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Selbst ist die Fabrik: Welche Firmen auf eigene Kraftwerke setzen

Atomausstieg Firmen bauen eigene Kraftwerke

Der geplante Atomausstieg lässt in vielen Unternehmen die Angst vor steigenden Strompreisen und Blackouts wachsen. Energieintensive Betriebe bauen deshalb zunehmend eigene Kraftwerke. Das schafft Sicherheit, belebt den Wettbewerb und erhält eine Firma mitunter dem Standort Deutschland.

Hamburg - Wenn Geschäftsführer Uwe Amann durch die Maschinenhalle der Spremberger Papierfabrik läuft, fällt sein Blick auf die gewaltigen Kühltürme des Braunkohlekraftwerks Schwarze Pumpe. Noch versorgen die Meiler des Energiekonzerns Vattenfall den Hersteller von jährlich 330.000 Tonnen Wellpappenrohpapier mit Energie - doch im kommenden Jahr soll damit Schluss sein. Die Papierfabrik im südlichen Brandenburg baut ihr eigenes Kraftwerk.

Ein 24 Meter hohes Brennstofflager steht schon, ab Sommer montieren Arbeiter die Kesselgerüste. "Die Versorgung über ein eigenes Kraftwerk ist effizienter und deshalb wirtschaftlich sicherer", sagt Amann. Die mit Gewerbeabfällen gespeiste Anlage wird über eine elektrische Leistung von knapp 20 Megawatt und eine thermische Leistung von 110 Megawatt verfügen. Damit soll das 140 Millionen Euro teure Bauwerk den gesamten Wärme- und 70 Prozent des Strombedarfs in der Fabrik decken.

Ähnliche Pläne hegt derzeit eine wachsende Zahl von Industriebetrieben, da die Unsicherheit um steigende Strompreise einen neuen Höhepunkt erreicht. Weil die Bundesregierung angesichts der Nuklearkatastrophe die deutschen Atomkraftwerke abschalten will, wächst mancherorts zudem die Sorge vor Blackouts.

Blockheizkraftwerke, aber auch Windkraftanlagen sind im Kommen

"Vielen Unternehmen ist es vor diesem Hintergrund wichtig, über eigene Kapazitäten zu verfügen und nicht auf Dritte angewiesen zu sein", sagt Energieberater Gerald Menzler vom Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK). "Das Interesse an diesen Anlagen nimmt zu - bei großen und kleinen Firmen."

Meist setzen die Firmen wie in Spremberg auf Blockheizkraftwerke, die auch mit anderen Brennstoffen betrieben werden können. So nutzt BMW  in seinem Leipziger Werk Gas für das 2009 gestartete Kraftwerk. Die Anlagen lassen sich rund um die Uhr zuverlässig betreiben und nutzen die eingesetzte Energie zu etwa 90 Prozent aus. Volkswagen  will indes Windkraftanlagen bauen, um mit dem Strom Gas zu erzeugen.

Künftige Belastungen aus dem Handel mit Kohlendioxidzertifikaten und die gesetzliche Förderung nach dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz eingerechnet, lohnen sich Blockheizkraftwerke angesichts steigender Strompreise häufiger, sagt Menzler. "Eine KWK-Anlage amortisiert sich oft bereits nach zweieinhalb Jahren."

Firmeneigene Dampf- und Stromkraftwerke sind nicht neu in Deutschland. Eine derartige Anlage unterhält beispielsweise Daimler  am Werk Sindelfingen seit 1960. Sie wird gerade für 38 Millionen Euro modernisiert. BASF  unterhält in Ludwigshafen einen regelrechten Kraftwerkspark. Im Jahresmittel versorgt sich das Werk laut Unternehmensangaben zu 100 Prozent selbst - mit 19,5 Millionen Tonnen Dampf und 6,5 Millionen Megawattstunden Strom. Die Anlagen sparen dem Konzern 200 Millionen Euro im Jahr ein.

Trend zur Selbstversorgung treibt Energiekonzerne in die Enge

Schon 2008/2009 hatten sich viele Firmen wegen steigender Strompreise verstärkt für Blockheizkraftwerke interessiert. Ein weiterer Anreiz sind staatliche Förderungen. Die Bundesregierung plant, den Anteil von Strom aus Kraft-Wärme-Kopplung bis 2020 von derzeit etwa 13 auf 25 Prozent zu erhöhen.

Vor allem Betriebe aus energieintensiven Branchen rechnen nun erneut genau nach. "Angesichts der Energiedebatte nach dem Nuklearunfall in Fukushima holen viele Firmen ihre Pläne wieder aus der Schublade", sagt Referent Wulf Binde vom Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung.

Voraussetzung für ein lohnendes Investment ist meist, dass eine Fabrik bei der Produktion auf heißen Dampf, so genannte Prozesswärme angewiesen ist. Bei der Papierherstellung ist das der Fall, aber auch in der metallverarbeitenden Industrie, bei Brauereien oder in der Nahrungsmittel- sowie der Chemiebranche. BASF benötigt Dampf für nahezu alle Produktionsschritte. Der Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung sieht noch erhebliches Potenzial in der Industrie für neue Anlagen.

Energieberater: "Anlagen schaffen Gegengewicht zu Großversorgern"

Angestammte Kraftwerksbetreiber sehen die Entwicklung mit unguten Gefühlen. "Wir bedauern das und hätten die Kooperation mit der Papierfabrik gern fortgeführt", sagte ein Vattenfall-Sprecher zum Verlust des Großkunden. Bis zuletzt habe man versucht, dem Industriebetrieb verbesserte Konditionen anzubieten. Die Papierfabrik hatte beklagt, die Preise für Wärme hätte sich zuvor verdoppelt.

"Die verstärkte Nutzung von Kraft-Wärme-Kopplung schafft ein deutliches Gegengewicht zur Marktmacht der großen Energieversorger", sagt VIK-Mann Menzler. Viele Firmen hoffen, dass sich die erwartete Strompreissteigerungen etwas reduzieren.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) geht davon aus, dass ein Atomausstieg bis 2017 die Stromkosten für Industrie und Gewerbe um 23,5 Milliarden Euro steigen ließe. Ein typischer Kunde mit einem Verbrauch von zwei Gigawattstunden im Jahr würde demnach Mehrkosten von 22.000 Euro schultern müssen - zusätzlich zu 50.000 Euro, die mit dem im Herbst 2010 verabschiedeten Energiekonzept der Bundesregierung verbunden sind.

EEG-Umlage wird nicht fällig

Dabei belasten die Firmen nicht nur potenziell steigende Preise bei der Erzeugung. Ein Dorn im Auge ist gerade energiehungrigen Betrieben die EEG-Umlage, mit der alle privaten und gewerblichen Stromverbraucher den Ausbau der erneuerbaren Energien finanzieren. Auch wenn das wachsende Ökostromangebot den Börsenpreis dämpft, lastet die zuletzt von 2 auf 3,53 Cent pro Kilowattstunde gestiegene Umlage auf den Unternehmensbilanzen.

Nach Angaben des Bundesverbandes der deutschen Gießerei-Industrie verschlingt die Abgabe bis zu 50 Prozent des Gewinns einzelner Unternehmen. Die steigende Abgabe ist indes ein weiterer Anreiz, ein eigenes Kraftwerk in Betrieb zu nehmen: Auf selbst erzeugten Strom aus der Kraft-Wärme-Koppelung fällt die Abgabe nicht an.

In Spremberg rettet das neue Kraftwerk jedenfalls womöglich zahlreiche Arbeitsplätze. "Aufgrund der steigenden Energiepreise herrscht in der Branche große Besorgnis darüber, ob die Produktion in Deutschland noch wirtschaftlich ist", sagt Papierfabrik-Geschäftsführer Amann. Die erhofften Einsparungen hätten jedenfalls die Entscheidung erleichtert, auch künftig in der Lausitz das Papier vom Band rollen zu lassen.

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