Freitag, 20. September 2019

Desertec-Aufsichtsratschef "Es gibt nur zwei schnell umsetzbare Energiestrategien"

Wüstenstromprojekt Desertec: "Die Bereitschaft einer Zusammenarbeit zwischen Nordafrika und Europa ist (seit dem Arabischen Frühling) deutlich gestiegen"
desertec.org
Wüstenstromprojekt Desertec: "Die Bereitschaft einer Zusammenarbeit zwischen Nordafrika und Europa ist (seit dem Arabischen Frühling) deutlich gestiegen"

Solarstrom aus der Wüste - lassen sich die ehrgeizigen Pläne des Projekts Desertec nach dem Arabischen Frühling, der Fukushima-Katastrophe und der Pleite des Desertec-Förderers Solar Millennium noch halten? Max Schön, Präsident des Club of Rome und Aufsichtsratsvorsitzender der Desertec Foundation, spricht über die Perspektiven der regenerativen Energie bis 2050.

mm: Herr Schön, bis 2050 soll das Wüstenstromprojekt Desertec umgesetzt sein. Wie viel Strom wird Europa bis dann verbrauchen?

Schön: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat berechnet, dass der Stromverbrauch in Europa in vierzig Jahren gut 10 Prozent über dem heutigen Niveau liegen wird.

mm: Und wie sieht dann die Energieversorgung aus Sicht des Aufsichtsratsvorsitzenden der Desertec Foundation aus?

Schön: Nach unseren Vorstellungen wird Europa seinen Strom dann zu etwa 15 Prozent aus den Wüsten Nordafrikas und dem Nahen Osten beziehen. 65 Prozent werden aus heimischen regenerativen Energien stammen, also etwa aus Wind, Sonne, Wasser, Erdwärme und Biomasse. Die restlichen 20 Prozent werden fossile Energieträger, allen voran Gaskraftwerke, beisteuern, die als Reserve und zur Grundlastversorgung dienen. Wobei auch Desertec zur Grundlastversorgung beitragen wird, weil es sich bei dem Wüstenstrom im Wesentlichen um speicherbare Energie aus Solarthermie handelt.

mm: Wie wollen Sie in der Wüste Energie speichern?

Schön: Welche Technologien sich schlussendlich durchsetzen werden, da bin ich selbst gespannt. Bislang, also bei den Solarthermiekraftwerken in Spanien, kommen vor allem Salzspeicher zum Einsatz. Das flüssige Salz wird den Tag über erhitzt, die Wärme dann in der Nacht wieder entnommen. Es gibt aber auch Alternaiven wie Sand und Beton, die gegenwärtig erprobt werden.

mm: Und wie viel Strom werden die Nordafrikaner im Jahr 2050 verbrauchen?

Schön: In der Mena-Region, also Nordafrika und dem mittleren Osten, gehen wir davon aus, dass sich der Strombedarf gegenüber heute versechsfachen wird. Die notwendige Stromproduktion würde dann ungefähr dem heutigen Niveau Europas entsprechen.

mm: Wie kommt es zu so einem Anstieg?

Schön: In der Mena-Region schreitet die Industrialisierung gerade erst richtig voran, die Bevölkerung nimmt drastisch zu. Die Bevölkerungen sind dort im Schnitt Mitte, Ende zwanzig Jahre jung. Und allein für die Trinkwasserversorgung wird dort 2050 so viel Energie benötigt werden wie bislang in der ganzen Region zusammengenommen verbraucht wird.

mm: Der Betrieb von Meerwasserentsalzungsanlagen gilt als einer der wichtigsten Gründe für Desertec. Denn bislang müssen sie durch fossile Energieträger wie Öl befeuert werden. Wie viel Strom wird dafür im Jahr 2050 gebraucht werden?

Schön: Im Jahr 2050 werden das rund 500 Terawattstunden sein, also etwa 12 Prozent der dann im Zuge des Desertec-Konzepts produzierten Energie in der Mena-Region. Insgesamt werden dann übrigens mehr als 80 Prozent der dort erzeugten Energie auch in Nordafrika und dem mittleren Osten verbraucht werden.

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