Solon-Insolvenz Die Geschichte eines angekündigten Untergangs

Der Preiskampf in der Solarindustrie hat Solon als ersten deutschen Solarmodulhersteller in die Pleite gerissen. Dass es ausgerechnet die Berliner traf, überrascht nicht. Denn sie waren zuletzt weder Herren über ihre Finanzen noch über ihre Strategie.
Von Kristian Klooß
Solon-Solaranlage in der fränkischen Gemeinde Arnstein: Einst Weltspitze, heute insolvent

Solon-Solaranlage in der fränkischen Gemeinde Arnstein: Einst Weltspitze, heute insolvent

Foto: A9999 DB Norbert Michalke/ dpa

Hamburg - Der Solarzellenhersteller Solon ist zahlungsunfähig. Eine Überraschung ist das nicht. Denn der Niedergang des Berliner Unternehmens, das 1998 als erstes deutsches Solarunternehmen an der Börse notiert war, lief ebenso rasant wie sein einstiger Aufstieg.

1996 gegründet, benannten es seine Gründer nach einem der sieben Weisen Griechenlands - dem Dichter und Politiker Solon. Dem guten Namen machte das Unternehmen dann auch durchaus Ehre. So setzte die Bundesregierung beim Umzug nach Berlin bei den Solaranlagen auf den Dächern der neuen Bundesbauten vor allem auf eine Marke - Solon .

So wuchs das Unternehmen rasant. Von 2005 bis 2008 vervierfachten sich die Umsätze von 201 Millionen Euro auf 815 Millionen Euro. An der Börse stieg Solon im Jahr 2006 gar in den TecDax  auf - zu Spitzenzeiten war das Unternehmen an der Börse rund 1,5 Milliarden Euro wert.

Um weiter zu wachsen, begann das Management schließlich damit, sich weltweit nach Übernahmekandidaten umzusehen - darunter auch die im Dezember 2007 übernommene Blue Chip Energy GmbH aus Österreich. In den USA, in Spanien, in Italien, überall mischte Solon mit. Und bis 2008 liefen die Geschäfte auf den wichtigsten Auslandsmärkten gut. Doch dann kam die Wirtschaftskrise.

Die Folge: Spanien strich die Solarsubventionen zusammen. Und Solon stürzte ab. Der Umsatz fiel von 815 Millionen Euro in 2008 auf 353 Millionen Euro in 2009. Seither hat sich das Unternehmen kaum mehr von diesem Schock erholt. Zumal nicht nur die staatliche geförderte Nachfrage einbrach. Auch auf der Angebotsseite erwuchs den Berlinern - allen voran durch die Chinesen - immer mehr neue und vor allem billigere Konkurrenz.

Auch Notoperationen reichten nicht

Im vergangenen halben Jahr ging es dann schnell. Im Juli stellte das Management der Blue Chip Energy GmbH einen Antrag auf Insolvenz. Zu diesem Zeitpunkt hielt Solon noch 18,28 Prozent der Anteile an dem österreichischen Solarzellenhersteller.

Im August kündigte dann das Solon-Management an, die Produktionsstätten in Tucson, Arizona, dicht zu machen. Schon damals stand vor allem eines im Mittelpunkt: das Liquiditätsmanagement. Inzwischen unterhalten die Berliner nur noch ein Vertriebsbüro in den USA.

Dennoch reichten auch die Notoperationen nicht. Im November schockte Solon die Aktionäre mit seinen jüngsten Quartalsergebnissen. Für die ersten neun Monate des laufenden Jahres hatte Solon einen Verlust auf Konzernebene in Höhe von mehr als 200 Millionen Euro verbucht. Die Nettoverschuldung lag Ende September bei knapp 400 Millionen Euro.

Bei der Vermeldung der Zahlen hatte sich bereits eine Dauerverhandlungsrunde aus Bankern, Politikern und Solon-Managern gebildet. Deren Aufgabe: Die Verhandlung über die Verlängerung von Krediten in Höhe von 275 Millionen Euro.

Solon gehört zu den größten Auftraggebern von Bosch Solar

Dass die Verhandlungen über "eine einvernehmliche Lösung" am Ende scheiterten, liegt nach Einschätzung von mit den Verhandlungen vertrauten Kreisen wohl auch daran, dass es am Ende zu viele Banken waren, mit denen sich Solon hätte über die Kreditverlängerung hätte einigen müssen.

Allein für den Kredit, um den es zuletzt ging, waren acht Banken - unter Federführung der Deutschen Bank  - verantwortlich. Daneben waren weitere sieben Banken mit den Schuldscheindarlehen des Unternehmens beschäftigt. Einen Konsens zu finden, sei da schwer gewesen, so ein Insider.

Abgesehen davon steckte das Unternehmensführung auch aus Sicht der potenziellen Investoren zuletzt auch strategisch in einer Sackgasse.

Der Kostendruck durch die asiatische Billigkonkurrenz zwang das Unternehmen in den vergangenen Jahren dazu, immer mehr eigene Kapazitäten in Deutschland stillzulegen. Beschafft wurden Wafer und Zellen stattdessen günstig im Ausland. So war Solon Stammkunde beim taiwanesischen Zellen- und Modulhersteller Tainergy.

Auch deutsche Wettbewerber gehören bis heute zu den Lieferanten der Berliner. So schloss der Solarzellenhersteller Ersol - inzwischen Teil des Bosch-Konzerns - 2008 einen drei Milliarden schweren Vertrag über die Lieferung von kristallinen Solarzellen mit Solon ab. Der Vertrag hätte bis 2019 laufen sollen.

Asbeck und Obama kritisieren die Billigimporte aus China

Um im Volumen mit asiatischen Anbietern mithalten zu können, war Solon zudem zuletzt längst nicht mehr internationalisiert genug. Und statt wie beispielsweise Bosch Solar und Q-Cells ihr Heil im Aufbau von Fertigungsstätten etwa in Malaysia suchen, machte Solon die Produktion in den USA dicht. Ein Grund: Investitionen in einen höheren Automatisierungsgrad und günstigere Produktionsprozesse wären finanziell für das klamme Unternehmen nicht mehr darstellbar gewesen.

Ein weiterer Grund liegt in den Billigimporten begründet, die auch den US-Markt aus Asien überschwemmen. Vor diesem Hintergrund warf Solarworld-Chef Asbeck den chinesischen Herstellern unter anderem Preisdumping, unzulässige Subventionierungen, Verletzung von Sozialstandards, Qualitätsstandards und Umweltstandards vor - und reichte eine Petition gegen die Billigimporte ein.

Und US-Präsident Barack Obama hatte kurz nach der Solarworld-Petition in einem Interview erklärt, er beobachte die Entwicklung der chinesischen Solarindustrie mit Sorge. Es gebe "eine Menge fragwürdiger Wettbewerbspraktiken von Seiten Chinas". Er betonte, die US-Handelsgesetze deutlich aggressiver durchzusetzen als vorherige Regierungen. Er wolle die Petition von Solarworld  und anderen US-Solarfirmen genau prüfen und handeln, sollte gegen Regeln verstoßen worden sein.

Dritte Pleite in Deutschland nach Signet und Arise

Im Hinterkopf hatte Obama dabei wohl auch die jüngsten Insolvenzen von US-amerikanischen Solarunternehmen wie Evergreen Solar, Solyndra, Beacon Power oder Spectra Watt. Dass sich der Liste der Konsolidierungsopfer bald auch der erste deutsche Konzern eintragen würde, war da nur eine Frage der Zeit.

Zumal Solon nicht einmal das erste in Deutschland tätige Solarunternehmen ist, das in die Pleite schlitterte. So traf es bereits im Oktober 2010 die sächsische Signet Solar GmbH. Signet gehörte zum gleichnamigen US-Konzern. Bei dessen Deutschlandtochter waren bis zur Insolvenz zuletzt noch 129 Mitarbeiter beschäftigt.

Im Oktober 2011 traf es dann die ebenfalls in Sachsen ansässige Arise Technologies Deutschland GmbH, deren Mutterkonzern aus dem kanadischen Waterloo stammt. Arise beschäftigt hierzulande bislang knapp 100 Mitarbeiter.

Mehr als 500 Mitarbeiter von der Insolvenz betroffen

Solon  indes stellt die Insolvenzen der beiden genannten Hersteller in den Schatten. Nicht nur deshalb, weil erstmals ein in Deutschland gegründetes Solarunternehmen in die Pleite getrieben wurde. Sondern auch deshalb, weil die Anzahl der betroffenen Mitarbeiter die bisherigen Insolvenzen um ein vielfaches übersteigt.

Für die Töchter Solon Photovoltaik in Berlin, Solon Nord in Greifswald und Solon Investments in Freiburg nannte die Unternehmensgruppe für Ende 2010 noch mehr als 800 Beschäftigte. Deutschlandweit sind es aktuell nach Angaben des Unternehmens noch 530, fast alle am Standort Berlin. Die Chancen, dass die Beschäftigten nach den drei kommenden Monaten, wenn das staatliche Insolvenzgeld ausläuft, noch eine Beschäftigung haben, ist angesichts der Marktsituation in der Fotovoltaik indes gering.

Und so wird die Solon SE am Ende ihrem großen Namenspatron doch nicht mehr ganz gerecht. Denn der Weise wurde der Legende nach unter anderem deshalb berühmt, weil er einst einen Schuldenschnitt und die Streichung von Hypotheken durchsetzte, was den Athener Kleinbauern ihre Selbständigkeit sicherte. Etwas ähnliches ist dem Solon-Management um CEO Stefan Säuberlich nicht mehr möglich.

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