Solarindustrie Krise am anderen Ende der Wertschöpfungskette

An den Überkapazitäten der Solarindustrie leiden mittlerweile nicht mehr nur die Hersteller von Modulen und Zellen. Auch Zulieferer wie Crystalox und Anlagenbauer wie Manz oder Meyer Burger müssen ihre Prognosen kappen. Die Durstrecke dürfte sich hinziehen.
Von Kristian Klooß
Schatten über dem Solar Valley: Nach Q-Cells wurde nun auch der Zulieferer Crystalox von der Krise der Branche erfasst

Schatten über dem Solar Valley: Nach Q-Cells wurde nun auch der Zulieferer Crystalox von der Krise der Branche erfasst

Foto: Jan Woitas/ dpa

Hamburg - Die Meldung, die das Management des Solarzulieferers Crystalox Ende Oktober herausgab, klang zunächst gar nicht so schlimm: "Die wegen geringerer Solarmodulpreise erwartete Erholung des Fotovoltaikmarktes war im zweiten Jahreshälfte schwächer als erwartet", teilte die Unternehmensführung schlicht mit.

Doch das, was in den nächsten Zeilen folgte, ließ - vor allem bei den deutschen Tochterunternehmen - aufhorchen: Die Preise für Wafer - also jene waffelförmigen Siliziumscheiben, die Crystalox im sächsischen Bitterfeld-Wolfen herstellt - seien seit April um 50 Prozent eingebrochen. "Und dies gelte", so das Management, "allem voran für Deutschland, dem größten Solarmarkt der Welt."

Die Konsequenz: Cytrostalox hat die Waferproduktion in Bitterfeld-Wolfen gedrosselt. Außerdem erwägt der Vorstand, auch die Siliziumfabrik vor Ort für eine gewisse Zeit herunterzufahren. Betroffen wären davon gut 100 Mitarbeiter und ein halbes Dutzend Auszubildende.

Auch für die 45.000-Einwohnerstadt Bitterfeld-Wolfen ist die Meldung ein weiterer Rückschlag. Denn kaum eine Gemeinde in Deutschland hat sich seit der Jahrtausendwende so sehr der Sonne zugewandt wie die in Sachsen-Anhalt gelegene Stadt. So residiert im Industriepark "Solar Valley", an der "Sonnenallee" gelegen, seit nun zehn Jahren beispielsweise der Solarkonzern Q-Cells.

Die Konsolidierung greift auf Europa über

Lange stand das Unternehmen für Erfolge, trug zwischenzeitlich gar den Titel des größten Solarzellenherstellers der Welt. Dann jedoch ging es so steil bergab wie es zuvor hinauf ging. Vor allem die Billigkonkurrenz aus China und die Überkapazitäten am Markt sorgten erst im August dafür, dass der einstige Börsenliebling einen Verlust von rund 350 Millionen Euro vermelden musste. Was folgte war die Ankündigung der Verlagerung der Solarzellenherstellung nach Malaysia, dazu ein drastischer Personalabbau in Deutschland.

Auch Solarworld  und Solon  machten zuletzt jeweils Werke in den Vereinigten Staaten dicht. Und erst in der vergangenen Woche meldete der Vorstand der Freiburger Fotovoltaikunternehmens Solar-Fabrik  die Einstellung der Solarzellenproduktion bei der Tochtergesellschaft Solar Energy Power in Singapur zum Jahresende. Das Unternehmen will sich künftig auf das Modulgeschäft, die Installation und die Stromproduktion konzentrieren.

Und einer der größten Solarkonzerne Nordeuropas, die norwegische Renewable Energy Corporation (REC) gab fast zeitgleich die Schließung dreier Fabriken bekannt.

Solche Meldungen blieben bislang eher auf den hart umkämpften US-Markt begrenzt, wo zuletzt bereits mehreren Unternehmen wie Solyndra und Evergreen in die Pleite schlitterten. In der vergangenen Woche traf es mit Rob Gillette auch den bisherigen Chef von First Solar , des größten Solarkonzerns der Welt. Nach seinem Rausschmiss zog der US-Konzern die Bilanzzahlenpräsentation um gut eine Woche vor - und senkte seine Erwartungen.

Dennoch bringt das Schicksal des britischen Crystalox-Konzerns eine neue Qualität mit sich. Denn bislang waren es vor allem Zellen- und Modulhersteller, deren Geschäfte am Überangebot im Markt litten. Während es den Zulieferern im Grunde egal sein konnte, ob sie ihre Maschinen, Roh- und Werkstoffe an chinesische, amerikanische oder deutsche Hersteller lieferten.

Manz, Meyer Burger und Centrotherm senken Erwartungen

Inzwischen verlagert sich das Problem indes auch auf die vorgelagerten Wertschöpfungsstufen - von Unternehmen, die sich auf die Aufbereitung des Rohsiliziums spezialisiert haben, wie Cytrostalox, bis hin zu den Herstellern von Produktionsanlagen.

So kassierte der Vorstand der Manz AG  am vergangenen Freitag "aufgrund des aktuellen Marktumfelds für Solar-Ausrüstung und des damit verbundenen Nachfragerückgangs im zweiten Halbjahr" seine Umsatz- und Ergebniserwartung für das laufende Geschäftsjahr 2011. Das Unternehmen mit Sitz im baden-württembergischen Reutlingen baut Anlagen zur Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien, LCD-Bildschirmen - und Maschinen, mit denen Solarzellen und Solarmodule hergestellt werden. "Ausbleibende Bestellungen, erste Projektverschiebungen und Stornierungen in kleinerem Umfang" in eben jenem Fotovoltaikgeschäft seien die Ursache der Ergebnisanpassung gewesen.

Damit steht das Unternehmen, das noch bis zum zweiten Quartal glänzende Zahlen präsentierte, indes nicht alleine da.

Einen Tag vor Manz korrigierte bereits der Schweizer Fotovoltaik-Anlagenbauer Meyer Burger, der auch die Mehrheit an der deutschen Roth & Rau AG hält, die Prognosen. "Der weltweite wirtschaftliche Rückgang sowie die Unsicherheit und Zurückhaltung der Kunden, weil die Einspeisevergütungen in verschiedenen europäischen Ländern gekürzt werden sollen, haben in den letzten Monaten zu dramatischen Änderungen beim Verkauf von Solarmodulen und Photovoltaik-Anlagen geführt", teilte das Unternehmen mit.

Kurzarbeit schließt Meyer Burger nicht aus

Die Produktion von Anlagen für die Wafer-Produktion werden die Schweizer daher im November drei Wochen lang aussetzen, die betroffenen Angestellten in dieser Zeit Überstunden abbauen und Urlaub nehmen. Wie es im Dezember weitergehe, hänge von der Auftragslage ab. Kurzarbeit schließt Meyer Burger nicht aus.

Auch der im baden-württembergischen Blaubeuren ansässige Solaranlagenbauer Centrotherm  reagierte auf die Marktverwerfungen mit Produktionskürzungen. Schon im August hatte das Unternehmen die Solarzellen- und Modulproduktion in einer Tochtergesellschaft gebündelt.

Analysten gehen davon aus, dass die Durststrecke ein wenig länger andauern könnte. So weist beispielsweise Stephen Benson, Analyst von Goldman Sachs, in einer Studie zum europäischen Sektor der Erneuerbaren Energien darauf hin, dass Projektfinanzierung kurzfristig problematisch sei. Gründe für diese Situation seien unter anderen die nachlassende politische Unterstützung für Subventionen, Sparanstrengungen in den Ländern Südeuropas und die Bankenkrise.

Bis private Investoren diese Lücke ausfüllen könnten, werde es hingegen noch dauern. Weshalb Benson seine Gewinnschätzungen für 2012 vor dem Hintergrund der zu erwartenden Nachfrageschwäche gesenkt hat.

Mehrere Gründe sprechen für einen längeren Abschwung

Bestes Beispiel für die folgen leerer Staatskassen ist Großbritannien. Dort sind, nach einer Anfang August erfolgten Absenkung der Einspeisevergütung bereits weitere Kürzungen geplant. Wobei nicht mehr nur Freiflächenanlagen betroffen sind, sondern künftig auch auf Häusern montierte Fotovoltaikanlagen, die bislang ausgenommen waren. Die Regierung um Premierminister David Cameron plant derzeit eine 50-prozentige Kürzung, was der Branche den nächsten Rückschlag bescheren dürfte. Galt der britische Markt, der erst seit April 2010 gefördert wird, doch bislang als Zukunftsmarkt.

Vor dem Hintergrund des konjunkturell bedingten Nachfragerückgangs und der klammen Staatskassen rechnet Wolfgang Hummel, Leiter des Zentrums für Solarmarktforschung Berlin, nicht mit einer Erholung des Marktes vor dem drittel Quartal 2012. Dass sich bei den aktuellen Gewinnwarnungen um mehr als nur einen zyklischen Branchenabschwung handele, dafür sprechen seiner Ansicht nach gleich mehrere Gründe.

So sei mit einem Abbau der hohen Produktionskapazitäten im Zell- und Modulbereich vor dem zweiten Halbjahr 2012 nicht zu rechnen. Dies wiederum sorge dafür, dass auch Neuinvestitionen schwer zu rechtfertigen seien - zumal die Optimierung einer Fertigungslinie seiner Schätzung nach rund vier Millionen Euro koste.

Darüber hinaus sei der Maschinenpark der gesamten Solarbranche mittlerweile im Branchenschnitt weniger als drei Jahre alt, weshalb kurzfristig eine Nachrüstung unwahrscheinlich sei.

Bosch einigt sich auf Solar-Tarifvertrag

Für manches Unternehmen dürfte bis zur Erholung der Branche mehr als eng werden - zumal wenn sie, wie die Mehrzahl, mittelständisch geprägt sind. Und selbst wenn es für sie Ende 2012 wieder besser läuft, dürfte sich doch einiges verändern. Denn die Zeiten sind wohl vorbei, in denen vor allem ostdeutschen Politiker Solarunternehmen mit hohen Subventionen in Ihre Industrieparks lockten. Subventionen dürften in Zeiten von Schuldenbremsen und Produktionsverlagerungen eher unterbleiben.

Gleichzeitig wurde inzwischen auch ein weiterer Wettbewerbsvorteil angetastet: die Duldung von Löhnen, die zum Teil 30 Prozent unter jenen im Westen liegen. 40-Stunden-Wochen, Dauerschichtarbeit, mehrfach befristete Arbeitsverträge und Löhne von 7,50 Euro in der Stunde, wie sie beispielsweise bei Cytrostalox gezahlt werden, werden künftig schwieriger durchzusetzen sein.

Denn was die IG Metall jüngst mit dem Großkonzern Bosch und für dessen Fotovoltaiktochter Aleo Solar verhandelt hat, ließt sich wie eine Kampfansage an die mittelständischen Konkurrenten: 38-Stunden-Wochen, Übernahmepflicht für Auszubildende, Sonderzahlungen und Erfolgsprämien, Nacht- und Feiertagszuschläge, Auszahlung von Überstunden oder Freizeitausgleich. Der erste Haustarifvertrag in einem deutschen Solarunternehmen gilt seit dem 1. September. Für keines der kleinen Unternehmen dürfte dies das Überleben erleichtern.

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