Rückzieher bei US-Kraftwerk Solar Millennium schockt Anleger erneut

Solar Millennium hat einfach keinen Lauf. Der Erlanger Projektierer von Sonnenkraftwerken verzichtet auf den Bau einer 1000-Megawatt-Parabolrinnenanlage in den USA. Stattdessen sollen dort Fotovoltaikmodule Strom erzeugen. Anleger ergreifen die Flucht.
Große Hoffnungen: Parabolrinnenkraftwerk von Solar Millennium in Spanien. Das weltgrößte derartige Projekt in den USA ist gestoppt

Große Hoffnungen: Parabolrinnenkraftwerk von Solar Millennium in Spanien. Das weltgrößte derartige Projekt in den USA ist gestoppt

Foto: Solar Millennium

Hamburg - Gute Nachrichten aus der Unternehmenszentrale von Solar Millennium sind derzeit Mangelware. Noch immer streitet sich der Sonnenkraftwerksprojektierer mit Kurzzeitchef Utz Claassen über eine Abfindung. Zudem ermittelt die Bafin wegen des Vedachts auf Insiderhandel, und der Wechsel des Finanzchefs vor wenigen Tagen war ebenfalls kaum geeignet, Anleger mit dem Erlanger Unternehmen wieder zu versöhnen.

Und nun das: Ausgerechnet das größte Vorzeigeprojekt von Solar Millennium  ist in seiner bisher geplanten Form geplatzt. Im kalifornischen Blythe wird das projektierte 1000-Megawatt-Parabolrinnenkraftwerk - das weltgrößte seiner Art - nicht gebaut. Anstelle der komplizierten Technik, die Grundlaststrom mit Hilfe der Sonne erzeugt, sollen nun Fotovoltaikmodule zum Einsatz kommen, die nur Mittags auf Hochtouren arbeiten. Zunächst soll die installierte Leistung bei 500 Megawatt liegen.

Die Erlanger legen damit einen überraschenden Schwenk in ihrem Geschäftsmodell hin. Bisher sind sie auf Parabolrinnenkraftwerke (auch solarthermische Kraftwerke genannt) spezialisiert, und haben beispielsweise in Spanien und Ägypten einige Anlagen ans Netz gebracht.

Preise für Fotovoltaikanlagen im Keller

"Die Marktbedingungen in den USA haben sich geändert", sagt eine Unternehmensprecherin nun gegenüber manager magazin. Inzwischen lohne die Vermarktung von Strom aus Fotovoltaikmodulen in den USA mehr, als anfangs kalkuliert. Banken und andere Kapitalgeber seien mit diesen Anlagen ohnehin besser vertraut und gewährten leichter Kredit, so dass sich das Management kurzfristig zu dem Schritt entschlossen habe, durch den dem Unternehmen staatliche Kreditgarantien in Höhe von 2,1 Milliarden Euro entgehen.

Tatsächlich hat sich der Preis für Fotovoltaikmodule seit Anfang des Jahres deutlich verbilligt - zum Nachteil der ursprünglichen Pläne von Solar Millennium. Inzwischen kosten sie zum Teil weniger als eine Million Euro pro Megawatt Spitzenleistung - ein Minus von gut 30 Prozent im Vergleich zum Jahresbeginn. Auf dem deutlich kleineren und intransparenteren Markt für Parabolrinnenkraftwerke hat es eine solche Entwicklung nicht in dem Umfang gegeben.

Stromversorger sind nach Angaben von Solar Millennium zudem offenbar bereit relativ hohe Preise für Spitzenlaststrom im Sommer zu zahlen - die Rede ist von 80 bis 100 Dollar (55 bis 70 Euro) pro Megawattstunde. Zum Vergleich: An der Leipziger Strombörse kostet eine Megawattstunde Strom etwa 60 Euro.

Die hohen Preise lassen sich vor allem aufgrund des massiv gestiegenen Einsatzes von Klimaanlagen erzielen. Dieser hat in den USA inzwischen zu einer Debatte über die Sicherheit der Energieversorgung im Sommer geführt. Unterm Strich sei der Verkauf von Strom aus Fotovoltaikanlagen in den USA inzwischen ohne Subventionen möglich und wirtschaftlich, heißt es bei Solar Millennium.

Zeichner der üppig beworbenen 100-Millionen-Euro-Anleihe betroffen

Investoren zeigten sich trotz dieser zum Teil nachvollziehbaren Erklärungen schockiert. Die Aktie verlor am Mittag zwischenzeitlich 25 Prozent ihres Werts. Schließlich ist Solar Millennium auf den Bau von Parabolrinnenkraftwerken spezialisiert, Fotovoltaikanlagen können auch andere Anbieter wie Centrosolar errichten.

Die Frage ist nun, ob Solar Millennium grundsätzlich aufs falsche Pferd gesetzt hat. Das Unternehmen weist das zurück. Kerngeschäft und Fokus von Solar Millennium bleibe Parabolrinnentechnologie (englisch CSP abgekürzt) für den Einsatz in solarthermischen Kraftwerken.

"In Nord- und Südafrika, im Nahen Osten, Indien und China, wo Solar Millennium ebenfalls aktiv ist, überwiegt die Nachfrage nach CSP", sagt Vorstandschef Christoph Wolff. Auch in Spanien biete die gesetzliche Einspeisevergütung weiterhin optimale Voraussetzung für Parabolrinnenkraftwerke.

"Wir reagieren schnell und pragmatisch auf den Markt, der in Kalifornien momentan Fotovoltaik begünstigt", erklärt Wolff die überraschende Wende in den USA. "Mit diesem Schritt erhöhen wir den Wert des Projekts und handeln so im Interesse des Unternehmens und der Aktionäre."

Kurzfristig mag das zutreffen. Sollte der Trend jedoch weltweit zu Fotovoltaikkraftwerken gehen, sähe Solar Millennium alt aus. Angesichts fallender Preise könnten auch Regierungen die Anreize zugunsten der Spitzenlastanlagen ändern.

Unternehmen erwartet keine Auswirkungen auf Desertec-Projekt

Insbesondere das Desertec-Vorhaben in Nordafrika sieht einen hohen Anteil von Parabolrinnenkraftwerken vor. Solar Millennium sieht indes "keine Auswirkung" auf Desertec. Das Unternehmen ist unter anderem in Ägypten engagiert.

Die hinter dem Projekt stehende Initiative Dii gibt sich angesichts der schlechten Nachrichten aus Erlangen zurückhaltend: "Ganz allgemein werden sich langfristig die Technologien durchsetzen, die das beste Kosten-Nutzen-Risikoverhältnis bieten", sagte eine Projektsprecherin.

Anlegerschützer sehen das weniger nüchtern. "Wir sind irritiert", sagt das Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, Lars Labryga, gegenüber manager magazin. "Damit ändert sich das Geschäftsmodell von Solar Millennium ein Stück weit in Richtung anderer Anbieter."

Der Schwenk konterkariert auch frühere Aussagen von Solar Millennium. "Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit von Solar Millennium ist die Entwicklung, die Finanzierung und der Bau von solarthermischen Kraftwerken", hieß es am Donnerstag noch auf der Website des Unternehmens. "Sie sind der effizienteste Weg, Solarenergie zu nutzen." Photovoltaik habe ihre Stärken dagegen in dezentralen Systemen im unteren Leistungsbereich.

Wann Strom fließt, ist noch unklar

Betroffen von dem Schwenk beim Blythe-Projekt sind auch die Zeichner einer aufwändig beworbenen 100-Millionen-Euro-Anleihe. Auf die Geldgeber übte die Parabolrinnentechnik einen besonderen Reiz aus, beinhaltet sie doch das Versprechen, Grundlaststrom aus erneuerbaren Energien zu erzeugen. Mit dem Geld wollte Solar Millennium unter anderem das Kraftwerk in Blythe finanzieren, und erläutert Technik und Projekt in Kalifornien in den Prospekten ausführlich.

Etwa 50 Millionen Euro sind bereits zusammengekommen. Nach Auskunft von Solar Millennium haben Zeichner jedoch keine Möglichkeit, ihr Geld vorzeitig zurückzufordern. "Wir haben den Prospekt damals auf Grundlage der verfügbaren Marktinformationen gestaltet", sagt eine Firmensprecherin. "Bestimmte technische Änderungen sind in den Risikohinweisen berücksichtigt."

Auch der Ablauf des Projekts verändert sich in Kalifornien. "Wir werden einen neuen Zeitplan aufsetzen", heißt es bei Solar Millennium. So muss das Unternehmen neue Lieferanten suchen und erneut Baugenehmigungen einholen. Die nun geplante, weniger komplexe Anlage könne aber schneller errichtet werden als als ein Parabolrinnenkraftwerk. Wann Blythe den ersten Strom ins Netz einspeise, sei aber noch nicht absehbar.

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