Bundeskartellamt "Tankstellenbetreiber bilden Oligopol"

Für viele Autofahrer ist es offensichtlich, nun sieht es auch das Bundeskartellamt so: Die fünf größten Tankstellenbetreiber in Deutschland beherrschen den Markt - zum Schaden der Kunden. Das Oligopol führe immer wieder zu mysteriösen Preiserhöhungen für wenige Stunden.
Heftiger Preisanstieg: Die größten Tankstellen behindern laut Bundeskartellamt den Wettbewerb

Heftiger Preisanstieg: Die größten Tankstellen behindern laut Bundeskartellamt den Wettbewerb

Foto: Hanns-Peter Lochmann/ dpa

Berlin/Bonn - Fünf große Tankstellenketten diktieren Deutschlands Autofahrern die Benzinpreise: Nach Einschätzung des Bundeskartellamts haben es die Verbraucher im Tankstellengeschäft mit einem marktbeherrschenden Oligopol zu tun. Berichte der "Bild am Sonntag" und des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL über eine entsprechende Untersuchung bestätigte ein Kartellamtssprecher am Sonntag weitgehend. Demnach enthüllt die Untersuchung "Marktstrukturen, die dem Wettbewerb abträglich sind".

Oligopol bedeutet, dass die fünf großen Konzerne Aral/BP, Shell, Jet, Esso und Total den Markt mit einem Gesamtanteil von rund 70 Prozent beherrschen. "Wir haben schon seit längerem die Arbeitshypothese eines Oligopols", sagte der Sprecher der Nachrichtenagentur dpa. Die Ergebnisse der Untersuchung der Wettbewerbshüter unterstrichen, "dass es sich um ein solches handelt".

Dabei geht es nicht um die Methode der Preisgestaltung. "Wir haben uns nie mit dem Verdacht auf etwaige Preisabsprachen befasst, das ist eine andere Baustelle", sagte Weidner. "Es geht um die Marktstrukturen, und da muss man schauen, was man machen kann und ob man was machen kann." Für die Studie untersuchten Experten die Preisbewegungen von jeweils 100 Tankstellen in Hamburg, Köln, Leipzig und München von Januar 2007 bis Juni 2010. Der Abschlussbericht soll an diesem Donnerstag offiziell vorgestellt werden.

Nach Erkenntnissen der Behörde unterhielten alle großen Mineralölkonzerne ein Beobachtungs- und Meldesystem der Konkurrenz, berichteten die Blätter. Geheimabsprachen im Hinterzimmer würden so überflüssig. "Preise absprechen ist verboten, Preise abgucken nicht", zitierte "Bild am Sonntag" einen Manager der Mineralölwirtschaft.

Der Marktführer prescht vor, die anderen ziehen nach

Ein übliches Muster ist den Berichten zufolge, dass die Marktführer mit Preiserhöhungen vorpreschen, oft an Wochenenden, vor den Ferien oder vor Ostern. Andere ziehen nach, wenige Stunden später bröckelten die Preise aber wieder ab, weil vor allem mittelständische Anbieter oder Supermarktstationen dagegenhielten.

"Dass das Benzin bei großer Nachfrage teurer wird, ist für uns keine wahnsinnig neue Erkenntnis", sagte ein ADAC-Sprecher. "Aber die Einschätzung des Kartellamtes ist eine Aufforderung, den Mineralölkonzernen genau auf die Finger zu schauen." Erst Ende vergangenen Monats war der Benzinpreis in Deutschland auf ein Rekordhoch geklettert. Mit 1,62 Euro je Liter war Superbenzin im bundesweiten Durchschnitt am 29. April so teuer wie noch nie.

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sagte: "Es ist schon verwunderlich, dass unser Kartellamt jahrzehntelang braucht, um das herauszufinden, was jeder Führerscheinneuling weiß. Die Tankstellenbesitzer schauen zur Nachbartankstelle und geben den Preis an die Zentrale weiter." Diese setze dann den Kraftstoffpreis fest.

Nach Angaben des Kartellamts müssen die Konzerne weiter mit einer strengen Fusionskontrolle rechnen. "Eine weitere Konzentration werden wir nicht zulassen", zitiert der SPIEGEL Kartellamtspräsident Andreas Mundt. "Wir haben in der Vergangenheit schon Fusionen in diesem Bereich nur in sehr begrenztem Maße zugelassen oder gar untersagt, das heißt also, eine weitere Konzentration dieses Oligopols aufgehalten", erklärte zudem der Behördensprecher. "Diese Linie werden wir konsequent auch in der Zukunft weiter fortführen."

Der Auto Club Europa (ACE) forderte den Staat zum Eingreifen auf. "Mächtige Konzerne unterlaufen im Gleichschritt den Wettbewerb und benachteiligen damit die Verbraucher. Das darf die Bundesregierung nicht länger hinnehmen", sagte der ACE-Vorsitzende Wolfgang Rose. Zahlreiche Politiker hätten angesichts der hohen Benzinpreise in den vergangenen Monaten "den Mund ziemlich voll genommen". Jetzt gehe es darum, dass die Regierung zugunsten der Autofahrer tatsächlich für mehr Wettbewerb an den Zapfsäulen sorge.

nis/dpa-afx/rtr
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