Donnerstag, 19. September 2019

Kundenschwund Zehntausende wenden sich von Vattenfall ab

Protest an der Hamburger Vattenfall-Zentrale: Der Versorger leidet unter seinem schlechten Image

Der Energiekonzern Vattenfall verliert angesichts der Atomdebatte viele Kunden. Zehntausende wollen zu Ökostromfirmen wechseln, hat eine Umfrage von manager magazin unter Anbietern grüner Energie ergeben. Vattenfall ist stärker betroffen als andere Versorger und stemmt sich mit eigenen Ökotarifen gegen sein mieses Image.

Hamburg - Seit der Nuklearkatastrophe ist Vattenfall-Europe-Chef Tuomo Hatakka für viele Kernkraftgegner und manche Boulevardzeitung nur noch der "Atom-Bonze". Derart tituliert, prangte sein Konterfei beispielsweise auf der Titelseite der "Hamburger Morgenpost". Hatakka und die ebenfalls abgebildeten Chefs der anderen großen Versorger Eon, RWE und EnBW verhinderten den Atomausstieg, so der Vorwurf.

Der öffentliche Entrüstungssturm zeigt Wirkung. Vattenfall laufen seit dem 11. März Zehntausende Stromkunden davon, hat eine Umfrage von manager magazin unter Ökostromanbietern ergeben. Allein zu den Konkurrenten Lichtblick, Greenpeace Energy, Naturstrom, Hamburg Energie und Lekker Strom wollen demnach etwa 30.000 Vattenfall-Kunden wechseln. Konfrontiert mit den Angaben, betont ein Vattenfall-Sprecher gegenüber manager magazin, eine große Wechselwelle könne der Konzern bisher nicht erkennen.

Vattenfall ist aber offenbar stärker betroffen als die anderen Versorger. Je nach Anbieter begrüßen die grünen Stromanbieter aktuell zwischen 10 und mehr als 50 Prozent ihrer Neukunden von der deutschen Tochter des schwedischen Konzerns. Dabei hat der Versorger mit seinen bundesweit 2,8 Millionen Privatkunden nur einen Marktanteil von gut 6 Prozent. Vattenfall ist an den norddeutschen Kernkraftwerken Brokdorf, Brunsbüttel und Krümmel beteiligt.

Problematisch ist für Vattenfall, dass das Unternehmen den Großteil seiner Kunden in Hamburg und Berlin hat, wo die Schweden nach der Privatisierung der städtischen Betriebe HEW und Bewag die Rolle des Grundversorgers ausfüllen. Und ausgerechnet in den beiden größten deutschen Städten sind die Stromverbraucher besonders atomkritisch und daher wechselwillig.

Hamburg und Berlin sind Wechselhochburgen

Einer Erhebung des Vergleichsportals Verivox zufolge unterschreiben in Berlin 87,9 Prozent der Tarifwechsler einen Ökostromvertrag, in Hamburg sind es 93,3 Prozent. Und obwohl auch Vattenfall Tarife für Strom aus vollständig regenerativen Quellen anbietet, stehen zahlreiche Verbraucher dem Unternehmen skeptisch gegenüber.

"Die Kunden wollen nicht, dass ihr Geld über die Stromrechnung in die Atomenergie fließt", beschreibt ein Sprecher von Greenpeace Energy die Motivation seiner Neukunden. Seit dem 11. März hätten 1230 Vattenfall-Kunden ihre Absicht bekundet, zu Greenpeace Energy zu wechseln - etwa 17 Prozent der knapp 7400 Kunden, die ihren bisherigen Versorger genannt haben.

Insgesamt verzeichnete Greenpeace einen Zulauf von 8500 Wechselwilligen. Von Eon Börsen-Chart zeigen, RWE Börsen-Chart zeigen und EnBW Börsen-Chart zeigen kommen den Angaben des Sprechers zufolge deutlich weniger Interessenten als von Vattenfall. Bei anderen Anbietern ist das ähnlich.

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