Solaranlagen "Fünf große Anbieter werden überleben"

Mark Kingsley ist CCO von einem der umsatzstärksten Fotovoltaikkonzerne der Welt. Im Interview sagt er, wie viel amerikanisches Management-Know-how in Trina Solar steckt, was sein Konzern mit General Motors und Sony gemein hat und warum China Deutschland als Fertigungsstandort aussticht.
Von Kristian Klooß
Trina-Solar-Manager Mark Kingsley: China hat als Fertigungsstandort Vorteile

Trina-Solar-Manager Mark Kingsley: China hat als Fertigungsstandort Vorteile

Foto: Alex Schelbert

mm: Herr Kingsley, wofür steht eigentlich der Name Trina Solar?

Kingsley: Unser Mitarbeiterteam ist multikulturell und wir haben überall in der Welt Kunden. Daher haben wir einen Namen gesucht, der überall auf der Welt funktioniert. Unser eigentlicher chinesischer Name lautet Tianhe. Das bedeutet: alle zusammen unter dem Himmel.

mm: Sie selbst sind Amerikaner. Einige Ihrer Vorstandskollegen haben reichliche Erfahrungen in US-Unternehmen gesammelt. Wird Trina Solar mehr vom amerikanischen als von chinesischen Managementstil geprägt?

Kingsley: Wir kombinieren verschiedene Kulturen. Wir machen es weder nur auf die amerikanische, noch nur auf die chinesische oder auf die europäische Weise. In Europa, unserem wichtigsten Markt, sind unsere Mitarbeiter Europäer, mit einem Briten an der Spitze. Unser Ziel ist es, dass wir uns stets an jenes Umfeld anpassen, indem wir Geschäfte machen.

mm: Sie sponsern ein mittelmäßig erfolgreiches Formel-1-Team. Wäre es da nicht leichter, einfach ein deutsches Solarunternehmen samt in Europa etablierter Marke zu kaufen?

Kingsley: Wir haben einen Gründer, der die Geduld mitbringt, dieses Geschäft langfristig zu betreiben. Unsere Ambitionen, ein weltweit agierender Konzern zu sein, würden auch nicht gut mit dem Umstand zusammenpassen, die Namensschilder anderer Unternehmen vor uns her zu tragen. Abgesehen davon, glaube ich, dass Formel 1 in Europa gut funktioniert. Es ist vor allem ein B-to-B-Investment.

mm: Ihr Gründer, Jifan Gao, welche Rolle spielt er heute für den Konzern?

Kingsley: Herr Gao hat, bevor er Trina Solar gründete, bereits zwei Materialtechnikunternehmen aufgebaut. Die Idee, in die Fotovoltaik einzusteigen, kam ihm 1997, nachdem er einen Artikel gelesen hatte, in dem der ehemalige US-Präsident Bill Clinton ankündigte, in den Vereinigten Staaten eine Million Dächer mit Solaranlagen bestücken zu wollen. Gao war kühn genug, um die Initiative zu ergreifen. Dieser Mut hat sich auf Trina Solar übertragen.

In China geht alles schneller

mm: Das Wachstum verdanken Sie aber vor allem ihrem Börsengang im Jahr 2006 und Investoren wie der US-Bank Merrill Lynch.

Kingsley: Ja, das ist richtig. Aber Merrill Lynch hat Trina ja nur deshalb Geld zur Verfügung gestellt, weil sie dem Management vertrauen. Unser Gründer ist nicht jemand, der ein Unternehmen schnell zum Wachsen bringen will, um es dann zu verkaufen und ein neues Unternehmen aufzubauen. Es ist schließlich kein Projekt für fünf, sondern für fünfzig Jahre und mehr. In den 1890er Jahren war es Thomas Edison, der internationale Talente aus Europa in die Vereinigten Staaten holte, um General Electric aufzubauen. In den 1970ern war es Akio Morita, der Sony etablierte. Jetzt ist es das Unternehmen Trina Solar, das Menschen wie mich und andere auf der ganzen Welt mit einer gemeinsamen Vision zusammenbringt.

mm: Was hat Ihnen das an der Börse eingesammelte Kapital für das Wachstum in Europa gebracht?

Kingsley: Es war 2006 wichtig, vor allem in Europa bankfähig zu werden und somit die Projekte zum Laufen zu bringen. Aber ich glaube nicht, dass dies der entscheidende Faktor war. Es gab damals viele Unternehmen, die leicht an Kapital herankamen. Ich glaube, dass es ebenso wichtig war, die Kundenbasis zu entwickeln, indem wir unsere technischen Fähigkeiten beweisen konnten.

mm: Chinesische Solarmodule gelten heute als Qualitätsware. Gleichzeitig können Konzerne wie Trina Solar in der Heimat vergleichsweise günstig produzieren. Was genau unterscheidet die Produktion in China von der in Europa und Amerika?

Kingsley: Alles geht schneller. In China können wir die Produktionskapazitäten schneller skalieren als dies zum Beispiel in Deutschland oder den USA möglich wäre. In China bekommen wir auch leichter neue Mitarbeiter. Diese Flexibilität ist ein klarer Vorteil.

mm: Sie finanzieren sich an der Wall Street, produzieren in China und verkaufen Ihre Produkte vor allem in Europa. In Deutschland, Italien und Spanien haben Sie im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte Ihrer Umsätze erwirtschaftet. Zittern Sie vor der Schuldenkrise in Europa?

Kingsley: Wir haben das im Blick, können es aber nicht beeinflussen. Was wir beeinflussen können, das sind die Kosten für die Solarenergie. Diese zu senken, ist unser Hebel. Abgesehen davon sollten Sie nicht vergessen, dass Regierungen, selbst wenn Sie weniger Geld zur Verfügung haben, die Solarenergie schätzen. Das ist ein langfristiger Trend. Die Installation von Fotovoltaikmodulen auf Hausdächern oder an Gewerbegebäuden bringt viele Jobs. Für die Solarenergie spricht auch, dass Energie nicht mehr über Hunderte Kilometer hin- und her verschoben werden muss. Sie wird stattdessen dort produziert, wo die Energie gebraucht wird.

mm: Würden Sie ohne Subventionen überleben?

Kingsley: Die Industrie wäre derzeit nicht wettbewerbsfähig ohne staatliche Förderung.

mm: Wann ist es so weit?

Kingsley: Das hängt erstens von den Energiekosten ab, zweitens vom politischen Willen. In Deutschland haben die Grünen das Thema jahrelang vorangetrieben. Viele Menschen kaufen sich inzwischen Solaranlagen, weil sie das für gut und richtig halten. Es ist ein Ausdruck von Freiheit, von Progressivität. Wenn es hingegen um die Strompreisparität geht, da gehen die meisten Vorhersagen von einem Zeitraum um das Jahr 2020 aus. Wobei es bereits Märkte gibt, in denen die Strompreisparität erreicht ist. Wenn Sie das nächste Mal Urlaub auf einer Ferieninsel machen, dann ist es vielleicht günstiger, Fotovoltaik zu nutzen als klassischen Strom.

Diesel ist die größte Konkurrenz

mm: Noch sind Deutschland, Italien und Spanien die wichtigsten Märkte. Welchen Märkten gehört die Zukunft?

Kingsley: China und die USA. Vor allem China investiert derzeit aggressiv in Solarenergie. Sie haben sich umgeschaut, dazugelernt und setzen jetzt die Best-Practices um. In zwei oder drei Jahren könnte China der größte Markt der Welt sein.

mm: Bis dahin wird so mancher Anbieter verschwunden sein. Wie lange wird die Konsolidierung Ihrer Ansicht nach dauern?

Kingsley: Das hängt letztlich von der Nachfrage ab. Es könnte ein Jahr dauern, es könnte auch fünf Jahre dauern.

mm: Aber es wird nicht zehn Jahre dauern.

Kingsley: Nein.

mm: Wie viele der großen Spieler werden überleben?

Kingsley: Wenn man sich die Entwicklung in anderen Industrien anschaut, dann dürfte es auf fünf große Konzerne hinauslaufen - dazu noch ein paar kleinere. Es werden nicht nur chinesische Hersteller sein.

mm: Sagen wir First Solar aus Amerika. Und aus Europa?

Kingsley: Ich bin zu beschäftigt, um mir über so etwas Gedanken zu machen (er lacht). Sie können das aus der regionalen Sicht her betrachten, also Europa, Amerika, Asien. Sie können das aber auch durch die technologische Brille sehen. Am Ende wird die Frage wichtig sein, wer die kostengünstigste Lösung anbieten kann. Es ist nicht wichtig, wo auf der Welt diese Lösung gefunden wird. Nur wer sie hat, der wird am Ende die Nase vorn haben.

mm: Wer sind Ihre wichtigsten Wettbewerber?

Kingsley: Diesel.

mm: Diesel?

Kingsley: Diesel. Wenn Sie zum Beispiel auf dem Amazonas auf einem Boot unterwegs sind, wird dieses Boot mit Diesel angetrieben. Und für viele andere Motoren auf der ganzen Welt gilt das ebenso. Ich denke, dies wären auch Anwendungsfelder für die Solarenergie. Unser Wettbewerb ist, die Solarenergie so günstig bereitzustellen, dass sie eine praktikable Alternative für andere Energieformen darstellt.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.