Kundenschwund Zehntausende wenden sich von Vattenfall ab

Der Energiekonzern Vattenfall verliert angesichts der Atomdebatte viele Kunden. Zehntausende wollen zu Ökostromfirmen wechseln, hat eine Umfrage von manager magazin unter Anbietern grüner Energie ergeben. Vattenfall ist stärker betroffen als andere Versorger und stemmt sich mit eigenen Ökotarifen gegen sein mieses Image.
Protest an der Hamburger Vattenfall-Zentrale: Der Versorger leidet unter seinem schlechten Image

Protest an der Hamburger Vattenfall-Zentrale: Der Versorger leidet unter seinem schlechten Image

Foto: A3912 Marcus Brandt/ dpa

Hamburg - Seit der Nuklearkatastrophe ist Vattenfall-Europe-Chef Tuomo Hatakka für viele Kernkraftgegner und manche Boulevardzeitung nur noch der "Atom-Bonze". Derart tituliert, prangte sein Konterfei beispielsweise auf der Titelseite der "Hamburger Morgenpost". Hatakka und die ebenfalls abgebildeten Chefs der anderen großen Versorger Eon, RWE und EnBW verhinderten den Atomausstieg, so der Vorwurf.

Der öffentliche Entrüstungssturm zeigt Wirkung. Vattenfall laufen seit dem 11. März Zehntausende Stromkunden davon, hat eine Umfrage von manager magazin unter Ökostromanbietern ergeben. Allein zu den Konkurrenten Lichtblick, Greenpeace Energy, Naturstrom, Hamburg Energie und Lekker Strom wollen demnach etwa 30.000 Vattenfall-Kunden wechseln. Konfrontiert mit den Angaben, betont ein Vattenfall-Sprecher gegenüber manager magazin, eine große Wechselwelle könne der Konzern bisher nicht erkennen.

Vattenfall ist aber offenbar stärker betroffen als die anderen Versorger. Je nach Anbieter begrüßen die grünen Stromanbieter aktuell zwischen 10 und mehr als 50 Prozent ihrer Neukunden von der deutschen Tochter des schwedischen Konzerns. Dabei hat der Versorger mit seinen bundesweit 2,8 Millionen Privatkunden nur einen Marktanteil von gut 6 Prozent. Vattenfall ist an den norddeutschen Kernkraftwerken Brokdorf, Brunsbüttel und Krümmel beteiligt.

Problematisch ist für Vattenfall, dass das Unternehmen den Großteil seiner Kunden in Hamburg und Berlin hat, wo die Schweden nach der Privatisierung der städtischen Betriebe HEW und Bewag die Rolle des Grundversorgers ausfüllen. Und ausgerechnet in den beiden größten deutschen Städten sind die Stromverbraucher besonders atomkritisch und daher wechselwillig.

Hamburg und Berlin sind Wechselhochburgen

Einer Erhebung des Vergleichsportals Verivox zufolge unterschreiben in Berlin 87,9 Prozent der Tarifwechsler einen Ökostromvertrag, in Hamburg sind es 93,3 Prozent. Und obwohl auch Vattenfall Tarife für Strom aus vollständig regenerativen Quellen anbietet, stehen zahlreiche Verbraucher dem Unternehmen skeptisch gegenüber.

"Die Kunden wollen nicht, dass ihr Geld über die Stromrechnung in die Atomenergie fließt", beschreibt ein Sprecher von Greenpeace Energy die Motivation seiner Neukunden. Seit dem 11. März hätten 1230 Vattenfall-Kunden ihre Absicht bekundet, zu Greenpeace Energy zu wechseln - etwa 17 Prozent der knapp 7400 Kunden, die ihren bisherigen Versorger genannt haben.

Insgesamt verzeichnete Greenpeace einen Zulauf von 8500 Wechselwilligen. Von Eon , RWE  und EnBW  kommen den Angaben des Sprechers zufolge deutlich weniger Interessenten als von Vattenfall. Bei anderen Anbietern ist das ähnlich.

Dramatischer Vertrauensverlust bei den Kunden

Noch deutlich höher ist die Vattenfall-Quote naturgemäß bei Stromanbietern, die sich auf Hamburg und Berlin konzentrieren. Zum städtischen Anbieter Hamburg Energie sind seit dem 11. März 7000 Stromverbraucher gewechselt, mehr als die Hälfte komme von Vattenfall, sagte ein Hamburg-Energie-Sprecher. Auch der Anbieter Lichtblick schöpft bei seinen bundesweit 20.000 Neuinteressenten seit März kräftig aus dem Vattenfall-Reservoir: Fast ein Drittel - 5800 - kommen von den Schweden.

In Berlin ist Lekker Strom der härteste Konkurrent von Vattenfall. Das Unternehmen verzeichnet seit Beginn der Nuklearkatastrophe nach eigenen Angaben hohe Zuwachsraten. Genaue Zahlen will das Unternehmen nicht nennen, doch aus Firmenkreisen ist zu hören, dass sich im März und April jeweils Vattenfall-Kunden in hoher vierstelliger Zahl für einen Lekker-Vertrag entschieden haben. Bundesweit kommt nach offiziellen Angaben jeder fünfte Kunde von Vattenfall zu Lekker.

Tausende Vattenfall-Kunden wechseln offenbar auch zu Naturstrom. Das Unternehmen hat seine Kundenzahl seit dem 11. März nach eigenen Angaben um 50.000 auf 150.000 gesteigert. Etwa 5000 kommen aus Berlin, 1700 aus Hamburg, wo Vattenfall nach eigenen Angaben Marktanteile von 76 und 81 Prozent hält.

Eigene Ökostromtarife verhindern Exodus

Ein Sprecher von Vattenfall wollte die Zahlen zu wechselwilligen Kunden gegenüber manager magazin nicht kommentieren. Als Altversorger habe ein Unternehmen keine Kenntnis darüber, wohin abtrünnige Kunden wechseln.

Allerdings bemerken Stromversorger einen Kundenexodus wegen des bürokratischen Wechselvorgangs oft erst mit Verzögerung. Im Jahr 2007 verlor Vattenfall fast 200.000 deutsche Kunden, als das Unternehmen die Preise erhöht hatte.

Nun arbeitet der Versorger mit Hochdruck daran, Verluste in den Kernmärkten in Grenzen zu halten und bundesweit neue Kunden zu gewinnen. "Unsere eigenen Ökostromtarife mildern Kundenverluste deutlich ab", sagte der Vattenfall-Sprecher. Konkrete Zahlen nannte er nicht. Meistens kommen die Grünstromkunden allerdings aus einem anderen Vattenfall-Tarif.

Dass Vattenfall und die anderen großen Stromversorger im Kampf um die Endkunden noch manchen Zahn zulegen müssen, zeigt eine Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, die manager magazin in Auszügen vorliegt. Demnach stecken die Unternehmen in einer tiefen Vertrauenskrise. Vattenfall halten die Verbraucher beispielsweise nur für halb so vertrauenswürdig wie den städtischen Anbieter Hamburg Energie.

Zu den vertrauenswürdigsten Firmen zählen Lichtblick und die Stadtwerke München. Letztere sind zwar an einem Atomkraftwerk beteiligt, wollen ihren Strommix aber radikal umbauen. Dazu zählt auch ein vollständiger Ausstieg aus der Kernenergie.

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