Ende nach fünf Jahrzehnten Siemens steigt aus der Atomkraft aus

Siemens wird künftig keine Atomkraftwerke mehr bauen. Dies sagte Konzernchef Peter Löscher dem "Spiegel". Zum geplanten Joint-Venture mit dem russischen Atomkraftkonzern Rosatom werde es nicht kommen. Als Zulieferer für konventionelle Kraftwerke bleibt Siemens allerdings im Spiel.
"Jahrhundertprojekt" Energiewende: Siemens beendet das Geschäft mit der Kernkraft

"Jahrhundertprojekt" Energiewende: Siemens beendet das Geschäft mit der Kernkraft

Foto: ANNE HAUTEFEUILLE/ AFP

München - Der Siemens-Konzern zieht sich komplett aus dem Atomgeschäft zurück. "Das Kapitel ist für uns abgeschlossen", sagte Konzernchef Peter Löscher dem "Spiegel". Abgezeichnet hatte sich der Schlussstrich bereits seit der Atomkatastrophe von Fukushima und der folgenden Kehrtwende in der deutschen Atompolitik. Doch nach dem kostspieligen Bruch mit dem französischen Kernkraft-Partner Areva konnte Siemens es sich nicht auch noch mit Rosatom verscherzen.

Jetzt lassen die Russen die Münchner in eine atomfreie Zukunft ziehen. Nach Angaben eines Konzernsprechers kostet der Abschied Siemens  keinen Cent.

Die Entscheidung sei die Antwort seines Unternehmens "auf die klare Positionierung von Gesellschaft und Politik in Deutschland zum Ausstieg aus der Kernenergie", sagte Löscher dem "Spiegel". Das geplante Atom-Joint-Venture mit dem russischen Rosatom-Konzern werde nicht verwirklicht. Stattdessen wolle man mit dem Partner "auf anderen Feldern" zusammenarbeiten.

Dabei hatte Löscher ursprünglich das Ziel, gemeinsam mit Rosatom Marktführer im weltweiten Atomenergiegeschäft zu werden. Anstatt sich am Bau kompletter Atomkraftwerke zu beteiligen, könnte Siemens nun Komponenten wie Dampfturbinen liefern, die auch bei konventionellen Kraftwerken zum Einsatz kommen. "Wenn Rosatom mit einer entsprechenden Bitte auf uns zukommt, werden wir sie sicher nicht abschlagen", sagte dazu ein Konzernsprecher.

Löscher hält 35 Prozent Ökostrom bis 2020 für erreichbar

Siemens habe lange Gespräche mit den Rosatom-Managern geführt. Nachdem die Strafzahlung für den Ausstieg bei Areva Siemens mit 682 Millionen Euro inklusive Steuern teuer zu stehen kam, war den Münchnern schon aus finanziellen Gründen an einem einvernehmlichen Rückzug gelegen. Zudem gehört Russland zu den aufstrebenden Ländern, in denen sich Siemens in den nächsten Jahren auf anderen Gebieten bedeutendes Wachstum erhofft. In den vergangenen Wochen waren ein Milliardenauftrag der russischen Eisenbahnen festgezurrt und die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens zum Bau von Gasturbinen mit dem russischen Unternehmen Power Machines OJSC angekündigt worden.

Die beabsichtigte Energiewende in Deutschland stufte Löscher im "Spiegel"-Interview als "Jahrhundertprojekt" ein: Das Ziel, den Ökostrom-Anteil bis 2020 auf 35 Prozent zu erhöhen, hält er für erreichbar. Siemens erwartet sich durch Aufträge für Gaskraftwerke, Windparks sowie für die verlustarme Übertragung von Strom über weite Entfernungen sogar einen Schub.

Ende einer fünfzigjährigen Ära

Noch vor zwei Jahren hatte Siemens-Chef Peter Löscher ehrgeizige Atom-Pläne. Als er die Absichtserklärung für ein Gemeinschaftsprojekt mit Rosatom unterzeichnete, wollte er zusammen mit dem russischen Partner "weltweit Marktführer im Kernenergiegeschäft" werden. Nun hat Löscher nicht nur das geplante Joint-Venture begraben, sondern den Totalausstieg des Konzerns aus dem Atomgeschäft bekanntgegeben. Damit zieht Löscher einen Schlussstrich unter eine mehr als fünfzigjährige Geschichte des Konzerns.

Als erstes deutsches Atomkraftwerk ging Kahl 1961 ans Netz und wurde von Siemens damals noch mit Reaktortechnik des Konkurrenten General Electric gebaut. Die Deutschen waren bei der Technologie im Rückstand - eine Folge des Zweiten Weltkriegs. Die Alliierte Hohe Kommission hatte Deutschland jegliche Atomforschung und angewandte Kernphysik verboten. Das Verbot, wenngleich von der deutschen Energiewirtschaft und der Regierung heimlich unterlaufen, blieb bis zur Rückgewinnung der deutschen Souveränität 1955 bestehen.

Bereits 1953 wurde bei Siemens in Erlangen die Arbeitsgruppe "Kernenergie" gegründet. 1955 folgte die Gründung der Arbeitsgemeinschaft "Atomenergie" durch die Siemens-Schuckertwerke, AEG-Telefunken, BASF , Bayer , Degussa, Hoechst und der Metallgesellschaft. 1969 entstand aus den Kraftwerksabteilungen von Siemens und AEG die Kraftwerk Union AG mit Sitz in Mühlheim. Im gleichen Jahr erhielt die KWU den ersten Bauautrag für das damals größte Atomkraftwerk der Welt in Biblis.

In den 1970ern begann das Geschäft mit der Atomenergie zu boomen

1977 wurde Siemens Alleinaktionär der KWU AG. Die Zukunft der Atomenergie schien glänzend: In Deutschland stieg die installierte Leistung bis in die späten 1970er Jahre auf 100 000 Megawatt.

Auch im Ausland war Siemens immer öfter mit von der Partie, unter anderem beim Bau des 1974 vom damaligen Shah in Auftrag gegebenen iranischen Atomkraftwerks Buschehr, das vor wenigen Tagen nach Jahrzehnte langen Verzögerungen ans Netz ging.

Ab 1989 arbeitete die Siemens-Kernkraftsparte mit dem französischen Unternehmen Framatome zusammen. Ziel: die Entwicklung des Europäischen Druckwasserreaktors. Das 2001 gegründete Gemeinschaftsunternehmen - 2006 in Areva NP umbenannt - kostete Siemens letztendlich eine Menge Geld. Da Siemens lediglich 34 Prozent der Anteile hielt und Areva auf seine Entscheidungshoheit pochte, beschlossen die Deutschen 2009 vorzeitig den Ausstieg - und das Zusammengehen mit Rosatom. Ein Schiedsgericht verurteilte Siemens dafür im Mai zu einer Strafe von 682 Millionen Euro inklusive Zinsen.

Wenngleich kaum ein Land aus der Atomkatastrophe von Fukushima ähnlich radikale Schlüsse wie Deutschland zog, wird der Markt für den Bau von Atomkraftwerken in Zukunft kleiner werden. Siemens sieht mehr Chancen im Aufbau von Alternativen.

krk/dpa
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