Eni und Enel Italiens Energieriesen trotzen der Krise

Italien Energiekonzerne Eni und Enel gehören zu einem Gutteil dem Staat. Trotzdem spüren die beiden Umsatzriesen nur wenig vom heimatlichen Haushaltschaos. Vom Heimatmarkt haben sie sich abgenabelt - und aus den italienischen Zuständen ziehen sie sogar Profit.
Eni-Hauptsitz in Mailand: Eine breite Aufstellung und gute Geschäfte im Ausland sichern den Energiekonzern ab

Eni-Hauptsitz in Mailand: Eine breite Aufstellung und gute Geschäfte im Ausland sichern den Energiekonzern ab

Foto: LUCA BRUNO/ ASSOCIATED PRESS

Hamburg - Paolo Scaroni ist gewohnt, mit Krisen fertig zu werden. Wenn er morgens ins Büro komme, habe er immer zwei oder drei große Probleme auf seinem Tisch, sagte der Vorstandsvorsitzende des italienischen Energieriesen Eni vor kurzem. Doch dieses Jahr hat selbst den hartgesottenen Scaroni auf eine harte Probe gestellt.

Seit Anfang des Jahres hält Scaroni die Libyen-Krise auf Trab. Eni bezieht rund 13 Prozent seiner jährlichen Gas- und Ölproduktion aus dem nordafrikanischen Land, die Kämpfe zwischen Aufständischen und Gaddafi-treuen Truppen haben die Produktion zum Stillstand gebracht. Im ersten Quartal ist Enis gesamtes Produktionsvolumen um 8,6 Prozent zurückgegangen, bei Prognosen für 2011 gibt sich Eni vorsichtig.

Ende Juni versetzte die Ratingagentur Moody's dem Energiekonzern einen weiteren Schlag. Im Zuge der Schuldenkrise prüfen die Ratingagenturen eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit Italiens. Da der italienische Staat mit 30 Prozent an Eni beteiligt ist, setzt Moody's auch den Energiekonzern auf Beobachtung. Damit könnte Enis Bonitätsbewertung von derzeit Aa3 in Kürze sinken - und das würde die Refinanzierungskosten des Konzerns auf den Kapitalmärkten erhöhen.

Doch selbst das dürfte Scaroni kaum aus der Ruhe bringen. Während die italienische Regierung weiterhin zittert, vom Sog der griechischen Schuldenkrise erfasst zu werden, erweisen sich die zwei umsatzstärksten Unternehmen Italiens als erstaunlich krisenfest. Im Gegensatz zu ihren deutschen Konkurrenten kämpfen Eni und der Energieversorger Enel  nicht mit den Folgen einer Energiewende. Enel profitiert sogar vom italienischen Bürokratiechaos. Nur mehr rund die Hälfte ihrer Umsätze machen beide Unternehmen in Italien. Damit können beide Unternehmen jetzt die Schuldenkrise vergleichsweise gelassen aussitzen.

Vielversprechende Projekte, ausreichend Geldreserven

Die Ente nazionale idrocarburi (Eni), die in Deutschland unter dem Markennamen Agip bekannt ist, hat sich bei Branchenbeobachtern einen guten Ruf erarbeitet. "Eni ist operativ sehr stark und hat auch sein Kreditprofil verbessert", sagt Manuel-Bastian Herold, Ölanalyst der Unicredit. Im letzten Jahr hat der Energieriese 98,4 Milliarden Euro umgesetzt und einen Gewinn von 6,3 Milliarden Euro erwirtschaftet. Die hohen Ölpreise und stabile Lieferungen aus anderen Ländern konnten den Produktionsausfall in Libyen im ersten Quartal dieses Jahres mehr als auffangen. Von Januar bis März stieg der Gewinn auf 2,2 Milliarden Euro, ein Plus von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal.

Zudem ist das Unternehmen, das 80.000 Mitarbeiter beschäftigt, auch auf der Finanzseite gut aufgestellt. Eni habe momentan über zwei Milliarden Cash in der Kasse, rund zwei Milliarden an zugesagten, verfügbaren Kreditlinien und kurzfristig keinen größeren Refinanzierungsbedarf, sagt Herold. Die Verschuldung des Konzerns ist mit 26 Milliarden Euro relativ hoch. Doch Eni hat im März angekündigt, noch im laufenden Jahr Beteiligungen an zwei internationalen Pipelines verkaufen zu wollen. Das soll die Schulden um zwei Milliarden Euro reduzieren. Dazu kommt noch ein Kostensenkungsprogramm. Bis Ende 2011 will sich Eni von 1000 Mitarbeitern trennen, bis 2014 will der Konzern 1,7 Milliarden Euro einsparen.

In den letzten Monaten hat sich Eni Zugang zu einigen vielversprechende Erdöl- und Erdgasfelder in Afrika, China und Osteuropa gesichert. Bis 2014 will Eni seine Erdölproduktion um jährlich drei Prozent steigern, der Gasverkauf soll jedes Jahr um fünf Prozent zulegen. Mittelfristig, meinte Scaroni im März, werde die Libyenkrise kaum die Erdöl- und Erdgasproduktion beeinflussen. In den ersten Monaten dieses Jahres haben die hohen Energiepreise haben den Produktionsausfall in Libyen mehr als wettgemacht. Zudem verdient Enel im Gashandel und mit der Energieerzeugung gutes Geld: Die Umsätze in diesem Bereich sind im ersten Quartal dieses Jahres um 14,2 Prozent gestiegen.

Vom Heimatmarkt Italien hat sich Eni längst freigeschwommen. Etwas weniger als die Hälfte seines Umsatzes macht Eni in Italien. Rund ein Fünftel der Umsätze entfällt auf den restlichen EU-Raum, der Rest stammt aus Afrika, den USA und Asien.

Dass der italienische Staat seinen 30-Prozent-Anteil an Eni im Handumdrehen losschlägt, muss der Energieriese ebenfalls nicht fürchten. Denn Italiens Wirtschaftminister erklärte bereits, dass er erst nach einer Markterholung verkaufen wolle. Zudem zahlte Eni in den letzten Jahren konstant hohe Dividenden und pumpte so Milliarden in die Staatskasse. Experten rechnen deshalb damit, dass der italienische Staat lieber kleine Versorger auf den Markt wirft, bevor er sich von seinem Eni-Anteil trennt.

Enel nutzt das italienische Gesetzeschaos

In einer komfortablen Situation ist auch Italiens Energieversorger Enel. Rund 73 Milliarden Euro hat Enel im vergangenen Jahr umgesetzt und dabei 4,4 Milliarden Euro Gewinn eingefahren. In den ersten drei Monaten dieses Jahres setzte Enel mehr Strom im Ausland ab, was die Umsätze im Vergleich zum Vorjahresquartal um 7,8 Prozent auf 19,5 Milliarden Euro steigerte.

Am Umsatz gemessen ist Enel  Italiens zweitgrößtes Unternehmen. Bis vor wenigen Jahren galt der italienische Markt als wenig attraktiv - doch nach Ansicht von Analysten hat sich das geändert. Da in Italien wenige Eingriffe der Regierung zu befürchten sind und die Strompreise seit Jahren zu den höchsten in Europa zählen, verdient Enel in Italien solides Geld.

Die Gewinne kommen aber aus anderen Regionen. In den letzten Jahren hat Enel stark im Ausland investiert - etwa in Lateinamerika. Gutes Geld verdient Enel auch in Spanien. Dort hat Enel der deutschen Eon vor einigen Jahren den zweitgrößten spanischen Energieerzeuger Endesa weggeschnappt. Knapp 40 Prozent seiner Umsätze macht Enel nun außerhalb Italiens.

Doch im Heimatland Italien kommt Enel das chaotische italienische Rechtssystem zugute. Auf kommunaler Ebene zählen die Beschlüsse der Regierung nur wenig - denn für Projekte ist letztlich die Genehmigung der Gemeinden entscheidend. Und die legen sich gerne quer. "In Italien ist es sehr schwierig, jedes Projekt umzusetzen", sagt WestLB-Analystin Katharina Cholewa. Das sorgt für Stillstand in der Energiepolitik - und gleichzeitig für gute Geschäfte der Versorger.

Mit Kohlekraftwerken in die Zukunft

Zwar wird im Südosten von Italien ein größerer Teil des Stromes durch Windräder erzeugt - zu Preisen, die deutlich unter dem landesüblichen Niveau liegen. Leitungen von Süd nach Nord würden den Wettbewerb innerhalb Italiens erhöhen und die Preise senken. Doch diese Vorhaben scheitern am Veto der Kommunen, die keine Hochspannungsleitungen genehmigen wollen.

Die Folge der Blockadepolitik sind vier relativ abgeschottete Märkte innerhalb Italiens. Auf den italienischen Inseln verdient Enel deshalb mit alten Kraftwerken weiterhin viel Geld - weil Neubauten Jahre brauchen, bis sie genehmigt werden. "Enel kommt zugute, das es hier so wenig Fortschritte gibt", meint Cholewa.

Selbst Italiens Abkehr vom Wiedereinstieg in die Atomkraft dürfte Enel zu seinem Vorteil ummünzen können. Derzeit stammen rund 60 Prozent von Enels Stromerzeugung aus Gaskraftwerken. Diese Abhängigkeit von einem Energieträger will Enel-Chef Fulvio Conti in den nächsten Jahren verringern. Und dazu setzt er paradoxerweise auf einen Energieträger, der punkto Umweltverschmutzung einen schlechten Ruf hat: Auf den Neubau von Kohlekraftwerken. In Italien haben Kohlekraftwerke derzeit nur einen Anteil von 13 Prozent an der Stromproduktion, im EU-Raum sind es 30 Prozent. Da sieht Enel offenbar durchaus Potenzial. "Wir sind dabei, mit Erdöl betriebene Kraftwerke in hocheffiziente Kohlekraftwerke umzubauen", sagte Conti vor kurzem.

Die Logik dahinter verrät er allerdings nicht so offen. Strom aus alternativen Energieträgern zu erzeugen ist vergleichsweise teuer. Und der Zickzack-Kurs der italienischen Regierung macht solche Investments unsicher. Erst kürzlich wurden die Einspeisevergütungen für Solaranlagen im Süden um 30 Prozent gesenkt. Wegen des starken Ausbaus alternativer Energien in Europa sind die Preise für CO2-Zertifikate aber europaweit relativ niedrig - und werden das wohl auch noch einige Jahre bleiben. Damit lohnt es sich für Enel, vergleichsweise billige´Kohlekraftwerke hochzuziehen.

Möglichst wenig Risiko bei erneuerbaren Energien

Zumal Enel bei neuen Kraftwerken ohnedies in Zeiträumen von Jahrzehnten denken muss, wie ein Beispiel zeigt. Nach jahrelangen Bemühungen hatte Enel im Jahr 2009 von der italienischen Regierung sämtliche Genehmigungen erhalten, um ein altes Ölkraftwerk in Porto Tolle in ein hochmodernes Kohlekraftwerk umzubauen. Die zwischen Venedig und Ravenna gelegene Anlage soll zu Enels Vorzeigeprojekt werden: Enel verspricht geringe CO2-Emissionen, da ein Teil des ausgestoßenen Kohlendioxid unterirdisch gespeichert werden soll.

Doch die lokale Regierung und Greenpeace legten Einspruch gegen das Projekt ein. Sie argumentierten, dass die Errichtung eines Kohlekraftwerks höhere CO2-Emissionen erzeuge als die Investitionssumme in die Stromerzeugung aus alternativen Energieträgern zu stecken. Italiens Höchstgericht gab der Klage statt und hob die staatliche Genehmigung im Mai 2011 auf. Da Enel gegen den Spruch des Höchstgerichts keinen Einspruch einlegen kann, steht das Projekt nun wieder ganz am Anfang. Gelöst ist das Problem damit aber nicht. Enel produziert weiter vergleichsweise billigen Strom aus dem längst abgeschriebenen Ölkraftwerk.

Dabei investiert Enel wie viele andere Versorger in Europa in die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Die Tochter Enel Green Power, die vor kurzem an die Börse ging, zählt europaweit zu den größeren Playern. Bis 2015 will Enel Green Power 6,4 Milliarden Euro in den Ausbau der Stromgewinnung aus Wind, Sonne, Wasserkraft und Biomasse investieren. Allerdings geht Enel anders vor als etwa deutsche Versorger. Die Italiener stecken ihr Geld stärker in Projekte außerhalb ihres Heimatlandes und sind in Spanien und Lateinamerika stark vertreten.

Enel bleibt wohl in der Hand des italienischen Staates

Dabei verlassen sie sich weniger auf Projekte mit Einspeisetarifen, die zwar höhere Renditen bringen, deren Vergütungen aber von Regierungen leicht gekürzt werden können. Stattdessen setzen sie auf Projekte, die auf Ausschreibungen basieren. "Enel hat sich eine etwas nachhaltigere Strategie bei erneuerbaren Energien gesucht, macht damit aber weniger Profite", sagt Cholewa.

Vor einer möglichen Abwertung des eigenen Ratings im Zuge der italienischen Schuldenkrise muss auch Enel nicht allzu viel Angst haben. Eine gesunkene Bonitätsbewertung könnte das Enel zwar mit 100 bis 200 Millionen Euro pro Jahr belasten. Das könnte Enel aber mit dem Verkauf von Beteiligungen an ausländischen Kraftwerken kompensieren. Seine hohen Schulden, die noch aus dem Übernahmekampf um Endesa stammen, hat der Konzern im letzten Jahr verringert. Der Verkauf bulgarischer Kraftwerke senkte die Schulden im Jahr 2011 um 11 Prozent auf 44,9 Milliarden Euro, im laufenden Jahr will Enel seine Schuldenlast auf 39 Milliarden Euro reduzieren.

Ebenso wie bei Eni rechnen Experten auch nicht damit, dass sich der italienische Staat allzu rasch von seinem 31-Prozent-Anteil an dem Energieversorger trennt. Viele lokale Energieversorger wären da wohl eine Tranche früher dran, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Sollte die italienische Haushaltskrise zu niedrigeren Wachstumsraten im Land führen, hat Enel selbst im operativen Geschäft zu Hause nicht viel zu befürchten. Die Prognose für den heimischen Markt sieht nur ein Wachstum von einem Prozent vor. "Fundamental habe ich da gar nichts zu meckern", sagt eine Branchenkennerin. Es sieht so aus, als hätten Italiens Umsatz-Schwergewichte viel besser für magere Zeiten in der Heimat vorgesorgt als ihre Regierung.

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