US-Solarmarkt Pleitewelle könnte für Durchbruch sorgen

In den USA sind dieses Jahr schon vier große Solarunternehmen in die Pleite geschlittert. Die Insolvenzen könnten der Branche helfen, endlich den Durchbruch zu schaffen. Konzerne wie GE und Siemens stecken ihr Terrain bereits ab. Solon und Solarworld treten kürzer, bleiben aber präsent.
Von Christine Mattauch
Solyndra-Hauptquartier im kalifornischen Fremont: Die Solarfirma ist seit September pleite

Solyndra-Hauptquartier im kalifornischen Fremont: Die Solarfirma ist seit September pleite

Foto: REUTERS

New York - Solyndra pleite, Evergreen Solar in Gläubigerschutz, Stirling Energy bankrott. Für die amerikanische Solarbranche scheint in diesem Herbst die Akopalypse nah. "Es ist nur realistisch anzunehmen, dass wir einen Kollaps sämtlicher Photovoltaik-Hersteller in Amerika erleben werden", warnt Darrell Issa, republikanischer Abgeordneter aus Kalifornien.

Deutsche Produzenten passen ins Bild: Die Berliner Solon  schloss ihr Werk in Tucson, die Frankfurter Solarworld  eine Produktion im kalifornischen Camarillo.

Experten werten die Schreckensnachrichten allerdings keineswegs als Zeichen des Niedergangs - im Gegenteil. Sie sehen die Konsolidierung als Ausdruck einer seit langem überfälligen Marktbereinigung - so auch der CEO des US-Solarunternehmens Sunpower Tom Werner im Gespräch mit manager magazin Online.

Die Marktbereinigung wiederum ist Voraussetzung dafür, dass der Solarenergie in den USA der Durchbruch gelingt. "Die Branche wird kräftig durchgeschüttelt, aber das Positive ist, dass Solarenergie auch aus Sicht privater Investoren endlich marktfähig wird", sagt Prof. Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Während schwache Unternehmen ausscheiden, steigen Finanziers mit langem Atem jetzt in Projekte ein, die sie für zukunftsfähig halten.

Die Solarergie macht in den USA nur rund einem Prozent aus

Schon seit Jahren wartet die Solarindustrie darauf, dass der riesige US-Markt sein Potenzial entfaltet - der Anteil der Sonnenergie liegt dort erst bei rund einem Prozent. Viele deutsche Hersteller haben Kapazitäten in Amerika aufgebaut, etwa Solarworld und Schott.

Eine Einspeisevergütung wie in Deutschland gibt es zwar nicht. Doch insbesondere in den Sonnenstaaten wie Kalifornien und Arizona ist das Klima günstig, und viele dieser Staaten fördern erneuerbare Energien, etwa indem sie Kraftwerksbetreibern langfristige Abnahmevorschriften machen. Die Bundesregierung in Washington flankiert dies mit Bürgschaften und großzügigen Investitionszuschüssen von bis zu 30 Prozent.

Der Erfolg: In den vergangenen fünf Jahren ist die Kapazität der neuen Fotovoltaik-Installationen enorm gewachsen; allein von 2009 auf 2010 verdoppelte sie sich. Auch große thermische Solarkraftwerke (CSP) sind geplant. Das kalifornische Unternehmen SolarReserve beispielsweise baut in der Wüste von Nevada "Crescent Dunes", mit 110 Megawatt das größte CSP-Kraftwerk der USA. Martin Schulz, für Photovoltaik zuständiger Siemens-Vice President, sagt: "Die USA hat mit einer Projekt-Pipeline von mehr als 20 Gigawatt mittelfristig das Potenzial, zum größten Solarland der Welt zu werden."

Das Problem ist der Preis

Das Problem ist der Preis. Gemessen an Konkurrenzenergien wie Öl war die Sonnenenergie in den USA bislang schlicht zu teuer. In den vergangenen Jahren wurden auch noch riesige Schiefergasvorkommen entdeckt, die den Gaspreis um rund ein Drittel sinken ließen. "Die Solarbranche muss effizienter produzieren, wenn sie im großen Maßstab eine Chance haben will", sagt John Sheehan, wissenschaftlicher Direktor der Umweltinitiative IREE an der University of Minnesota in St. Paul.

Genau das passiert jetzt, ausgelöst durch Kostendruck aus China. Die Volksrepublik hat in den vergangenen Jahren rasant Kapazitäten aufgebaut und bei Photovoltaik einen Weltmarktanteil von mehr als 50 Prozent erreicht. Die Folge: In den USA stürzten die Preise von PV-Modulen um 30 Prozent. "Die großen chinesischen Solarunternehmen drücken ihre Überkapazitäten in den Markt und treiben die Konsolidierung voran", sagt Wolfgang Hummel, Direktor des Berliner Zentrums für Solarmarktforschung.

Die gute Nachricht: Es sind vor allem schwache Unternehmen, die ausscheiden. Die US-Pleitewelle trifft vornehmlich Firmen, die den Markt falsch eingeschätzt hatten: die PV-Hersteller Solyndra und Evergreen hatten sich für eine Lösung ohne Silizium entschieden, die am Ende teurer war als die der Konkurrenz. Solarthermie-Neuling Stirling hatte auf eine äußerst aufwendige Technik gesetzt.

Solarworld und Solon bleiben in den USA präsent

Die deutschen Firmen schließen Werke, um ihre Produktivität zu steigern: Solarworld  machte in Kalifornien eine Fabrik dicht, deren Anfänge bis in die 90er Jahre reichen - auch Siemens  gehörte einmal zu den Eigentürmern. Solon  schloss ein vergleichsweise kleines Werk für Standard-Module.

Beide Unternehmen bleiben jedoch in den USA präsent, Solarworld mit einem Werk in Hillsboro (Oregon). Solon, dessen Kerngeschäft die Errichtung schlüsselfertiger Solarkraftwerke darstellt, erzielt gar ein Viertel seines Umsatzes in Amerika.

Kein Zweifel: Wegen der Überkapazitäten erlebt die Branche 2011 und 2012 schwierige Jahre, sagt der Branchenverband SEIA. Kapitalkräftige Spieler aber steigen trotzdem in den Solarmarkt ein.

Nur scheinbar ein Widerspruch, finden Fachleute - gerade weil die Industrie derzeit unter massivem Kostendruck steht, seien die längerfristigen Renditeaussichten gestiegen. "Viele Kapitalgeber sagen jetzt: Eine Investition beginnt sich zu rechnen", sagt Kemfert.

Solarthermie ist teuer - noch

Ende September verkaufte FirstSolar eine 550 Megawatt große Solarfarm in Kalifornien je zur Hälfte an den Kraftwerkskonzern NextEra Energy und GE Energy Financial Services, eine Tochter des US- Giganten General Electric . Das Geschäft finanzierte ein Bankenkonsortium unter Leitung von Goldman Sachs und der Citigroup .

Der diversifizierungsfreudige Internetkonzern Google  stellte in diesem Sommer 75 Millionen Dollar für Solarprojekte an Wohnhäusern bereit. GM Ventures, eine Investment-Tochter des Autokonzern General Motors , stieg mit 7,5 Millionen Dollar bei Sunlogics in Rochester Hills (Michigan) ein. Kurz darauf übernahm Sunlogics die Holding Phoenix Solar  mit Werken in New Jersey und im deutschen Senftenberg, finanziert von Hedgefonds wie GLG Partners. Die Meister des Risikos rechnen damit, dass es aufwärts geht.

Profitieren werden davon wohl zuerst Firmen, die in Asien produzieren - wozu inzwischen auch amerikanische und deutsche Unternehmen gehören, wie First Solar und Bosch. Doch das muss nicht so bleiben.

Aufwendungen für Transporte werden im Verhältnis teurer

Solarworld  hat berechnet, dass angesichts sinkender Modul-Stückkosten die Aufwendungen für den Transport mehr und mehr ins Gewicht fallen; die Firma verzichtet deshalb bewusst darauf, ihre Produktion nach Asien zu verlegen. Zumal die Lohnkosten dort rasant steigen: Nach einer Studie von Boston Consulting werden sich 2015 die Nettoarbeitskosten in China und den USA angeglichen haben.

Eine andere Frage ist, wie sich der Preisverfall bei Photovoltaik auf Solarthermieprojekte auswirkt, bei denen die Sonneneinstrahlung mit Spiegeln eingefangen und gebündelt wird. Die Technik gilt wegen ihres höheren Wirkungsgrade gegenüber PV-Modulen überlegen. Doch sie ist teuer - noch. "Mit jedem Projekt werden wir effektivere Wege finden, um Kosten zu sparen", versichert Kevin Smith, CEO von SolarReserve.

Ob das gelingt, hängt auch von deutschen Firmen ab. Siemens  etwa beliefert in den USA Kraftwerksbauer mit Komponenten, projektiert aber auch selbst komplette Anlagen. Seine PV-Produktion in Camarillo hingegen hatte der Konzern vor knapp zehn Jahren verkauft. Jetzt wagen die Münchner einen neuen Anlauf: Im Juni gaben sie die Beteiligung an Semprius in Durham (North Carolina) bekannt, ein Spin-Off der University of Illinois, das eine neue Generation hocheffizienter Module entwickelt. Das werde nicht die letzte Solar-Investition sein, heißt es aus dem Konzern.

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