Fotostrecke

Gas aus der Tiefe: Angst und Hype in den USA

Foto: © Tim Shaffer / Reuters/ REUTERS

Heikle Fördertechnik US-Gasbranche droht bitterer Fracking-Kater

Die Branche ist wie im Rausch: Für US-Land, unter dem Gas in Schiefergestein vermutet wird, zahlen Energiefirmen teils astronomische Summen. Doch jetzt droht nicht nur die Rally zu kippen. Auch die Gasförderung, das Fracking, macht Probleme: US-Bürger fürchten um die Qualität ihres Trinkwassers.
Von Christine Mattauch

New York - Es klingt wie ein Witz. "Liebe Armee", lautet die Anrede in der Email. "Wir müssen weiter Druck machen, damit der Kongress unseren Energieplan verabschiedet." Was zu tun sei: Leserbriefe schreiben, Abgeordnete nerven, "gleich hier klicken, um Präsident Obama eine Mail zu schicken". Unterzeichnet ist der elektronische Appell einfach mit "Boone".

Das Kürzel steht für T. Boone Pickens, den amerikanischen Milliardär. Pickens hat den größten Teil seines Vermögens von 1,4 Milliarden Dollar mit Öl gemacht, heute jedoch streitet der 83-jährige Texaner für Erdgas. Sein skurriler Feldzug ist Teil einer heftigen Diskussion, die Amerika seit vielen Monaten bewegt und jetzt an Schärfe zunimmt. Es geht um Billionen - und um Umwelt-, Sicherheits- und Investoreninteressen.

Die Frage ist, wie der Kontinent künftig seinen Energiebedarf deckt. In den vergangenen Jahren sind in den USA riesige Erdgasvorkommen entdeckt worden, die dank neuer Fördertechnik ausgebeutet werden können: "Shale Gas", Schiefergas. Noch vor zehn Jahren bedeutungslos, liegt der Anteil dieses im Branchenjargon "unkonventionell" genannten Energieträgers am amerikanischen Gasmarkt heute bereits bei 14 Prozent. 2035 werden es 46 Prozent sein, schätzt die Energiebehörde EIA.

Wie so oft sind die USA Pionier einer Entwicklung, denn auch in Frankreich, Polen, Norwegen und Dänemark gibt es Schiefergas - ebenso in Deutschland, etwa im Münsterland und im Ruhrgebiet. Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) vom vergangenen Jahr prophezeit einen Paradigmenwechsel in der Energiepolitik: "Die Bedeutung von Erdgas wird unter allen Umständen zunehmen." Die Internationale Energie Agentur IEA sagt voraus, dass der Gasverbrauch bis 2035 um über 50 Prozent steigt und damit den Energieträger Kohle überholt. "Die Aussichten sprechen für ein goldenes Erdgas-Zeitalter."

Anleger investierten Milliarden

Die Branche ist wie im Rausch. Für Land, unter dem Gas vermutet wird, zahlen Energiefirmen teilweise astronomische Summen und verschulden sich hoch, um im Bieterkampf mithalten zu können. Und Anleger investierten Milliarden in das scheinbar todsichere Geschäft.

Doch jetzt setzt nach dem Rausch der Kater ein. Die Branche hat die Risiken des Geschäfts unterschätzt. Zu denen zählt der Widerstand von Teilen der Bevölkerung, die um die Trinkwasserqualität fürchtet. Auch sind einige Erdgas-Lager nicht so ergiebig wie anfänglich unterstellt. Obendrein sorgen Konjunkturabschwung und die Nachricht von immer neuen Vorkommen für Preisverfall. Er stellt viele Firmen vor massive Probleme. "Das Ressourcenpotenzial von Schiefergas und seine Kosten bleiben höchst unsicher", resümierte im Juni der damalige EIA-Chef Richard Newell.

Die Methode, mit der bislang unzugängliche Gaseinlagerungen in Schiefergestein gefördert werden können, heißt Hydrofracturing oder kurz Fracking. In 500 Meter Tiefe, unterhalb des Grundwassers, wird durch ein Bohrloch mit Hochdruck ein Wasser-Sand-Gemisch gepresst, das Gestein aufgesprengt und das Gas freigesetzt. Dabei gibt es Risiken: Chemikalien werden eingesetzt, die aufwendig entsorgt werden müssen; außerdem kann die Bohrerei Trinkwasser verunreinigen. Das jedenfalls befürchten Umweltschützer, Abgeordnete und Unternehmen der Wasserwirtschaft. Und tatsächlich ist es in den USA auch schon zu Unfällen gekommen, etwa in Dimock (Pennsylvania), wo mehr als 30 Familien mit Wassertankwagen versorgt werden müssen, weil ihre Brunnen vergiftet sind. Für die Unternehmen ist es langfristig im eigenen Interesse, Unfälle zu vermeiden. Doch Schutzvorkehrungen treiben die Kosten.

Unklar sind auch die längerfristigen Förderaussichten. In einigen Fördergebieten sind Bohrungen im ersten Jahr ergiebig, aber danach bricht der Ertrag ein. Seit diesem Sommer prüft der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman, ob vier auf Gasförderung spezialisierte Firmen - Cabot Oil and Gas, Range Resources, Goodrich Petroleum und Chesapeake Energy - ihre Geldgeber korrekt über die Produktivität ihrer Anlagen informiert haben. Immerhin haben Pensionsfonds des Staates New York mehr als 45 Millionen Dollar in die Unternehmen investiert. Auch die Börsenaufsicht SEC hat Auskunft verlangt.

Förderfirmen im Teufelskreis

Diese unabhängigen Energiefirmen - "Independents" - stehen auch wegen der gesunkenen Preise unter Druck. Die Großbank UBS schätzt, dass der Preis für Erdgas zwischen 5,50 und 6 Dollar pro Millionen BTU liegen muss, damit die Förderung von Schiefergas "attraktive Renditen" bringt. Das aber ist ein Fernziel. In den USA liegt der Gaspreis derzeit bei vier Dollar. "Langfristig mögen die Aussichten für Erdgas gut sein, doch zurzeit überflutet das Angebot den Markt", beobachtet der kalifornische Rohstoffinvestor Harry Rady. In Europa drängt durch die Eröffnung des ersten Strangs der Ostsee-Pipeline in diesen Tagen künftig Potenziell sogar noch mehr konventionelles Gas als bisher auf den Markt.

Das führt für viele Independents zu einem Teufelskreis, wie ihn Michael Levi beschreibt, Energieexperte des New Yorker Council on Foreign Relations: Die Firmen müssen immer mehr fördern, um ihren Cash Flow zu sichern, wodurch der Preis weiter in den Keller geht. Viele hatten sich in Erwartung von Traumrenditen hoch verschuldet, um sich Land zu sichern. "Das ist der Grund, weshalb viele Independents unter das Dach größerer Spieler flüchten", so Levi. Die texanische Firma Petrohawk etwa hatte Verbindlichkeiten in Höhe von drei Milliarden Dollar, als sie im Juli von der australischen BHP Billiton  übernommen wurde.

Zuvor hatte BHP bereits Chesapeake akquiriert. Der weltweit größte Bergbaukonzern will sich ein Standbein im Gasmarkt sichern - und ist damit nicht allein. Exxon Mobil  etwa kaufte im Jahr 2010 den texanischen Konzern XTO Energy und ist seitdem der größte Förderer von Erdgas in den USA. Besser als die mittelständischen Gasspezialisten können die internationalen Multis einen Abschwung überstehen und langfristig denken. "Wir investieren in die Weiterentwicklung unseres Portfolios, damit wir die Energie liefern können, die zukünftig gefragt ist", heißt es im Exxon-Jahresbericht 2010. Doch auch die Multis müssen aufpassen: Wenn der Rohstoff zu billig ist, kannibalisieren sie ihr Geschäft mit anderen Energieträgern.

T. Boone Pickens verdient mit

Für Abhilfe könnte ausgerechnet T. Boone Pickens mit seiner Lobbyisten-Armee sorgen. Der schrullige, aber einflussreiche Milliardär hat erreicht, dass der Kongress nach der Sommerpause einen Gesetzentwurf behandelt, der äußerst großzügige Steuererleichterungen für Erdgasfahrzeuge vorsieht. Das sei im nationalen Interesse des Landes, um die Abhängigkeit von Ölstaaten zu verringern, argumentiert er. 186 Abgeordnete unterstützen das Gesetz, Republikaner und Demokraten.

Pickens' Plan werde die Nachfrage ankurbeln und "den Gaspreis erheblich in die Höhe treiben", meint Carlo Besenius, CEO der New Yorker Researchfirma Creative Global Investments. Was nicht so bekannt ist: Pickens würde davon auch persönlich profitieren. Der Geschäftsmann gründete 1997 den heute größten US-Anbieter für Autogas, Clean Energy Fuels Corp. Eine Hauptanteilseignerin: Madeleine Pickens - die Ehefrau des Milliardärs.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.