Wegen Atomwende RWE-Chef Grossmann erwägt Kapitalerhöhung

Es ist ein deutliches Signal: Weil der Stromriese RWE die Milliardenlast aus dem Atomausstieg nur schwer in den Griff zu bekommen glaubt, steuert RWE-Chef Jürgen Grossmann jetzt gegen. Der Ruhrgebietskonzern erwägt offenbar eine Kapitalerhöhung. An der Börse bricht der Kurs der RWE-Aktie ein.
RWE-Zentrale in Essen: Konzern drücken Schulden in Höhe von 27 Milliarden Euro

RWE-Zentrale in Essen: Konzern drücken Schulden in Höhe von 27 Milliarden Euro

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Essen - Der Energiekonzern RWE lotet eine Kapitalerhöhung aus. Die bisherigen Sparpläne reichten vermutlich nicht aus, um die Ratingagenturen von der finanziellen Stärke des Versorgers zu überzeugen, sagte Vorstandschef Jürgen Großmann auf einer Sitzung des Konzernbeirats. Deshalb werde im August mit dem Aufsichtsrat über die Möglichkeit einer Kapitalerhöhung und Firmenverkäufe beraten, die über das bisher geplante Maß hinausgehen könnten.

Die Ankündigung hat sich sofort an der Börse bemerkbar gemacht. Der Aktienkurs des Unternehmens RWE  rutschte am Freitag um mehr als 4 Prozent auf rund 37 Euro ab und waren die mit Abstand größten Verlierer im Dax.

RWE drücken derzeit Schulden von mehr als 27 Milliarden Euro. Der zweitgrößte deutschen Versorger hatte deshalb bereits vor dem geplanten Atomausstieg die Anleger auf sinkende Gewinne vorbereitet, der Prozess dürfte sich nun noch beschleunigen. Denn mit den AKW Biblis A und B musste RWE jetzt zwei seiner fünf Meiler stilllegen, die zu den Gewinnbringern des Unternehmens gehörten. Analysten rechnen darum auch damit, dass RWE-Chef Großmann am 11. August, jenem Tag, an dem RWE über den Geschäftsverlauf im ersten Halbjahr 2011 Rechenschaft ablegen muss, seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr 2011 senken wird. Wenige Tage zuvor tritt der Aufsichtsrat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen.

Die Ratingagentur Standard & Poor's hatte kürzlich das Rating des Essener Konzerns heruntergestuft, und auch den Konkurrenten Eon aus dem nur 30 Kilometer entfernten Düsseldorf ins Visier genommen. Damit drohen den beiden größten deutschen Energieunternehmen und ihren Hunderttausenden Beschöftigten hierzulande höhere Refinanzierungskosten. "Umso wichtiger ist es, die bisher vorgesehenen Maßnahmen zur Stabilisierung der Bilanz zu konkretisieren und umzusetzen", sagte Großmann laut Redetext am Donnerstag vor dem RWE-Beirat, dem mehr als 100 Bürgermeister und Landräte angehören.

Den vielfach klammen Kommunen, die rund 25 Prozent an dem Unternehmen halten, dürfte es schwer fallen, bei einer Kapitalerhöhung mitzuziehen. Ruhrgebietsstädte wie Dortmund, Essen oder Mülheim sind hoch verschuldet. Aus ihren Kreisen war jedoch zu hören, dass sie die Pläne zumindest nicht torpedieren würden. "Die Stadt Dortmund sperrt sich nicht, wenn RWE aus unternehmenspolitischen Gründen eine Kapitalerhöhung erwägt", sagte ein Sprecher der Kommune. Im diesem Fall würde die Stadt versuchen, ihren Einfluss und die steuerliche Position der Anteilseigner mit abzusichern. Offen sei aber, ob dies über eine Beteiligung an der Kapitalerhöhung oder andere Möglichkeiten geschehen würde. Dortmund hält 3,5 Prozent der RWE-Anteile.

Wie ein mit der Situation vertrauter Banker sagte, gibt es für eine Kapitalerhöhung noch kein Mandat für eine Bank. In den vergangenen Wochen hatten Analysten darüber spekuliert, ob der Konzern neue Aktien ausgeben könnte, um seine Bilanz zu verbessern.

"Wir würden eine Kapitalerhöhung insgesamt nicht ausschließen, erwarten diese aber nicht kurzfristig", hieß es in einem Marktkommentar am Freitag. Als mögliches Volumen nannten Experten drei Milliarden bis fünf Milliarden Euro. Die Höhe einer möglichen Kapitalerhöhung dürfte letztlich davon abhängen, wie schnell Großmann mit den geplanten Verkauf von Firmenbeteiligungen vorankommt.

Der Manager hat angekündigt, binnen drei Jahren Unternehmensteile im Wert von bis zu acht Milliarden Euro abzustoßen. Es wird damit gerechnet, dass der Konzern in Kürze den Verkauf von rund 75 Prozent seiner Anteile an der Stromnetztochter Amprion unter Dach und Fach bringt. Den Anteil von 24,9 Prozent an den Berliner Wasserbetrieben hat RWE ebenfalls zur Disposition gestellt. Kreisen zufolge spielt der Großmann auch einen Verkauf der britischen Tochter Npower durch.

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