Solar Millenium Solarkraftwerkbauer ohne Kraft

Und wieder eine Pleite in der Solarbranche: Der Kraftwerkbauer Solar Millennium steckt seit Monaten in einer tiefen Krise, vor allem nach dem Scheitern eines Vorzeigeprojekts in den USA. Die Insolvenz des Unternehmens stellt auch das Wüstenstromprojekt Desertec in Frage.
Solaranlage von Solar Millenium: Finanzierung des Projekts Ibersol in Spanien über einen öffentlichen Fonds ist gescheitert - das war der letzte Schlag für das Unternehmen

Solaranlage von Solar Millenium: Finanzierung des Projekts Ibersol in Spanien über einen öffentlichen Fonds ist gescheitert - das war der letzte Schlag für das Unternehmen

Foto: A9999 Solar Millenium/ dpa

Erlangen - Solar Millenium kam in den vergangenen Jahren einfach nicht auf einen grünen Zweig: Nach zahllosen schlechten Nachrichten und einer verwirrenden Gemengelage aus ständigen Führungswechseln, aufsehenerregenden Prozessen sowie Gerüchten über Bilanztricks und Insidergeschäfte hat das Erlanger Unternehmen am Mittwoch Insolvenz angemeldet.

Dabei ist die zugrundeliegende Geschäftsidee angesichts der Energiewende eigentlich sehr aussichtsreich. Mit Hohlspiegeln wollte Solar Millennium die Strahlen der Sonne auf Rohre lenken und darin Flüssigkeit erhitzen. Der dabei entstehende Dampf treibt Turbinen an - so kann gerade an sonnenreichen Standorten viel Energie entstehen.

Dass das klappt, hatte Solar Millennium  bei Pilotprojekten in Spanien bewiesen - sogar der Energiekonzern RWE  beteiligte sich an einem Kraftwerk. Die Franken sollten auch das Wüstenstromprojekt Desertec mit Technik versorgen.

Den Durchbruch versprach sich das börsennotierte Unternehmen aber vom Bau eines gigantischen Großkraftwerks im kalifornischen Blythe: Mit 1000 Megawatt sollte es die Leistung eines Atomkraftwerks erreichen - das wäre Weltrekord gewesen. Doch die Gesamtinvestitionen von rund 2,8 Milliarden Euro waren für das kleine Unternehmen gigantisch hoch. Auch wenn die US-Regierung das Projekt großzügig fördern wollte, kam es immer wieder zu Verzögerungen - vor allem fehlten weitere Investoren. Erst Ende vergangenen Jahres folgte der Spatenstich.

Billigkonkurrenz aus China: Photovoltaik statt Solarthermie

Im August dann die überraschende Wende: Statt der so lange angepriesenen Solarthermie sah sich Solar Millennium auf einmal dazu gezwungen, auf herkömmliche Photovoltaik zu setzen - auch wenn das Unternehmen bis dato gar keine Erfahrungen mit den Modulen hatte. Eine Kreditgarantie der US-Regierung ging daraufhin verloren. "Die Solarthermie ist durch den Preisverfall im Photovoltaik-Bereich nicht mehr konkurrenzfähig", erläuterte Wolfgang Hummel vom Zentrum für Solarmarktforschung am Mittwoch.

Vor allem die Billigkonkurrenz aus China macht den Firmen zu schaffen, die deutsche Solarbranche steckt in einer massiven Krise. Erst Mitte Dezember hatte der Berliner Solarmodulhersteller Solon  Insolvenz angemeldet.

Solar Millennium war zum Zeitpunkt des Technologiewechsels schon mit 40,7 Millionen Euro im Minus, ein Anstieg um 42 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr des vorhergehenden Geschäftsjahres. Dass die Finanzen nicht gerade solide sind, schlossen Beobachter auch aus den immer wieder verschobenen Terminen für Mitteilungen und Prognosen. Da bei Solar Millennium immer lange Zeit wenig, dann aber auf einen Schlag sehr viel Geld floss, waren die Stichtage entscheidend.

Rückzug aus den USA, Streit mit Utz Claassen

Wenige Wochen nach dem Technologieschwenk im Prestigeobjekt Blythe folgte die Nachricht, dass sich Solar Millennium komplett vom schwierigen US-Markt zurückziehe und den Bau des Großkraftwerks einem anderen Unternehmen überlasse. Auch bei anderen Projekten prüfe man den Wechsel auf die neue, wesentlich billigere Photovoltaik, hieß es wenig später.

Auch einer der spektakulärsten Rücktritte der vergangene Jahre deutete darauf hin, dass bei Solar Millennium schon länger einiges im Argen lag: Nach nur 74 Tagen im Amt des Vorstandschefs warf der frühere EnBW-Manager Utz Claassen im März 2010 das Handtuch. Die genauen Gründe blieben damals unklar. Eine Sonderprüfung des Unternehmens ergab jedoch keine Bilanzunregelmäßigkeiten.

Es folgte ein zäher und teils mit schwerem Geschütz ausgetragener Rechtsstreit um die Rechtmäßigkeit der Kündigung sowie um 9,2 Millionen Euro, die Claassen im Rahmen seines Antrittes erhalten hatte - auch dies eine schwere Hypothek für den kriselnden Kraftwerkbauer. Darüber hinaus setzte sich nach Claassens Rücktritt ein bemerkenswertes Personalkarussell in Bewegung.

Schwierigkeiten in Spanien

Zum Jahresbeginn 2011 übernahm der ehemalige McKinsey-Mann Christoph Wolff das Ruder - er hielt bis Oktober durch. Noch am gleichen Tag wurde das bisherige Vorstandsmitglied Jan Withag zum Chef ernannt. Damit reduzierte sich der Vorstand auf nur noch zwei Personen.

Nur wenige Tage vor diesem Wechsel war auch Solar-Millennium-Gründer und -Aufsichtsratsmitglied Hannes Kuhn zurückgetreten, nachdem mehrere Strafanzeigen wegen Untreue, Insidergeschäften, Prozessbetrug und Urkundenfälschung gegen ihn eingegangen waren. Kuhn selbst nannte eine Medienkampagne als Grund seines Rücktritts.

Am Dienstag und Mittwoch gab Solar Millennium dann zwei Nachrichten bekannt, die offenbar der finale Schlag für das taumelnde Unternehmen waren: Die Verhandlungen über den Verkauf von Blythe verzögerten sich, in diesem Jahr sei nicht mehr mit einem Abschluss zu rechnen. Und: Die Finanzierung des Projekts Ibersol in Spanien über einen öffentlichen Fonds sei gescheitert.

Die Gelder der oftmals privaten Anleger liegen nun auf einem Treuhandkonto. Die Aktie des Unternehmens krachte bis zum Abend auf nur noch 44 Cent.

Von Elke Richter, dpa

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