung vorenthalten. Öffentlich wirft Lauvergeon Areva nun Spionageversuche und Machtspielchen vor - und deutet an, dass französische Industrielle den Atomkonzern gerne unter sich aufteilen würden.

Das sorgt für Unruhe unter Arevas Investoren - genauso wie die Ansage des Präsidentschaftskandidaten Hollande, den Atomstrom-Anteil signifikant zu reduzieren. Hollandes Pläne kämen einer Abschaltung von rund 24 Reaktoren gleich. Die französische Atomlobby rechnete bereits vor, dass ein solcher Schritt die Stromkosten in Frankreich deutlich in die Höhe treiben würde.

Zudem warnen Experten, dass die Abschaltung von Reaktoren ein fatales Signal für potentielle Auslandskunden von Areva sein könnte. Denn dann sähe es so aus, als würde Frankreich seinen Glauben an die Kernenergie verlieren. Das würde auch Arevas größter Exporthoffnung schwer zu schaffen machen: Dem neuen Druckwasserreaktor EPR. Bislang lief bei dem Projekt vieles nicht wie geplant. Die EPR-Pilotanlage im finnischen Olkiluoto wird erst im Jahr 2014 fertig und kostet doppelt so viel wie ursprünglich geplant. Das gilt in ähnlichem Maßstab für den Arevas zweiten EPR-Reaktor im französischen Flamanville.

Die EPR-Reaktoren sind in ihrer jetzigen Form zwar sehr leistungsstark, aber auch entsprechend teuer. Das arabische Emirat Abu Dhabi, das sich ursprünglich für Arevas EPR-Reaktoren interessierte, hat sich im Jahr 2010 für einen technisch ähnlichen, aber deutlich billigeren Reaktortyp aus Korea entschieden.

Areva schrumpft seinen Reaktor-Hoffnungsträger

Das große Geschäft mit den Kraftwerksneubauten werden die Konzerne künftig in Schwellenländern wie der Türkei, Vietnam oder auch Saudi-Arabien machen. Doch für manche aufstrebenden Nationen sind die EPR-Reaktoren, die eine Kraftwerkskapazität von 1,7 Gigawatt liefern, zu groß dimensioniert. Kleinere Länder haben oft keinen so großen Strombedarf. Zudem kommen die Stromnetze vieler Schwellenländer mit solchen Strommengen oft nicht zurecht.

Areva versucht deshalb seit einiger Zeit, Kunden für eine kleinere Version des EPR-Reaktors zu gewinnen. Dafür haben sich die Franzosen mit dem japanischen Mitsubishi-Konzern verbündet. Der gemeinsam vermarktete Reaktor mit der Bezeichnung Atmea1 soll eine deutlich geringere Kraftwerksleistung von 1,1 Gigawatt liefern.

Ob er zum Erfolg wird, wird auch von stärkeren Marketingbemühungen der Franzosen abhängen. Zwar kann Areva von Brennelementen über den Kraftwerksbau bis hin zum Service alles aus einer Hand liefern. Doch die russische Rosatom bietet auch die komplette Finanzierung der Kraftwerke mit an. Das ist gerade in Newcomerländern hilfreich - denn die Finanzierung von Kernkraftwerken ist seit Fukushima deutlich schwieriger geworden. Zudem haben die Franzosen im Service noch einiges aufzuholen. "Areva sollte mal darüber nachdenken, ob sich andere Lieferanten stärker auf die Kunden einlassen", meint ein Branchenkenner gegenüber manager magazin online.

Areva-Chef Oursel gibt sich trotzdem optimistisch. Bis 2016 will er insgesamt zehn EPR-Reaktoren verkaufen. Erfolgsmeldungen kann Oursel aber bisher keine vorweisen. Immerhin: Großbritannien will in Kürze eine endgültigen Entscheidung über den Neubau von vier EPR-Reaktoren treffen. Areva bietet nun bei Kraftwerksausschreibungen in Südafrika, Tschechien, Polen und Finnland mit. Doch potentielle Kunden können erst 2014 die ersten EPR-Reaktoren in Betrieb sehen. In den nächsten Monaten wird Oursel viel an Überzeugungsarbeit leisten müssen.

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