Ein Jahr nach Deepwater Horizon Die drei 40-Milliarden-Dollar-Probleme von BP

BP rechnet mit 40 Milliarden Dollar an Strafgeldern und Schadensersatz, hofft auf 40 Milliarden Dollar an  für sich selbst und feilscht um eine bis zu 40 Milliarden Dollar teure Erlaubnis, in der russischen Arktis nach Öl und Gas zu bohren. Ein Konzern zwischen Hoffen und Bangen.
Von Kristian Klooß
Eine Bohrinsel von British Petroleum (BP) im Golf von Mexiko. Ab Juli darf BP wieder bohren

Eine Bohrinsel von British Petroleum (BP) im Golf von Mexiko. Ab Juli darf BP wieder bohren

Foto: epa British Petroleum Handout/ picture alliance / dpa

Hamburg - Ein Jahr ist es her, dass auf der Ölplattform Deepwater Horizon eine Fontäne aus Schlamm, Gas und Öl aus einem anderthalb Kilometer tiefen Bohrloch schoss, sich zu einem Feuerball entzündete, explodierte. Elf Arbeiter starben. Noch in 40 Kilometern Entfernung sahen die Fischer an der US-Küste die 75 Meter hohe Flammensäule. Zwei Tage später, am 22. April 2010, versank die 121 Meter lange, 78 Meter breite und 41 Meter hohe Ölplattform in der Tiefsee. Ihr Betreiber, der britische Energiekonzern BP, brauchte drei Monate, um das lecke Bohrloch am Grund des Golfs von Mexiko zu schließen. Rund 780 Millionen Liter Erdöl waren da bereits ins Meer geflossen. Eine Menge mit der ein vier Meter tiefes Schwimmbad mit vier je 440 Meter langen Beckenrändern gefüllt werden könnte.

Ein Jahr später erinnert kaum noch etwas an die Katastrophe. Die Ölklumpen an den Küsten Louisianas, Mississippis und Alabama wurden eingesammelt. Floridas Strände strahlen in der Sonne. Vögel gleiten über die Wellen. Fischer werfen ihre Netze aus. Anfang April hat BP die Reinigungsarbeiten offiziell für beendet erklärt.

Doch der Schein trügt. Denn die Folgen der Katastrophe durchtränken und verkleben das Tagesgeschäft des Ölgiganten bis heute.

So wurden bislang Entschädigungsgelder in Höhe von rund 2,6 Milliarden Euro an rund 175.000 Ölpestopfer ausgezahlt. Sie stammen aus einem von BP selbst eingerichteten 13,7-Milliarden-Euro-Kompensationsfonds. Noch bis August 2013 sollen aus diesem Fonds Entschädigungen gezahlt werden. Bis heute haben Anwohner, Fischer, Reiseanbieter und andere Betroffene gut 850.000 Anträge eingereicht. Rund 300.000 Anträgen gab der von der US-Regierung verwaltete Fonds bislang statt. Der Regierungsbeauftragte Kenneth Feinberg erwartet, dass die Entschädigungen in Summe knapp sieben Milliarden Dollar betragen werden.

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Dabei hat BP durchaus ein Interesse daran, dass möglichst schnell möglichst viele Entschädigungsanträge abgearbeitet werden. Was daran liegt, dass die Einmalzahlungen mit einem anschließenden Klageverzicht der Entschädigten verknüpft sind. Der Deal: Jede Person, die sich auf den Verzicht einlässt, erhält pauschal gut 3400 Euro, jedes Unternehmen gut 17.000 Euro.

An die US-Regierung hat BP außerdem schon 480 Millionen Euro für die Bewältigung der Folgen der Ölpest überwiesen. 515 Millionen Euro zahlte der Konzern zusätzlich an mehrere US-Staaten, Landkreise und Gemeinden. Rund 7,5 Milliarden Euro kostete es BP darüber hinaus, das Bohrloch zu schließen und die sichtbaren Schäden zu beseitigen.

Ob diese Beträge ausreichen, um die entstandenen Schäden finanziell auszugleichen, ist allerdings fraglich. So hat beispielsweise das britische Wirtschaftsinstitut Oxford Economics allein den von der Ölpest verursachten Schaden für die Tourismusbranche im Süden der USA auf rund 15,8 Milliarden Euro taxiert.

Auf weitere Milliardenzahlungen haben sich die Briten daher längst eingestellt. Rund 40 Milliarden Dollar (27,5 Milliarden Euro) haben die Briten für die Gesamtkosten der Katastrophe zurückgelegt.

Denn bislang ist auch noch offen, wie hoch die Strafgelder sein werden, die die US-Regierung vom Konzern fordert. Experten schätzen die Strafkosten auf bis zu 15 Milliarden Euro. Klage hat die US-Regierung bereits im Dezember vergangenen Jahres eingereicht. Wie hoch die Strafe ausfällt, wird vor Gericht aber nicht vor 2012 entschieden. Dann nämlich beginnt frühestens der Prozess.

Alte Partner: Transocean wollte Chefs "Sicherheits"-Boni zahlen

Ebenso von der Klage betroffen sind andere am Unfall beteiligte Konzerne, allen voran Transocean als Eigner der Bohrinsel sowie Halliburton als Lieferant und Betreiber der Bohrausrüstung an Bord der Deepwater Horizon. Dass die Regierung Sie ebenso wie BP zu den Schuldigen der Ölpest zählt, stellte die von US-Präsident Barack Obama eingesetzte Untersuchungskommission in ihrem Ende Januar veröffentlichten Abschlussbericht fest.

Im Gegensatz zu BP schwappte die von den Medien vorangetriebene Protestwelle allerdings an Halliburton und Transocean vorbei. Für das erste Quartal meldete Halliburton zuletzt, dass sich der Gewinn mehr als verdoppelt hat. Als Grund gab das in Texas ansässige Unternehmen die deutlich höheren Umsätze an - eine Folge verstärkter Bohraktivitäten in Nordamerika.

Transocean indes hatte fast pünktlich zum Jahrestag der Explosion seiner Bohrinsel Deepwater Horizon einen Grund zu feiern: Die Plattform "Dhirubhai Deepwater KG2" bohrte vor der Küste Indiens 3107 Meter tief unter den Meeresspiegel - ein Weltrekord. Darüber hinaus hatte der Konzern mit Sitz im Schweizer Kanton Zug eigentlich geplant, seinem Konzernchef Steven Newman und vier weiteren Mitgliedern der Geschäftsleitung aufgrund der "besten Sicherheitsperformance in der Firmengeschichte" für das Jahr 2010 einen Sonderbonus zu zahlen. Erst nachdem es Proteste hagelte, entschieden sich die Manager, die rund 250.000 Dollar für einen Deepwater Horizon Memorial Fund zu spenden.

BP hat indes weiterhin großes Interesse daran, auch die ebenfalls an der Katastrophe beteiligten Plattformbetreiber, Ausrüster und Dienstleister für die entstandenen Kosten aufkommen zu lassen. So klagen die Briten jetzt, genau ein Jahr nach Beginn der Ölpest, gegenüber dem einstigen Partner Transocean eben jene Summe ein, die BP selbst als Unglückskosten beziffert - 40 Milliarden Dollar, also rund 27,5 Milliarden Euro. Eine weitere Klage reichte BP gegen das texanische Unternehmen Cameron International ein. Das Unternehmen hatte den so genannten "Blowout Preventer" hergestellt, der in Notsituation eigentlich den Ölfluss aus der Quelle hätte stoppen sollen.

Ein Blechdosenproduzent brachte dem Unternehmen 465 Millionen Euro ein

Schon im vergangenen Jahr hatte BP darüber hinaus eine Rechnung an das japanische Handelshaus Mitsui versendet. Nach Ansicht der Briten muss Mitsui einen Milliardenbeitrag zu den Kosten der Ölpest beitragen, da es einen Anteil von rund zehn Prozent an der Ölquelle hält. Die entsprechende Rechnung beträgt laut Berichten japanischer Medien knapp zwei Milliarden Euro.

Um die geschätzten 27,5 Milliarden Euro (40 Milliarden Dollar) Folgekosten der Katastrophe zu finanzieren, hat BP überdies inzwischen zahlreiche Beteiligungen verkauft. Dreiviertel des Betrags will der Konzern auf diese Weise aufbringen. Verkauft haben die Briten daher unter anderem die Mehrheit an der argentinischen Konzerntochter Pan America Energy für 4,8 Milliarden Euro an den Energiekonzern Bridas. In Alaska und Ägypten trennte sich BP für 4,8 Milliarden Euro von Projekten, die vom US-Explorationsunternehmen Apache übernommen wurden. In Kolumbien brachten Verkäufe von Ölfeldbeteiligungen an Wettbewerber rund 1,4 Milliarden Euro ein. Denselben Gesamtpreis erzielten Verkäufe in Vietnam und Venezuela. In Namibia, Botswana und Sambia veräußerte BP seine Benzin-Vermarktungstöchter an den Rivalen Puma Energy.

Und erst Anfang dieser Woche verkündete der Konzern den Verkauf seiner Tochter Arco Aluminium. Das Unternehmen mit Sitz in Louisville im US-Bundesstaat Kentucky produziert Mantelbleche für Getränkedosen. Die Verkäufer, ein Konsortium japanischer Konzerne, zahlen nach Angaben von BP rund 465 Millionen Euro in bar.

Mehr als 15 Milliarden Euro hat BP inzwischen durch Beteiligungsverkäufe eingenommen. Und auch im operativen Geschäft sieht sich der Ölkonzern, der nach der Katastrophe zeitweise als Pleitekandidat und Übernahmeziel galt, inzwischen wieder auf einem guten Weg. Zwar war der Unfall ein Debakel, der das Image ramponierte und den Börsenwert halbierte. Der dem Unternehmen zudem den ersten Verlust seit 1992 einbrachte - rund 5 Milliarden Dollar (3,4 Milliarden Euro). Doch schon im dritten Quartal 2010 schrieb BP wieder Gewinne. Im März dieses Jahres hat das Unternehmen rückwirkend für das letzte Quartal 2010 sogar schon wieder eine Dividende ausbezahlt. Sieben Cent gab es pro Aktie.

Neue Märkte: BP setzt auf Indien, Brasilien und Russland

Die lockere Geldpolitik der Amerikaner, die boomende Weltwirtschaft und die Revolten im Nahen Osten haben die Ölpreise in die Höhe getrieben. Und BP - in den Krisenregionen Nordafrikas wenig engagiert - profitiert davon. Weltweit liefert der Konzern dabei vor allem technisches Know-how, um Öl und Gas aus schwer zu erschließenden, meist von staatlichen Gesellschaften kontrollierten Ölfeldern an die Oberfläche zu pumpen.

Der seit Oktober amtierende BP-Chef Bob Dudley - er löste den glücklosen Tony Hayward ab - schlug inzwischen auch schon einige neue Wachstumspfade ein. So investierte Dudley knapp fünf Milliarden Euro in ein Joint-Venture mit dem indischen Petrokonzerns Reliance Industries. Gemeinsam wollen BP und Reliance vor Indien nach Öl und Gas bohren. Im März verkündete BP überdies den Kauf der Mehrheit am brasilianischen Biotreibstoffproduzenten CNAA für knapp 500 Millionen Euro.

Allem voran wollte Dudley seinem Konzern indes in Russland einen neuen Wachstumspfad erschließen. So verkündete er im Januar einen geplanten Aktientausch mit dem staatlichen russischen Ölkonzern Rosneft. Die Idee: Rosneft sollte 5 Prozent der BP-Anteile übernehmen, BP dafür 9,5 Prozent der Rosneft-Anteile. Im Gegenzug bekämen die Briten Zugriff auf die Öl- und Gasvorkommen, die in der russischen Arktis verborgen liegen. Experten schätzen die Größe der Ölvorkommen auf rund ein Fünftel der weltweiten Reserven.

Das Problem: Dudley überging bei dem Deal die eigene russische Konzerntochter TNK-BP, deren Chef er selbst einst war. Die mit 50 Prozent an TNK-BP beteiligte und von vier russischen Oligarchen kontrollierte Investorengruppe Alfa-Access-Renova (AAR) sprach sich prompt gegen den Deal aus. Der Grund: Die AAR-Eigner werfen Dudley vor, er habe gegen die Aktionärsvereinbarung verstoßen, der zufolge BP neue Öl- und Gasprojekte in Russland nur über das Joint-Venture TNK-BP verfolgen dürfe. Ein russisches Gericht gab AAR Ende März Recht.

Ab Juli darf wieder gebohrt werden

Zwar haben die russischen Investoren inzwischen laut Medienberichten signalisiert, das Gemeinschaftsprojekt von BP und Rosneft durchzuwinken; allerdings nur, wenn die Briten eine Ausgleichssumme zahlen. Die mögliche Summe, die von russischen Zeitungen bereits kolportiert wurde, dürfte aber wohl vor allem symbolischen Charakter haben - 40 Milliarden Dollar (27,5 Milliarden Euro).

Wie der Streit zwischen BP und den Oligarchen ausgeht wird sich voraussichtlich im Mai entscheiden. Dann läuft die mit Rosneft vereinbarte Frist für den Aktientausch aus. Kommt das Geschäft nicht zustande, wäre das wohl wichtigste künftige Wachstumsfeld für den Ölkonzern verbaut. Während die Trümmer im angestammten Nordamerikageschäft noch nicht beseitigt sind. Zwar hat der Konzern von den US-Behörden inzwischen wieder die Erlaubnis erhalten, von Juli an im Golf von Mexiko nach Öl zu bohren. In der Tiefsee nach neuen Quellen zu suchen, bleibt für die Briten bis auf Weiteres aber tabu.

Dass das BP-Management trotz der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko nie eine Einstellung von Tiefseebohrungen in Erwägung gezogen habe, betonte in dieser Woche im Übrigen der Verwaltungsratsvorsitzende des Konzern, Carl-Henric Svanberg. In einem Interview mit der schwedischen Tageszeitung "Svenska Dagbladet" verglich er den Konzern mit einer Fluglinie. "Wenn man einmal einen Unfall hatte, darf man sich keinen weiteren mehr leisten, sondern muss sich fortan auf strenge Sicherheitsvorkehrungen konzentrieren", sagte er.

Wie BP bis heute mit der Sicherheit hält, erfuhren jüngst 13.000 Personen, die den Konzern nach der Öl-Katastrophe verklagt hatten. Der Konzern teilte ihnen schriftlich mit, dass einer seiner Mitarbeiter einen Laptop mit ihren Namen, Adressen, Telefonnummern und Sozialversicherungsnummern verloren hatte. Von einem Missbrauch der Daten wisse der Konzern indes nichts, teilte BP mit. Die Daten seien ja auch durch ein Zugangspasswort geschützt gewesen.

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