Montag, 18. November 2019

Ölverarbeiter Bis zum letzten Tropfen

Öl im Alltag: Was die "grüne Raffinerie" herstellt
Pressebild.de / Bertold Fabricius

Weg vom Öl? Ein norddeutsches Unternehmen geht einen anderen Weg. Die Raffinerien von H&R produzieren hunderte von Ölspezialitäten - eine profitable Marktnische. Die Firma investiert trotz hoher Energiekosten am Standort Deutschland und peilt die "grüne Raffinerie" an.

Hamburg - Es dröhnt, brummt und zischt. Kilometerlang winden sich Rohre kreuz und quer über das Gelände der Ölwerke Schindler in Hamburg-Neuhof, verbinden hunderte riesiger Tanks und mehrere turmhohe Gebilde, die wiederum komplizierte Knoten aus Rohren, Kesseln und Ventilen darstellen. Die Raffinerie, nur drei Kilometer Luftlinie vom Hamburger Michel entfernt, wirkt wie ein gewaltiges Manifest der Großindustrie: Stahl, Beton und Asphalt auf 50 Hektar, umgeben von Containerterminals, Auto- und Kohleverladehäfen. Grün ist hier gerade noch der Mittelstreifen der Werksstraße.

Und doch soll die Anlage genau das sein: grün. "Grüne Raffinerie", den Begriff hat sich Nils Hansen sogar schützen lassen. Hansen ist geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens Hansen & Rosenthal, und als solcher seit Ende 2010 Mehrheitseigner des H&R-Konzerns Börsen-Chart zeigen, zu dem die Neuhöfer Raffinerie gehört. Er hat das Unternehmen geformt, das im vergangenen Jahr erstmals einen Milliardenumsatz erreichte. Die "grüne Raffinerie" ist seine Vision für die Zukunft.

"Mineralöl darf nicht verbrannt werden", erklärt Hansen, seit 47 Jahren im Geschäft, in seinem Büro in der Hamburger HafenCity. Nicht nur der Umwelt wegen - dafür sei der Rohstoff auch zu schade. Hansen zeigt verschiedene Flüssigkeiten, die er in Gläsern auf dem Fensterbrett lagert: teerig-klebriges, tiefschwarzes Bitumen, golden flüssigen Bright Stock, einen Industrieschmierstoff, und honigfarbenes Paraffingatsch, eine Vorstufe beispielsweise für Wachse oder Weißöl. Rund 800 verschiedene Produkte stellt die Gruppe her, für unterschiedlichste Verwendungen vom Autoreifen bis zur Käserinde.

Größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte

Ausgangsstoff ist Rohöl, genauer gesagt schwere, atmosphärische Bestandteile davon. H&R verwertet gewissermaßen die Abfälle der Ölbranche. "Der Trend geht in Richtung nachhaltiger Verwertung des Öls", meint Nils Hansen, "und es sind immer reinere Produkte". Frisch eingeweiht hat H&R eine neue Anlage, die mit Propan als Lösungsmittel Öl entasphaltiert, also die Paraffinanteile herauslöst. Diese PDA ist mit 45 Millionen Euro die größte Einzelinvestition der Firmengeschichte. Sie helfe, weitere 200.000 Tonnen Rückstände pro Jahr einzusparen, die sonst als Heizöl verfeuert würden, erklärt Hansen. Und die PDA bringt auch neue Produkte, beispielsweise speziell für Schiffsmotoren geeignete Schmierstoffe.

Ausgerechnet im Ölgeschäft mit seinen hohen Rohstoffkosten Börsen-Chart zeigen floriert das Unternehmen, während auf Benzin oder Diesel spezialisierte Großraffinerien ums Überleben kämpfen. Die Firma investiert Millionen in energieintensive Anlagen am Standort Deutschland, und das in Zeiten der Stromwende. Wie passt das zusammen?

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