Montag, 19. August 2019

Rückschlag Solar Millennium verliert Chef und US-Geschäft

Rücktritte und Technikwende: Solar Millennium will sich wieder auf Solarthermie-Kraftwerke wie hier in Spanien konzentrieren
Solar Millennium / Paul-Langrock.de
Rücktritte und Technikwende: Solar Millennium will sich wieder auf Solarthermie-Kraftwerke wie hier in Spanien konzentrieren

Der Kraftwerkshersteller Solar Millennium kommt nicht zur Ruhe: Wenige Tage nach dem Ausscheiden von Firmengründer Hannes Kuhn aus dem Aufsichtsrat tritt nun auch Vorstandschef Christoph Wolff ab. Zudem macht das Unternehmen auch noch sein US-Geschäft dicht.

Hamburg - Nur neun Monate nach seinem Amtsantritt wirft Vorstandschef Christoph Wolff das Handtuch. Wie die Erlanger Firma am Donnerstag mitteilte, tritt mit sofortiger Wirkung Vorstandsmitglied Jan Withag seine Nachfolge an. Er muss Solar Millennium nun in neue Gefilde führen, da das Unternehmen den einst vielversprechenden US-Markt aufgibt.

Wolff begründete seine Entscheidung in der Pressemitteilung mit der Restrukturierung des US-Geschäfts. Wolff erklärte, der Verkauf sei für Solar Millennium derzeit der beste Weg, die Investitionen in den USA zu sichern. "Dies haben wir erreicht, und damit ist für mich der richtige Zeitpunkt gekommen, den Vorstandsvorsitz in neue Hände zu geben."

Der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Helmut Pflaumer, sagte, Wolff habe Solar Millennium durch schwierige Zeiten geführt. "Wir bedauern seinen Wunsch, respektieren ihn und wünschen ihm für die Zukunft alles Gute".

Die auf Photovoltaik-Anlagen spezialisierte Solarhybrid übernimmt nun das US-Projektportfolio der Solar Millennium im Umfang von 2,25 Gigawatt, das auch ein geplantes Großkraftwerk im kalifornischen Blythe umfasst. Die bislang geleisteten Investitionen fließen an Solar Millennium zurück, einen Teil des Kaufpreises hat Solarhybrid bereits gezahlt. Zudem erhält Solar Millennium nach dem Bau der US-Kraftwerke eine Gewinnbeteiligung.

Kräftiger Schub für Solar-Millenium-Aktie

An der Börse sorgten die Pläne, die noch unter dem Vorbehalt einer bereits eingeleiteten Buchprüfung (Due Diligence) stehen, für einen Kurssprung, der auch durch den Vorstandswechsel nicht geschmälert wurde. Die Aktie von Solar Millennium Börsen-Chart zeigen notierte mit einem Aufschlag von 20 Prozent bei drei Euro, liegt damit aber immer noch meilenweit unter dem Jahreshoch von 24,25 Euro.

Das auf Parabolrinnen-Kraftwerke spezialisierte Erlanger Unternehmen hatte im August eine technologische Kehrtwende bei seinen US-Vorhaben einläuten müssen. Statt milliardenschwerer solarthermischer Großkraftwerke, in denen mit Sonnenenergie Wasser erhitzt wird, sollen in Kalifornien und Nevada nun Fotovoltaikanlagen gebaut werden. Zur Begründung hieß es, nach dem Preisverfall bei Solarmodulen sei die Nachfrage in den USA nach Fotovoltaik stärker als nach Solarthermie.

Ursprünglich sollte in Blythe das Pilotprojekt für das Wüstenstromvorhaben Desertec entstehen. Auf einer Fläche von 24 Quadratkilometern sollten in den kommenden Jahren vier Parabolrinnen-Kraftwerke mit jeweils 242 Megawatt gebaut werden. Diese sind vor allem wegen ihrer Fähigkeit, Energie zu speichern, deutlich effizienter als Fotovoltaikkraftwerke. Diese Pläne und die Aussicht auf sprudelnde Einnahmen hatten seinerzeit den Börsenkurs von Solar Millennium beflügelt. Nun will sich die Firma auf Projekte in Europa, Asien, Nordafrika und Lateinamerika konzentrieren.

Solar Millennium war in den vergangenen Monaten immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Neben wirtschaftlichen Rückschlägen sorgten staatsanwaltliche Ermittlungen gegen Firmengründer Hannes Kuhn und der öffentlich ausgetragene Streit mit Ex-Firmenchef Utz Claassen für Furore. Claassen hatte das Unternehmen im vergangenen Jahr nach nur 74 Tagen im Amt verlassen. Zuvor hatte er eine Antrittsprämie von neun Millionen Euro erhalten. Das Unternehmen will das Geld zurück, Claassen dagegen pocht auf die Rechtmäßigkeit seiner Kündigung sowie der Prämie und fordert Schadenersatz und eine Abfindung von sieben Millionen Euro.

Für Hannes Kuhn wurde Marc Van Herreweghe neu in den Aufsichtsrat gewählt. Er leitet derzeit den Bereich Operations beim Tabakkonzern British American Tobacco in Deutschland sowie die Produktion des Unternehmens in Westeuropa.

ms/dpa-afx/apd/rtr

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