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Traumziel Amerika: Welche deutschen Energiefirmen auf den Erfolg in den USA wetten

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US-Energiepolitik Deutsche Energiefirmen wagen den Hoffnungslauf

Riskante Wette auf Amerikas Wandlungswillen: Dutzende deutsche Windkraft- und Solarfirmen haben in den USA Werke hochgezogen, angelockt von dem riesigen Markt und der Hoffnung auf die Wende in der US-Energiepolitik. Doch obwohl das Geschäft bereits stockt, satteln die Firmen weiter drauf. 
Von Christine Mattauch

Fort Madison - Siemens ist schuld daran, dass Jim Jones die Metropole Houston, Texas, verließ und in die tiefste Provinz zog, genauer gesagt, in die Kleinstadt Fort Madison im Mittleren Westen. Rund 11.000 Einwohner, ein Mississippidampfer, ein Aldi und ein Zigarrenladen, der nebenher Waffen verkauft und Bier ausschenkt. Der Bezirk hatte bis vor kurzem die höchste Arbeitslosenquote in Iowa, ein Betrieb nach dem anderen hatte dichtgemacht. Doch nun gibt es wieder einen großen Arbeitgeber: Siemens eben.

Jones, ein stämmiger Mittfünfziger, leitet die große Rotorenfabrik, in der pro Jahr bis zu 2200 Blätter für Windturbinen hergestellt werden. Wie träge Wale liegen die 49 Meter langen, sanft geschwungenen weißen Flügel auf dem staubigen Hof des Werksgeländes. "Wir tun hier das Richtige für unser Land", sagt Jones mit dem Pathos, der vielen Amerikanern eigen ist.

Fort Madison ist Siemens  grünes Vorzeigeprojekt in den USA. Über 70 Millionen Dollar hat der Konzern in der strukturschwachen Region investiert, mehr als 700 Leute eingestellt und aufwendig geschult, zwei Drittel von ihnen waren zuvor arbeitslos. Selbst Präsident Barack Obama besuchte das Werk. Trotzdem ist Jones schmallippig, wenn die Rede auf die nächsten zwei, drei Jahre kommt. "Stabil" sei das Geschäft. Mehr nicht.

Wie Siemens haben in den vergangenen Jahren dutzende von deutschen Windkraft- und Solarunternehmen in den Vereinigten Staaten Produktionsstätten aufgezogen, angelockt von Steuervergünstigungen, einem riesigen Markt und der Hoffnung auf eine Wende in der amerikanischen Energiepolitik. Langfristig mag die Strategie aufgehen - doch vorerst ist vieles schwieriger als gedacht.

Riesensubventionen laufen aus

Die Preise der Konkurrenzenergie Erdgas sind gefallen, vielerorts fehlt es an Infrastruktur und politischer Rückendeckung für Renewables. "In den USA gibt es größte Unsicherheit bezüglich der künftigen Regulierung; die Politik konzentriert sich nicht genug auf erneuerbare Energien", kritisiert die Vereinigung World Wind Association in ihrem Energiereport 2010. Die Unternehmen brauchen einen langen Atem.

Gegenwärtig liegt der Marktanteil von Windenergie in Amerika zwischen ein und 2 Prozent, der von Solarenergie noch weit darunter. Zwar werden beständig neue Kapazitäten aufgebaut, jedoch mit großen Schwankungen: 2009 wurden Turbinen mit einer Leistung von rund zehn Gigawatt installiert - 2010 nur noch die Hälfte.

Ein Grund: Die großzügigen Direktzuschüsse von 30 Prozent, die Washington im Rahmen der Konjunkturförderung für neue Ökoenergieprojekte gewährt, laufen aus. Ob sie verlängert werden, klärt sich womöglich erst im Dezember. Fachleute kritisieren die kurzlebige Subventionspolitik: "Wir erzeugen Boom-and-Bust-Zyklen", sagt John Sheehan, wissenschaftlicher Direktor der Umweltinitiative Iree an der University of Minnesota in St. Paul, "die Branche braucht mehr Planungssicherheit."

Damit spricht der Experte vielen Unternehmen aus dem Herzen. Etwa der Rostocker Nordex , die in Jonesboro (Arkansas) ein Turbinenwerk baut. Seit Ende 2010 werden dort Triebwerksgondeln produziert, die Auslastung des Werks liegt vorerst bei mageren 40 Prozent. Den Aufbau einer weiteren Produktionslinie für Rotorblätter hat das Unternehmen zurückgestellt. "Es ist zurzeit schwer, Kunden zu gewinnen, die Windfarmen aufbauen möchten", sagt Investor-Relations-Manager Ralf Peters. Auch hier lähmt Unsicherheit die Branche: Produktionssubventionen sind bis 2012 befristet - Windräder aber laufen 20 Jahre und mehr.

Fehlende Abnahmebereitschaft für Ökostrom

Ohne Unterstützung aber sind die erneuerbaren Energien gerade in den USA nicht konkurrenzfähig. In den vergangenen Jahren wurden dort riesige Erdgasvorkommen entdeckt, der Gaspreis ist seither um ein Drittel gefallen. "Für Amerikas Verbraucher ist das eine gute Nachricht", sagt Henry Kelly, Abteilungsleiter im Energieministerium in Washington, "aber es macht es für Konkurrenzenergien wirtschaftlich schwer."

Erst kürzlich verweigerte sein Haus dem ersten Offshore-Projekt der USA, Cape Wind, eine Bürgschaft. Eine konkrete Begründung gab es nicht. Projektgegner glauben, dass der Betreiber zuwenig Interessenten für den teuren Ökostrom nachweisen konnte. "Die fehlende Abnahmebereitschaft ist derzeit die größte Barriere für Windkraft in den USA", heißt es in einer Branchenanalyse von Ernst&Young.

Von einem nationalen Konsens, der erneuerbaren Energien einen selbstverständlichen Platz einräumt, ist Amerika noch weit entfernt. Feste Einspeisevergütungen wie in Deutschland gibt es nicht. Statt dessen einen Flickenteppich unterschiedlicher Fördermaßnahmen in den Bundesstaaten: Kaliforniens Versorger müssen bis Ende 2020 ein Drittel ihrer Energien aus Ökoquellen beziehen. In Pennsylvania müssen sie bis zum 31. Mai 2021 einen Anteil von 18 Prozent vorweisen, Texas gibt 5880 Megawatt bis 2015 vor. Rund die Hälfte der Staaten tut nichts.

Ein weiteres Problem: Viele potenzielle Standorte von Windfarmen befinden sich weitab von Stromnetzen. Diese Infrastruktur zu schaffen, ist extrem teuer. In einem bizarren Schwarze-Peter-Spiel schieben Washington, Bundesstaaten, Versorger und Investoren die Verantwortung hin und her - derweil liegen Projekte auf Eis oder werden abgeblasen. Der zum Umweltschützer mutierte Ölmilliardär T. Boone Pickens etwa hat Pläne ad acta gelegt, in Texas den größten Windpark der USA zu errichten.

Energie eine Ware wie jede andere

Anbieter von Solarenergie stehen grundsätzlich vor den gleichen Problemen. Perspektiven sehen sie vor allem in den Sonnenstaaten der Westküste, zumindest dort, wo es Abnahmegarantien gibt. Die Bonner Solarworld AG  etwa, die 2006 Produktionsanlagen in Kalifornien und im Staat Washington übernahm und im vergangenen Jahr in Hillsboro (Oregon) 86 Millionen Euro in die Erweiterung eines Siliziumscheibenwerks investierte, will ihren US-Umsatz in diesem Jahr verdoppeln.

Biomasse hingegen sei in Verruf geraten, seit die zusätzliche Nachfrage vor allem nach Mais dazu beitrug, die Nahrungsmittelpreise in die Höhe zu treiben, sagt Experte Sheehan: "So lange dieses Problem nicht gelöst ist, werden wir nicht erleben, dass Biomasse eine größere Rolle bei der Energieversorgung spielt."

Doch auch Sonne und Wind sind nicht unumstritten. Für viele Amerikaner ist Energie eine Ware wie jede andere, und aus Steuern finanzierte Zuschüsse für den Privatsektor sind nicht erst seit den Hilfen für die Wall Street unpopulär. Zwar hat Obama Ende März einen Fahrplan für die Energiepolitik vorgelegt, den "Blueprint for a Secure Energy Future", und darin sein Ziel bekräftigt, bis 2035 vier Fünftel der Energie aus "sauberen" Energien zu erzeugen - wozu er freilich auch Kernkraft und vorgeblich umweltfreundliche Kohleverstromung zählt. "Wir arbeiten hart daran, ein Gesetz durch den Kongress zu bringen", sagt Ministerialdirigent Kelly. Doch die Mehrheitsverhältnisse machen das schwer, "nicht zuletzt wegen des Budgetdefizits", sagt John Sheehan. Und im Herbst beginnt bereits der Wahlkampf - eine durchgreifende Reform der Energiepolitik ist dann nicht mehr erwarten.

Trotzdem investieren die Deutschen in Amerika weiter. Die Hamburger Nordex hofft, die Anlage in Jonesboro bis 2012 komplett auslasten zu können. "Unsere Kunden haben honoriert, dass wir den Schritt in die USA gewagt haben", sagt Peters. Von Giganten wie General Electric , der sich im vergangenen Jahr mit 1679 neuen Windturbinen mehr als 50 Prozent des US-Marktes sicherte, will man sich durch Flexibilität bei der Umsetzung von Spezialwünschen abheben.

Siemens  wiederum, 2010 mit 360 Turbinen auf Platz zwei, setzt auf Effizienzsteigerung: Noch in diesem Jahr geht in Fort Madison die Produktion für 54 Meter lange Rotorblättern an den Start. Werkleiter Jim Jones jedenfalls hat sich auf einen längeren Aufenthalt in Iowa eingestellt: Er hat vor kurzem ein Haus gekauft.

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