Turbulente Hauptversammlung Atomstreit wirbelt RWE durcheinander

Angesichts der Reaktorkatastrophe in Japan gelten auch bei RWE alte Gewissheiten nicht mehr. Auf der Hauptversammlung des Energieversorgers rebellieren außer Umweltschützern Aktionärsvertreter verschiedener Couleur gegen den Atomkurs von Unternehmenschef Jürgen Großmann. Der wirkt genauso verunsichert wie die Investoren.
Gegenwind von Aktionären: RWE-Chef Großmann polarisiert mit seinem Pro-Atom-Kurs

Gegenwind von Aktionären: RWE-Chef Großmann polarisiert mit seinem Pro-Atom-Kurs

Foto: dapd

Hamburg - Keine drei Minuten hat Jürgen Großmann gesprochen, da postieren sich zu ersten Mal Personenschützer direkt vor seinem Rednerpult. "Klartext zu sprechen ist wichtiger denn je", hatte der RWE-Chef mit Blick auf die Atomdebatte seinen Aktionären zugerufen und so das Häuflein Demonstranten in der Essener Gruga-Halle provoziert. "Abschalten, abschalten", tönt es noch eine Weile immer wieder aus dem Auditorium.

Doch es sind nicht bloß die üblichen Verdächtigen, die auf der Hauptversammlung Zweifel am bisherigen Atomkurs und Großmann harter Haltung in der Debatte äußern. Quer durch ihre Reihen sind Aktionäre tief verunsichert zu der Frage, ob das Unternehmen mit seinem Park aus Atom- und Kohlemeilern jemals wieder an die goldenen Zeiten anknüpfen kann, die 2010 ihren Höhepunkt erreicht hatten. Im vergangenen Jahr verdiente der Konzern 3,8 Euro Milliarden Euro und schüttete etwa die Hälfte als Dividende unter seinen Anteilseignern aus.

"Wir werden unser Portfolio komplett ändern müssen", sagt beispielsweise der Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, Harald Petersen. "Die Frage ist, bis wann wir das schaffen, ohne das Unternehmen vorher zu ruinieren." Auch der Vertreter der Fondsgesellschaft Union Investment, Ingo Speich gibt sich pessimistisch: "Die nächsten Jahre werden für RWE  höchst ungemütlich."

Die Welt um RWE herum hat sich radikal geändert, und viele Aktionäre finden, dass Vorstandschef Großmann und seine Vorgänger den Wandel völlig unterschätzt haben. Die alte Welt aus Kohle und Kernkraft - sie funktioniert in Zeiten von Emissionshandel und Atomausstiegsdebatte nicht mehr reibungslos.

"Zeitbombe wird 2013 explodieren"

Ab übernächstem Jahr müssen Kraftwerksbetreiber für ihre sämtlichen Kohlendioxidemissionen Zertifikate ersteigern. "Diese Zeitbombe wird 2013 explodieren", warnt Speich. Der Anteil von CO2 produzierenden Kohlekraftwerken ist bei RWE besonders hoch.

Um das Risiko zu mindern, hatte Grossmann bisher voll auf die nahezu kohlendioxidfreie Kernenergie gesetzt. Die fünf Reaktorblöcke in Biblis, Gundremmingen und bei Lingen sollten die CO2-Bilanz verbessern.

Dass diese Rechnung angesichts der Atomdebatte wohl nicht aufgeht, erzürnt viele Investoren. "Das alles sind keine kurzfristigen Entwicklungen", sagt der von Londoner Pensionsfonds gesandte Hans-Christoph Hirt gegenüber manager magazin. Schon seit dem rot-grünen Ausstiegsbeschluss aus dem Jahr 2001 sei klar gewesen, dass mit der Atomkraft langfristig kein Staat mehr zu machen sei. RWE hätte stärker auf erneuerbare Energien setzen müssen.

Investor: "Hoffentlich kein Sarkophag für RWE nötig"

Wie die meisten Investoren betrachtet Hirt die Frage ganz pragmatisch-ökonomisch. Einen allzu raschen Atomausstieg hält er für Konzern und Land für gefährlich. Die harte Haltung Großmanns berge aber die Gefahr, dass sich das Unternehmen ins Abseits manövriere.

Konzernchef Großmann will sich all dies nicht vorhalten lassen. In einer Art energiepolitischem Grundkurs verweist er auf all die Schwierigkeiten, die ein schneller Atomausstieg hervorbringt: Es fehlen Netze, Grundlast ist mit Wind und Sonne noch nicht möglich, Stromimporte aus Tschechien und Frankreich sind unabdingbar. "Wir haben derzeit in Deutschland so viele Energieexperten wie sonst nur Bundestrainer", kritisiert er die, die einen schnellen Ausstieg für möglich und bezahlbar halten.

Ein schneller Ausstieg könne für die Industrie "einen langfristigen Auszehrungsprozess zur Folge haben - mit erheblichen Auswirkungen für Arbeitsplätze und Wohlstand." Reichlich verunsichert wirkt es daher, wie der RWE-Chef dennoch seine Gesprächsbereitschaft mit der Politik betont.

Angesichts der Kritik an der Unternehmensstrategie verweist Großmann in gewohnter Manier auf die zahlreichen Beschwernisse, die Politik, Weltwirtschaft und Weltmarkt für RWE bereit halten. Der allgemein niedrige Strompreis setze die Marge des Unternehmens unter Druck, der CO2-Zertifikatehandel benachteilige RWE im Vergleich zu osteuropäischen Konkurrenten, die dem Mechanismus teilweise erst später unterliegen.

"Unzureichend auf den vollständigen CO2-Handel vorbereitet"

Auch die Brennelementesteuer, mit der die Bundesregierung den Haushalt sanieren will, wirkt auf RWE in Großmanns Augen benachteiligend. Zudem macht dem Konzern der Preisverfall am Gasmarkt zu schaffen, der durch den Markteintritt von Flüssig- und Schiefergas entstanden ist.

"Wir stellen uns die Frage, on RWE nicht hätte besser vorbereitet sein können", hält Pensionsfondsvertreter Hirt entgegen. "Als langfristig denkende Aktionäre sind wir besorgt, wie unzureichend sich das Unternehmen auf den vollständigen CO2-Handel vorbereitet hat."

Den Investoren graust vor der Aussicht, dass RWE - jahrzehntelang ein sicherer Dividendengarant - zum Spekulationsobjekt zu verkommen droht. "Wir nehmen durchaus hin, dass das Ergebnis in manchem Jahr nicht so attraktiv ist, wenn das der nachhaltigen Entwicklung des Unternehmens dient", sagt Hirt.

Mitunter müssten sich manche Atomkraftgegner in der Halle verwundert die Augen reiben, wenn sie den Ausführungen der in dunklen Zwirn gewandeten Aktionärsvertreter lauschen. Union-Investment-Mann Speich hat mit der Atomkraft beispielsweise abgeschlossen. "Neues Geld für eine derartige Hochrisikotechnik wird es von uns nicht geben", ruft er in die Halle. "Bereiten Sie sich lieber auf die Zeit nach der Kernenergie vor."

Die möglichen Folgen der Atomtechnik seien in Fukushima und beim Kraftwerksbetreiber Tepco zu beobachten. "Dort hilft nur noch ein großer Sarkophag - hoffentlich braucht den nicht bald auch RWE."