Solarindustrie Q-Cells rochiert, warnt und verliert weiter Geld

Die Q-Cells SE hat erneut hohe Verluste geschrieben. Finanzvorstand Marion Helmes nahm daraufhin ihren Hut. Nun sollen es Konzernchef Nedim Cen und Ex-Infineon-Vorstand Andreas von Zitzewitz richten. Größtes Problem: Das Geld ist knapp.
Von Kristian Klooß
Er kümmert sich ab sofort um die mittelfristige Refinanzierung: Q-Cells-Chef Nedim Cen

Er kümmert sich ab sofort um die mittelfristige Refinanzierung: Q-Cells-Chef Nedim Cen

Foto: DPA

Hamburg - Die Q-Cells SE hat auch im dritten Quartal Verluste geschrieben. Das operative Ergebnis (Ebit) lag im dritten Quartal bei minus 47,3 Millionen, bei einem Umsatz von 228,8 Millionen Euro. Auch im vierten Quartal rechnet Q-Cells mit operativen Verlusten. Wann wieder schwarze Zahlen geschrieben werden, mochte Konzernchef Nedim Cen bei der Präsentation des Zahlenwerks nicht vorhersagen.

Auch Marion Helmes, die kurz vor der Verkündung der Zahlen ihr Amt als Finanzvorstand der Q-Cells SE "auf eigenen Wunsch" niedergelegt hatte, hätte dies wohl nicht vermocht. Der Aufsichtsrat habe "ihrem Wunsch entsprochen und bedauert diesen Schritt", teilte Cen auf der Bilanzpressekonferenz mit, an der Helmes schon nicht mehr teilnahm.

Für Q-Cells ist dies nicht der erste Wechsel innerhalb der Führungsriege. Schon der einstige Marketing- und Vertriebsvorstand Hans-Gerd Füchtenkort musste im Sommer gehen. CEO Cen, selbst erst seit Sommer 2010 an die Q-Cells-Spitze gewechselt, übernahm seine Aufgaben mit. Gemeinsam mit dem erst im Spätsommer 2011 zu Q-Cells gestoßenen Ex-Infineon-Vorstand Andreas von Zitzewitz und der bisherigen Finanzchefin Helmes.

Q-Cells Aktie wird zum Spielball an der Börse

Nach dem Abgang von Helmes teilen sich die beiden übriggebliebenen Manager künftig die Führungsaufgaben. Wobei Cen die Aufgabe des Finanzvorstands zusätzlich zu seinen Aufgaben als Vorstandsvorsitzender übernimmt. Die Verantwortung für das Ressort Marketing und Vertrieb gibt er an Zitzewitz ab. Dieser bekommt das Ressort zusätzlich zu seinen Aufgaben für Produktion, Forschung und Entwicklung aufgebürdet - für die er als COO eigentlich geholt worden war.

Solche Personalrochaden sowie die roten Zahlen kamen an der Börse nicht gut an. Die Aktien von Q-Cells stürzten am Montag um mehr als 20 Prozent ab, was in den vergangenen Tagen in Bezug auf Q-Cells-Aktien indes nichts Ungewöhnliches ist. Zuletzt hatten die Papiere innerhalb von fünf Handelstagen um mehr als 120 Prozent zugelegt, nur um dann innerhalb weniger Tage fast alle Gewinne wieder abzugeben.

Inzwischen notiert Q-Cells wieder bei unter einem Euro - Ende 2007 waren es noch mehr als 80 Euro.

Dass sich die Lage für Q-Cells bessert, ist zumindest mittelfristig fraglich. Denn der Preisverfall in der Solarindustrie, mit dem das Unternehmen seine Verluste im Wesentlichen begründet, dauert an. "Die Lage hat sich nicht verbessert", sagt Cen. Hinzu käme, dass auch die im August beschlossenen Restrukturierungsmaßnahmen noch nicht gegriffen hätten.

Positiver Cash-flow und schlechte Nachrichten

Für 2012 sollen die Overhead-Kosten um rund 25 Prozent gesenkt werden. Bis Jahresende müssen rund 250 Mitarbeiter gehen. Außerdem wird Produktion nach Malaysia verlagert. Auch die Umsetzung dieser Maßnahmen hätte zu den Verlusten im dritten Quartal beigetragen, sagt Cen. "Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse noch nicht so berauschend."

Dennoch hatte der Q-Cells-Chef aus seiner Sicht auch Positives zu vermelden. So bestätigte er das Umsatzziel 2011 von rund einer Milliarde Euro. Wobei das Unternehmen im vierten Quartal von mehreren Großprojekte profitieren werde. Auch der Cash-Flow des Unternehmens sei im vergangenen Quartal positiv gewesen. Er lag bei 41,9 Millionen Euro. Dies wiederum habe es Q-Cells ermöglicht, die liquiden Mittel von 169,5 Millionen Euro im zweiten Quartal auf 230,3 Millionen Euro zum Ende des dritten Quartals erhöhen.

Im selben Atemzug hatte Cen jedoch bereits schon wieder eine schlechte Nachricht parat. Die bisherigen Planungen, die Liquidität bis zum Jahresende auf 300 bis 350 Millionen Euro zu erhöhen, kassierte er. Stattdessen erwartet Cen bis Jahresende nur noch einen Anstieg der verfügbaren Mittel auf bis zu 300 Millionen Euro. "Ich kann auch nicht ausschließen, dass wir die Wandelschuldverschreibung im Februar 2012 nicht vollständig zurückzahlen können."

Notfalls Stundung der im Februar fälligen Wandelanleihe

Für die Investoren ist das keine gute, aber auch keine überraschende Nachricht. Schon Ende Oktober haben die Inhaber der Wandelschuldverschreibung 2012 durch die Wahl eines gemeinsamen Vertreters die Möglichkeit geschaffen, nötigenfalls eine Stundung der Wandelanleihe über den Februar 2012 hinaus zu vereinbaren. Mit der Prüfung möglicher Optionen hat Q-Cells die Investmentbank Houlihan Lokey beauftragt.

Im Zusammenhang mit den Finanzverbindlichkeiten des Unternehmens aktualisiert Q-Cells derzeit auch seine mittelfristige Geschäftsplanung und lässt diese von einer renommierten Unternehmensberatung validieren.

In wie weit der Konzern in der Lage sein wird, wieder schwarze Zahlen zu schreiben, ist indes schwierig zu beantworten. Denn Q-Cells, einst ausschließlich auf die Fertigung von Solarzellen spezialisiert, hat sich in den vergangenen Jahren entlang der Wertschöpfungskette zwar weitere Geschäftsfelder erschlossen. Ein schneller und weitgehender Umbau dürfte aber schon an den dafür benötigten finanziellen Mitteln scheitern.

Konzernumbau und Projektgeschäft hängen an der Refinanzierung

"Erfreulich", nennt Cen dennoch die Entwicklung im Modulgeschäft, die im dritten Quartal den bislang höchsten Absatz des Jahres erreichte. Auch erste Aufträge für das im September vorgestellte Flachdachsystem belegten, dass die Strategie einer Ausweitung auf Photovoltaik-Anwendungen greift. In den ersten neun Monaten des Jahres ist der Anteil von Solarzellen am Absatzvolumen von 69,2 Prozent im Vorjahreszeitraum auf 46,5 Prozent gesunken.

Stolz verweist das Unternehmen auch auf jüngste Internationalisierungserfolge. So gewann Q-Cells zuletzt erstmalig im wichtigen US-Markt ein Großprojekt. Der US-amerikanische Energieversorger PG&E hat die Deutschen im Rahmen eines auf fünf Jahre geplanten Photovoltaik-Programms ausgewählt, 2012 in Kalifornien Projekte im Umfang von 30 Megawatt zu realisieren. Im kanadischen Ontario errichtete Q-Cells im dritten Quartal zudem 33 MWp eines insgesamt 66 MWp umfassenden Solarparks.

Und auch im Heimatmarkt Deutschland konnte Q-Cells in den vergangenen Wochen punkten. Mit dem Verkauf des größten europäischen Photovoltaik-Kraftwerks (Brandenburg-Briest) sowie der Lieferung von Solarmodulen für das weltweit größte CIGS-Dünnschicht-Solarkraftwerk (Ammerland) wurden wichtige Projekterfolge verkündet.

Q-Cells profitiert von der Abnahmepflicht des Solarstroms

Ob sich Q-Cells als wettbewerbsfähig vor allem gegenüber der chinesischen Billigkonkurrenz erweist, halten Branchenkenner indes für fragwürdig. So profitiere das Unternehmen beim Bau von Solarparks in Deutschland beispielsweise davon, dass das, was produziert wird, auch eingespeist und vergütet werden muss, heißt es. Kurzum, Q-Cells könnte dank des Projektgeschäfts vor allem in Deutschland auf absehbare Zeit von der hiesigen Subventionierung profitieren. Gleichzeitig setzt sich das Unternehmen als Abnehmer für seine eigenen Solarparks nicht so sehr dem erbitterten Wettbewerb im Zell- oder Modulgeschäft aus.

Die Ankündigung Cens, dass "der Umsatz im vierten Quartal geprägt sein wird vom Projektgeschäft", könnte bereits andeuten, wie sich Q-Cells künftig aufstellt. Zumal der Pfad in eine komplette vertikale Integration entlang der Wertschöpfungskette für das Unternehmen nicht gangbar ist. Neben dem Projektgeschäft sowie der Zell- und Modulproduktion auch in die Produktion von Wafern und Silizium einzusteigen, übersteigt die finanziellen Möglichkeiten des Mittelständlers aus Bitterfeld-Wolfen.

Dass Q-Cells wie geplant, in den kommenden Monaten und Jahren auch in der Lage sein wird, größeres Projektgeschäft vorzufinanzieren, ist indes ebenfalls offen. Es gibt wohl gute Gründe, dass die mittelfristige Refinanzierung des Unternehmens seit heute Chefsache ist.