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Öl im Alltag: Was die "grüne Raffinerie" herstellt

Ölverarbeiter Bis zum letzten Tropfen

Weg vom Öl? Ein norddeutsches Unternehmen geht einen anderen Weg. Die Raffinerien von H&R produzieren hunderte von Ölspezialitäten - eine profitable Marktnische. Die Firma investiert trotz hoher Energiekosten am Standort Deutschland und peilt die "grüne Raffinerie" an.

Hamburg - Es dröhnt, brummt und zischt. Kilometerlang winden sich Rohre kreuz und quer über das Gelände der Ölwerke Schindler in Hamburg-Neuhof, verbinden hunderte riesiger Tanks und mehrere turmhohe Gebilde, die wiederum komplizierte Knoten aus Rohren, Kesseln und Ventilen darstellen. Die Raffinerie, nur drei Kilometer Luftlinie vom Hamburger Michel entfernt, wirkt wie ein gewaltiges Manifest der Großindustrie: Stahl, Beton und Asphalt auf 50 Hektar, umgeben von Containerterminals, Auto- und Kohleverladehäfen. Grün ist hier gerade noch der Mittelstreifen der Werksstraße.

Und doch soll die Anlage genau das sein: grün. "Grüne Raffinerie", den Begriff hat sich Nils Hansen sogar schützen lassen. Hansen ist geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens Hansen & Rosenthal, und als solcher seit Ende 2010 Mehrheitseigner des H&R-Konzerns , zu dem die Neuhöfer Raffinerie gehört. Er hat das Unternehmen geformt, das im vergangenen Jahr erstmals einen Milliardenumsatz erreichte. Die "grüne Raffinerie" ist seine Vision für die Zukunft.

"Mineralöl darf nicht verbrannt werden", erklärt Hansen, seit 47 Jahren im Geschäft, in seinem Büro in der Hamburger HafenCity. Nicht nur der Umwelt wegen - dafür sei der Rohstoff auch zu schade. Hansen zeigt verschiedene Flüssigkeiten, die er in Gläsern auf dem Fensterbrett lagert: teerig-klebriges, tiefschwarzes Bitumen, golden flüssigen Bright Stock, einen Industrieschmierstoff, und honigfarbenes Paraffingatsch, eine Vorstufe beispielsweise für Wachse oder Weißöl. Rund 800 verschiedene Produkte stellt die Gruppe her, für unterschiedlichste Verwendungen vom Autoreifen bis zur Käserinde.

Größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte

Ausgangsstoff ist Rohöl, genauer gesagt schwere, atmosphärische Bestandteile davon. H&R verwertet gewissermaßen die Abfälle der Ölbranche. "Der Trend geht in Richtung nachhaltiger Verwertung des Öls", meint Nils Hansen, "und es sind immer reinere Produkte". Frisch eingeweiht hat H&R eine neue Anlage, die mit Propan als Lösungsmittel Öl entasphaltiert, also die Paraffinanteile herauslöst. Diese PDA ist mit 45 Millionen Euro die größte Einzelinvestition der Firmengeschichte. Sie helfe, weitere 200.000 Tonnen Rückstände pro Jahr einzusparen, die sonst als Heizöl verfeuert würden, erklärt Hansen. Und die PDA bringt auch neue Produkte, beispielsweise speziell für Schiffsmotoren geeignete Schmierstoffe.

Ausgerechnet im Ölgeschäft mit seinen hohen Rohstoffkosten  floriert das Unternehmen, während auf Benzin oder Diesel spezialisierte Großraffinerien ums Überleben kämpfen. Die Firma investiert Millionen in energieintensive Anlagen am Standort Deutschland, und das in Zeiten der Stromwende. Wie passt das zusammen?

Raffinerie "wie ein Niedrigenergiehaus"

"Wir haben in Deutschland rekordverdächtig hohe Energiekosten, deswegen aber auch schon lange hohes Energiebewusstsein", meint Produktionschef Detlev Wösten und leitet den Blick, auf einem haushohen Tank stehend, über das Raffineriegelände.

Gleich gegenüber die neue PDA hat große Wärmetauscher auf dem Dach, die Abwärme aus der Anlage wird so mehrfach wieder zurückgeführt und als Energiequelle genutzt. "Wie ein Niedrigenergiehaus, nur auf viel höherem Niveau", sei das. Hinten am Horizont steht eine Müllverbrennungsanlage, die Strom und vor allem Dampf für die Raffinerie liefert - weil die H&R-Produktion nie ganz stillsteht und die erzeugte Energie sicher abnimmt, mit hohem Wirkungsgrad.

Die meisten Tanks sind gedämmt, die neueren haben sogar eine zweite Hülle. Nicht gedämmt sind nur Tanks für dünnflüssige Produkte, die bei Umgebungstemperatur gelagert werden können, wo es also keinen großen Wärmeverlust gibt. Doch selbst dort soll in Zukunft zusätzlich gedämmt werden. "Das ist der Ehrgeiz unserer Ingenieure", sagt Wösten: "Wo hole ich noch eine Kilowattstunde, noch eine Tonne Dampf heraus?"

Marktnische statt Monokultur

Dieser Drang zur Effizienz erklärt aber noch nicht, warum H&R die Produktion ausweiten kann, während ringsum die Raffineriebranche mit Überkapazitäten kämpft. Gleich nebenan hat Shell  für seine Raffinerie Hamburg-Harburg keinen Käufer gefunden. Im kommenden Jahr soll die Produktion zum Großteil stillgelegt und das Gelände nur noch als Tanklager genutzt werden. Das gleiche Schicksal droht der Wilhelmshavener Raffinerie von ConocoPhillips , einer der größten in Deutschland, die seit zwei Jahren stillsteht.

Wilhelmshaven hat eine Kapazität von 13,5 Millionen Tonnen Rohöl. Die beiden H&R-Standorte in Hamburg-Neuhof und dem emsländischen Salzbergen kommen zusammen auf 530.000 Tonnen Schmieröl. Doch um Tonnenideologie geht es hier ja gerade nicht. "In der Branche achtet man viel auf den Durchsatz der Raffinerien, aber man braucht auch Wertschöpfung", sagt Produktionschef Wösten.

H&R verdanke seine Profitabilität der Vielfalt der veredelten Spezialprodukte, erklärt auch Nils Hansens Sohn Niels, der als Geschäftsführer im Konzern arbeitet. "Die großen Grundölhersteller setzen aber auf Massenfertigung in Monokultur." Für dieses Geschäftsmodell seien die H&R-Raffinerien nicht geeignet. Beide Standorte hat das Unternehmen von großen Konzernen übernommen, die damit nichts mehr anzufangen wussten. Die Ölwerke Schindler in Hamburg-Neuhof gehörten bis 2004 zum Ölmulti BP , bereits zehn Jahre zuvor übernahm H&R das traditionsreiche Werk Salzbergen von Wintershall, einer Tochter des Chemiekonzerns BASF .

Nur noch wenige Jahre zum Traum von der "grünen Raffinerie"

Wintershall habe dort etwa 20 Millionen Euro im Jahr verloren, sagt Niels Hansen. "Und wir haben im ersten Jahr nach dem Kauf schon eine schwarze Null geschrieben." Hansen schreibt das der unterschiedlichen Ausrichtung zu: H&R habe viele zur Veredlung geeignete Zwischenprodukte gefunden, die für die Vorbesitzer nicht interessant waren. "Auch die Hamburger Raffinerie wäre ohne uns über kurz oder lang mit Sicherheit geschlossen worden", sagt er.

Die "grüne Raffinerie" wird nun ein weiteres Unterscheidungsmerkmal. Die für Benzinraffinerien so charakteristischen Fackeln, hunderte Meter hohe Türme zur Ölverbrennung, sieht man hier ohnehin nicht. Doch auch H&R verarbeitet nicht 100 Prozent des eingesetzten Öls, der Rest wird anderswo als Heizöl genutzt. Noch ein paar Jahre, dann werde H&R gar keine Rückstände mehr produzieren müssen, sagt Mehrheitseigner Nils Hansen voraus. Die Forschung des Unternehmens sei da schon sehr weit.

Wenn es nach ihm ginge, könne die Regierung gleich den Ausstieg Deutschlands aus der Ölverbrennung beschließen. Eine Strategie, ganz auf Öl zu verzichten, hält er aber für falsch und unnötig, selbst wenn die letzten Ölfelder leer gepumpt wären. "Öl wird es immer geben, Sie können Öl jederzeit wiederherstellen", versichert Hansen. Er verweist auf Verfahren, in denen Wasserstoff und Kohlendioxyd zu Methan reagieren, das wiederum als Grundlage für synthetisches Benzin, Diesel oder Grundöl dienen kann. Die Methoden seien lange bekannt, würden nun aber wirtschaftlicher.

Alternativen zum Öl? Unnötig

Doch was, wenn die Nachfrage sich trotzdem von Ölprodukten abwendet? In der Kosmetikindustrie, ein wichtiger Abnehmer für Paraffin als Grundlage für Cremes, gebe es einen Trend zu nativen Produkten wie hydriertem Raps- oder Maisöl, räumt Hansen ein - was er für "völlig falsch" halte.

Sein Sohn Niels Hansen äußert sich vorsichtiger, vertritt er doch auch die Interessen der Minderheitsaktionäre des im Börsenindex SDax  notierten Unternehmens. H&R sei ein marktgetriebenes Unternehmen, erklärt er. "Deshalb befassen wir uns auch mit Alternativen zum Öl." H&R habe fertige Projekte in der Schublade, werde die angesichts der Nachfrage aber auf absehbare Zeit nicht brauchen.

Auch in Sachen "grüne Raffinerie" sagt Hansen, das Unternehmen habe kein Interesse, "kurzfristige Fantasien zu befeuern". Dennoch arbeite H&R "mit aller Macht" an den "visionären Ideen" des Vaters, die heute schon sehr realitätsnah sein. "Wenn der Mehrheitseigentümer Ideen hat und die für das Unternehmen lohnend sind", sagt Hansen, "werden wir die natürlich verfolgen."

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