Kraftwerke angezapft Deutschland braucht erstmals Ösi-Strom

Es ist ein bitteres Eingeständnis: Deutschland ist auf Österreich angewiesen - zumindest in der Stromversorgung. Weil das hiesige Stromnetz im ersten Wintertest ohne die abgeschalteten Atomkraftwerke ins Wackeln geriet, ist die Hilfe nötig geworden. Nicht zum letzten Mal, unken Experten.
Wind und Energieversorgung: Unter ungünstigen Bedingungen lassen die erneuerbaren Energien das deutsche Stromnetz nach dem Atomausstieg flackern

Wind und Energieversorgung: Unter ungünstigen Bedingungen lassen die erneuerbaren Energien das deutsche Stromnetz nach dem Atomausstieg flackern

Foto: JOSE MANUEL RIBEIRO/ REUTERS

Düsseldorf - Die Stabilität der deutschen Stromversorgung ist einem Pressebericht zufolge in diesem Winter offenbar nur mit Mühe aufrecht zu erhalten. Nach Informationen der Zeitung "Die Welt" musste beispielsweise der Netzbetreiber Tennet bereits am 8. und am 9. Dezember erstmals auf die Hilfe österreichischer Kraftwerke zurückgreifen, damit das hiesige Netz nicht ins Schwanken gerät. Dafür musste unter anderem ein altes Ölkraftwerk bei Graz vorübergehend wieder ans Netz gebracht werden. Die Bundesnetzagentur bestätigte das gegenüber der Zeitung.

Zur Sicherstellung der Stromversorgung nach der politisch erzwungenen Abschaltung von acht der 17 deutschen Atomkraftwerke dienen ältere Kohle- und Gaskraftwerke derzeit als Reserve - selbst das Nachbarland Österreich muss den Deutschen dann Strom liefern, den sie selbst nicht mehr produzieren.

Die beiden größten Stromkonzerne des Landes, die Verbund AG und die Energieversorgung Niederösterreich (EVN), sowie die Stadtwerke aus Wien halten dazu zusätzliche Kraftwerkskapazitäten bereit. Besonders im Großraum Wien stehen gas- und ölbetriebene Kraftwerksblöcke bereit, die hochgefahren werden könnten, wenn ein extrem strenger Winter oder andere ungünstige Wetterlagen den Strombedarf in Deutschland plötzlich in die Höhe treibt. Damit könne eine Leistung von knapp 1100 Megawatt bereitgestellt werden, etwa um die Strommenge auszugleichen, wenn ein deutsches Kernkraftwerk abgeschaltet werde.

Eine Sprecherin des Netzbetreibers Tennet sagte der "Welt", eine Kombination aus hoher Windkraftleistung im Norden und der hohen Verbrauchslast im Süden an diesen beiden Tagen sei die Ursache für das Netzflackern gewesen. Am 8. und 9. Dezember hatte das Sturmtief "Ekkehard" für ein fast volles Windkraftangebot von rund 20.000 Megawatt in Norddeutschland gesorgt. Wegen fehlender Leitungen konnte diese Energie aber nicht nach Süden transportiert werden. Erschwerend sei hinzugekommen, dass der Block C des Atomkraftwerks Gundremmingen des Versorgers RWE  unplanmäßig abgeschaltet war, weil zwei der 784 Brennelemente wegen leichter Defekte ausgetauscht werden mussten.

Dauerstütze für Deutschland

Die jetzige Hilfsaktion aus Österreich wird nach Expertenmeinung nicht die einzige bleiben. Die Versorgungssicherheit in Deutschland bleibe durch den Atomausstieg für eine Reihe von Jahren angespannt, hatte Netzagentur-Chef Matthias Kurth bereits vor Monaten gewarnt. Tennet selbst gab an, im vergangenen Jahr mehr als drei Mal so viele Rettungsaktionen für das hiesige Stromnetz ergriffen zu haben als in den Vorjahren. Demnach habe das Unternehmen 2011 an 306 Tagen insgesamt 990 Mal eingreifen müssen, um die Stabilität des Netzes zu garantieren, 2010 seien es noch 298 Eingriffe an 161 Tagen gewesen.

Um den Betrieb des deutschen Höchstspannungsnetzes kümmern sich vier Unternehmen, die vielfach einst den hiesigen Stromriesen gehörten. Sie hatten sich oftmals auf Druck der Regulierungsbehörde von ihren ehemaligen Töchtern getrennt, aber auch zur Geldbeschaffung im Schuldenabbau. Im Westen Deutschlands ist somit heute die frühere RWE-Tochter Amprion zuständig, im Osten das Unternehmen 50Hertz (ehemals Vattenfall Europe ). Das Gebiet von Norddeutschland über Hessen bis nach Bayern deckt der Betreiber Tennet ab; der Teil gehörte bis 2010 dem Versorger Eon ). Einzig in Baden-Württemberg ist heute wie früher EnBW zuständig.

kst/dapd/dpa-afx/rtr