Eon und RWE Wer liegt vorn im Duell der Verlierer?

Eon und RWE stehen mit dem Rücken zur Wand. Die großen Energiekonzerne leiden unter dem Atomausstieg und einem schlechten Gasgeschäft, die Gewinne erodieren. Stellenabbau und Beteiligungsverkäufe sollen nun das Comeback ermöglichen. manager magazin zeigt, wer die besseren Chancen hat.
Wer führt, wer folgt? manager magazin nimmt die Problemfelder der großen deutschen Energieversorger RWE und Eon unter die Lupe

Wer führt, wer folgt? manager magazin nimmt die Problemfelder der großen deutschen Energieversorger RWE und Eon unter die Lupe

Foto: Fotos: DPA

Hamburg - In turbulenten Börsenzeiten beschwören Aktienprofis gern die Bedeutung konjunkturresistenter Unternehmen. Firmen aus der Konsumgüterindustrie gehören stets dazu, Telekommunikationskonzerne und - natürlich - die Energieversorger. Strom und Gas benötigen Verbraucher und Wirtschaft schließlich immer.

Eon  und RWE  sind für eine große Zahl von Analysten momentan dennoch alles andere als eine Kaufempfehlung. Zwar haben sie noch während der großen Finanzkrise 2008 ihre Sturmfestigkeit bewiesen. Doch zurzeit sind sie derart angeschlagen, dass sie an Tagen mit heftigen Kursausschlägen zuweilen ganz unten auf der rot gefärbten Kursliste zu finden sind.

Kein Wunder angesichts schockierender Geschäftszahlen. Eon ist im abgelaufenen Quartal erstmals in die Verlustzone gerutscht. Knapp 400 Millionen Euro beträgt das Minus, auch die Essener Konkurrenz schreibt rote Zahlen.

Es ist vor allem der hastig von der Bundesregierung beschlossene beschleunigte Atomausstieg, der den Versorgern zu schaffen macht. Abgeschriebene Kernkraftwerke, die viel Strom und jeden Tag etwa eine Million Euro Gewinn erzeugten, sind dauerhaft vom Netz gegangen und müssen zurückgebaut werden. Zudem belasten immer noch die alten Lieferverträge mit dem russischen Gasriesen Gazprom das Geschäft.

Aus den Rendite- und Dividendenfabriken sind strauchelnde Riesen geworden. Eon will angesichts der Probleme 11.000 Stellen und möglicherweise ganze Standorte streichen. Beide Unternehmen trennen sich von Beteiligungen, um Geld für die nun dringend benötigten Investitionen in neue Kraftwerke und Geschäftsfelder aufzutreiben. manager magazin zeigt die wichtigsten Problemfelder - und wer auf ihnen die bessere Ausgangslage hat.

Kraftlose Kraftwerke

Hoher Ausstoß von Kohlendioxid: RWE und Eon haben noch viele Kohlekraftwerke im Portfolio (im Bild der Eon-Meiler Großkrotzenburg in Hessen)

Hoher Ausstoß von Kohlendioxid: RWE und Eon haben noch viele Kohlekraftwerke im Portfolio (im Bild der Eon-Meiler Großkrotzenburg in Hessen)

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Der rasche Atomausstieg hat beide Konzerne in ihrem Kerngeschäft hart getroffen. Eon musste seine Meiler Unterweser und Isar 1 dauerhaft herunterfahren, RWE künftig auf seine Kraftwerke in Biblis verzichten.

Die Folgen sind bei der Stromproduktion bereits deutlich sichtbar. Während Eon im ersten Halbjahr 2010 noch 28,6 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Kernkraftwerken produzierte, verringerte sich die Zahl im laufenden Jahr auf 20,3 Milliarden. Für RWE fiel das Minus etwas geringer aus - von 22,6 Milliarden auf 19,1 Milliarden Kilowattstunden.

Dementsprechend verlieren die Konzerne Geld. Eon-Chef Johannes Teyssen bezifferte die Belastung durch den Atomausstieg im ersten Halbjahr auf 1,9 Milliarden Euro. RWE-Chef Jürgen Großmann nannte für sein Unternehmen die Summe von 900 Millionen Euro.

Eon trifft der Atomausstieg allerdings nur in absoluten Zahlen härter als RWE. Bei den Essenern gehen fast 60 Prozent des Rückgangs beim operativen Ergebnis (Ebitda) auf Kosten der politischen Hau-Ruck-Aktion, bei den Düsseldorfern sind es "nur" knapp 54 Prozent. Obwohl Eon einen deutlich höheren Kernkraftanteil an der eigenen Stromproduktion hat als RWE, steckt das Unternehmen das Aus für die Kraftwerke etwas besser weg. So gesehen relativieren sich auch die von der LBBW geschätzten Ausstiegsgesamtkosten von 8,6 Milliarden Euro für Eon und "nur" 6 Milliarden Euro für RWE.

Altmeiler als Altlast für RWE

Auch der Blick auf den gesamten Kraftwerkspark fällt ungünstig für RWE aus. Konzernchef Jürgen Großmann hatte 2007 ein Unternehmen übernommen, das Strom außer in Atomkraftwerken vor allem in Kohlemeilern erzeugte. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Deshalb liegt der durchschnittliche Ausstoß von Kohlendioxid pro Kilowattstunde bei RWE etwa doppelt so hoch wie bei Eon.

Zum Problem wird das für RWE spätestens 2013, wenn die Energiekonzerne sämtliche Emissionsrechte für Kohlendioxid in Auktionen kaufen müssen. "Eon muss deutlich weniger Investitionen tätigen, um mit der neuen Situation klarzukommen", sagt LBBW-Analyst Bernhard Jeggle.

Verschärfend kommt für RWE hinzu, dass einige im Bau befindliche modernere Kraftwerke aufgrund von Problemen mit dem verwendeten Stahl später fertig werden als geplant. Die geplante Kooperation mit dem russischen Konzern Gazprom könnte das Problem etwas lindern, wenn es gelingt, die größten Dreckschleudern in einem Joint-Venture den Russen zuzuordnen.

Fazit: Vorteil Eon

(Un)geliebte erneuerbare Energien

Raus aufs Meer: RWE und Eon investieren verstärkt in Offshore-Windparks wie in diese Anlage vor der Küste von Wales

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Foto: DPA

Kurz nach seinem Amtsantritt im Herbst 2007 blies RWE-Chef Jürgen Großmann vor Journalisten in ein metallenes Windrädchen. Damit gab er das Signal für den verspäteten Start des Versorgers in das Zeitalter der erneuerbaren Energien. Zugleich engagierte er den vormaligen Chef des Hamburger Windkraftanlagenbauers Repower , Fritz Vahrenholt für die neue Sparte RWE Innogy.

Andere europäische Versorger wie Iberdrola  waren da schon deutlich weiter. Auch Rivale Eon war bei Wind, Sonne und Biomasse ein wenig schneller als RWE und hatte sich etwas ehrgeizigere Ziele gesetzt.

Inzwischen haben sich die neuen Sparten zu Wachstumstreibern in den Unternehmen entwickelt - wenn auch noch immer auf recht niedrigem Niveau. Eon erzeugte im ersten Halbjahr 2011 12,7 Milliarden Kilowattstunden Strom aus erneuerbaren Energieträgern, der Anteil an der Stromproduktion stieg damit auf knapp 10 Prozent. RWE brachte es trotz einer leichten Steigerung auf 4,5 Milliarden Kilowattstunden lediglich auf einen Anteil von gut 4 Prozent.

Finanziell betrachtet fällt Eons Vorsprung noch größer aus. Die Düsseldorfer erwirtschafteten im abgelaufenen Halbjahr einen operativen Gewinn von 753 Millionen Euro mit den Erneuerbaren, immerhin ein Sechstel des gesamten Ebitda. Besonders stark wuchsen die im Gegensatz zur Wasserkraft neueren Geschäftsfelder Wind und Solar. Der Ebitda-Beitrag der erneuerbaren bei RWE liegt dagegen bei unter 4 Prozent und belief sich auf 166 Millionen Euro.

"Vor RWE liegt bei den Erneuerbaren noch ein weiter Weg", sagt Aktionärsschützer Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Die für Investitionen benötigten und nun wegfallenden Gewinne aus Atomkraftwerken könnten den Umbau der Stromerzeugung um Jahre verzögern.

Fazit: Vorteil Eon

Das verflixte Geschäft mit dem Gas

Wichtige Säule: Eon und RWE verdienen traditionell viel Geld mit Gas. Doc seit die Weltmarktpreise sinken, rächen sich die langfristigen Lieferverträge zu mit Russland

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Foto: ddp

Sowohl Eon als auch RWE leiden unter einem drastischen Margenverfall im Gasgeschäft. RWE fuhr im ersten Halbjahr einen 600-Millionen-Euro-Verlust im Zwischenhandelsgeschäft ein, bei Eon stand ein Minus von 250 Millionen Euro.

Die Versorger beziehen den Rohstoff zum Teil vom russischen Gazprom-Konzern  und haben dabei lang laufende Lieferverträge abgeschlossen. Die darin festgeschriebenen Preise liegen deutlich über den Notierungen am freien Markt. Hintergrund ist die Gasschwemme durch Flüssiggas und neue Fördertechniken, dank derer vor allem in den USA neue Felder erschlossen wurden.

RWE hat momentan offenbar den etwas besseren Draht zu Gazprom. Die Essener verhandeln mit dem Lieferanten über Kooperationen beim Betrieb und Bau von fossil befeuerten Kraftwerken. Der Versorger hofft, in diesen Gesprächen quasi nebenbei bessere Konditionen auszuhandeln. Bestenfalls in Nuancen dürfte dies jedoch gelingen. "Gazprom kann es sich nicht leisten, die Kunden unterschiedlich zu behandeln", sagt jedoch Analyst Jeggle. "Der Aufschrei wäre groß."

Immerhin steht für RWE beim Thema Gas insgesamt weniger auf dem Spiel als bei Eon, wo bereits die Existenz der mächtigen Tochter Eon Ruhrgas infrage gestellt wird. Eon ist stärker als RWE darauf angewiesen, dass sich der deutsche Wärmemarkt positiv entwickelt. Dem Düsseldorfer Konzern macht es daher besonders zu schaffen, dass die Deutschen wie verrückt ihre Häuser dämmen und bei Neubauten oft lieber eine Wärmepumpe oder eine Pelletheizung einbauen.

Fazit: Vorteil RWE

Schulden, Schulden, Schulden

Alles muss raus: RWE und Eon wollen sich von zahlreichen Beteiligungen trennen. So stößt RWE die Öl- und Gasfördertochter RWE Dea ab

Alles muss raus: RWE und Eon wollen sich von zahlreichen Beteiligungen trennen. So stößt RWE die Öl- und Gasfördertochter RWE Dea ab

Foto: dapd

Es ist gar nicht so lange her, da wusste Eon kaum wohin mit seinem Geld. Da war es nur konsequent, dass der Versorger unter Ex-Chef Wulf Bernotat nach den Sternen griff, indem es den spanischen Konkurrenten Endesa  unter seine Fittiche nehmen wollte. Über 40 Milliarden Euro bot Eon. Zwar klappte das Vorhaben aufgrund des hartnäckigen Widerstandes aus der Politik nicht, am Geldausgeben an sich hinderte Eon jedoch niemand. Der Konzern deckte sich mit Teilen des Endesa-Portfolios ein, expandierte entsprechend den Analystenwünschen kräftig und häufte jede Menge Schulden an.

Auch RWE drang seit den 90er-Jahren in neue Geschäftfelder wie die Wasserversorgung und Märkte in der ganzen Welt vor - mit denselben Folgen. Inzwischen betragen die Nettoschulden bei beiden Konzernen mehr als 30 Milliarden Euro.

Eon ist es zuletzt allerdings gelungen, seine Verbindlichkeiten deutlich zurückzufahren. Dies vor allem, indem es sich von Beteiligungen wie dem britischem Netzgeschäft und Anteilen an deutschen Kraftwerken trennte. Insgesamt will Teyssen Konzernteile im Wert von 15 Milliarden Euro abstoßen, etwa neun Milliarden hat er schon eingespielt.

RWE hat nun ähnliche Pläne konkretisiert. Bis 2013 sollen Konzernteile im Wert von elf Milliarden Euro verkauft werden. Aber es sind eben noch Pläne. Unter anderem will sich der Versorger von seiner Ertragsperle RWE Dea trennen, die in Europa und Nordafrika Öl und Gas fördert. "RWE ist mit diesen Plänen ein Befreiungsschlag gelungen", sagt Analyst Jeggle. "Allerdings ist längst nicht sicher, dass sich alles so umsetzen lässt wie geplant." Die momentanen Börsenturbulenzen lassen jedenfalls nichts Gutes erahnen. Zudem steht Tafelsilber zum Verkauf.

Für viele Investoren ein Schock dürften der avisierte Verkauf eigener Aktien und die geplante Kapitalerhöhung sein. "Eine Kapitalerhöhung in dem gegenwärtigen Umfeld ist eine Katastrophe", sagt Aktionärsschützer Tüngler. Doch anders lassen sich die Ratingagenturen derzeit nicht besänftigen - sie hatten RWE wegen hoher Schulden und unsicherer Cash-Flow-Aussichten zuletzt herabgestuft.

Fazit: Vorteil Eon

Teyssen gegen Großmann, Terium und Schmitz - die Chefs

Mann gegen Mann: Eon-Chef Teyssen sitz fest im Sattel, RWE-Chef Großmann macht demnächst Platz für Nachfolger Peter Terium

Mann gegen Mann: Eon-Chef Teyssen sitz fest im Sattel, RWE-Chef Großmann macht demnächst Platz für Nachfolger Peter Terium

Foto: Fotos: REUTERS

Eon hat den Stabwechsel vor etwa einem Jahr vollzogen - Johannes Teyssen folgte auf Wulf Bernotat. Der Neue hat bereits die Weichen anders gestellt, indem er beispielsweise die Unternehmensstruktur umstellte und frühzeitig das Verschlankungsprogramm einleitete.

RWE wechselt den Chef dagegen mitten in der Krise und zudem in einem Übergangsprozess. Peter Terium soll - so entschied der Aufsichtsrat in dieser Woche nach heftigen Streitigkeiten - Jürgen Großmann nachfolgen, zunächst aber bis Mitte nächsten Jahres als Kronprinz agieren. Zudem bekommt der Holländer Terium in Rolf Martin Schmitz einen mächtigen Stellvertreter, der als Mann des wichtigsten Anteilseigerns, der Kommunenvereinigung RW Energie-Beteiligungsgesellschaft gilt.

RWE hinkt also auch beim Generationenwechsel hinterher - ähnlich wie bei den Themen Erneuerbare Energien, Geschäft in Schwellenländern und Anteilsverkäufe. Während Teyssen sich als unumstrittener Alleinherrscher sogar einen massiven Stellenabbau zutraut, muss sich das Essener Triumvirat aus Großmann, Terium und Schmitz erst auf eine Strategie einigen, wie der Vorsprung von Eon eingeholt werden kann.

Fazit: Vorteil Eon

Gesamtwertung: Vier zu eins für Eon. Der Düsseldorfer Konzern kompensiert die schmerzhaften Folgen des Atomausstiegs besser als RWE. Das übrige Geschäft läuft mit Ausnahmen des Gasbereichs relativ robust und verspricht höhere Wachstumsraten. Die Kontinuität an der Konzernspitze ist in Krisenzeiten ein weiterer Vorteil.

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