Stromkonzern EnBW muss mit weniger Geld mehr investieren

Deutschlands drittgrößter Stromkonzern will sich nach Atomausstieg und Landtagswahl neu aufstellen. Doch die Unsicherheit über die Pläne der Regierung stellt alles infrage. Wegen des Atommoratoriums kassiert der Konzern außerdem seine Gewinnprognose.
Von Kristian Klooß
EnBW-Zentrale: Ergebnis dürfte um bis zu 25 Prozent niedriger ausfallen als noch 2010

EnBW-Zentrale: Ergebnis dürfte um bis zu 25 Prozent niedriger ausfallen als noch 2010

Foto: EnBW

Hamburg - Zumindest rhetorisch bewies EnBW-Chef Hans-Peter Villis eine gewisse Kontinuität. Denn auf der Hauptversammlung in Karlsruhe versprach er seinen Aktionären weiterhin eine "Verdoppelung" - allerdings nicht des Umsatzes, wie noch vor einigen Monaten in Aussicht gestellt. Die "Verdoppelung", von der Villis am Dienstag sprach, bezieht sich auf den Anteil an erneuerbaren Energien im Portfolio des drittgrößten deutschen Stromversorgers.

Diese soll in den kommenden zehn Jahren von bislang 10,5 Prozent (3100 MW) auf dann 20 Prozent (6000 MW) steigen. Dafür wolle der Konzern rund acht Milliarden Euro investieren. Das Geld dazu soll laut Villis zum Teil aus dem Verkauf von Minderheitsbeteiligungen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro und aus zusätzlichen Sparprogrammen kommen.

Gleichzeitig kassierte der Energiekonzern seine bisherigen Gewinnprognose. Finanzvorstand Thomas Kusterer kündigte an, dass das operative Ergebnis des Unternehmens in diesem Jahr um bis zu 25 Prozent niedriger ausfallen werde als noch 2010. Bislang war der Konzern nur von einem Minus von maximal 15 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert von 1,9 Milliarden Euro ausgegangen.

Im Zuge des Moratoriums nahm hat die EnBW die älteren Atomkraftwerksblöcke Neckarwestheim 1 und Philippsburg 1 Mitte März vom Netz genommen. Der voraussichtliche dreimonatige Stillstand bis Juni bedeutet nach den Worten von Finanzchef Kusterer für das Unternehmen einen Barwertverlust von rund 80 Millionen Euro.

Ein Betriebsstopp beider Meiler bis Jahresende würde mit einer Ergebniseinbuße (Adjusted Ebit) von rund 150 Millionen Euro zu Buche schlagen, sagte der Manager. EnBW hatte bereits mitgeteilt, dass Neckarwestheim 1 dauerhaft abgeschaltet bleiben soll. Sollte Philippsburg 1 nach dem vorübergehenden Stopp den Betrieb im Juni 2011 nicht wieder aufnehmen, wäre die gesenkte Ergebnisprognose erneut hinfällig, erläuterte der Sprecher.

Aus dem Finanzcoup wurde ein Albtraum

Für den Konzern, der rund sechs Millionen Kunden mit Strom versorgt und in diesem Jahr voraussichtlich 18 Milliarden Euro umsetzt, dürfte der Gewinneinbruch die vom Vorstandsvorsitzenden verkündete "grüne" Wende noch erschweren. Schließlich warb EnBW bis vor Kurzem noch unter der Marke "Yello" mit dem Werbespruch "Strom ist gelb". Mit gutem Grund: Allein die Kernkraft machte bislang mehr als die Hälfte des EnBW-Stroms aus.

Dass Villis nun den Konzernumbau einleiten muss, ist die Folge einer schier unfassbaren Verkettung von Ereignissen, die jedes für sich genommen noch vor Monaten als undenkbar erschien. Eingeleitet von einem scheinbaren Wahlkampf-Coup, den der ehemalige Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) im vergangenen Dezember landete. Im Hauruckverfahren kaufte die Landesregierung damals 45,01 Prozent der EnBW-Anteile vom vormaligen Großaktionär, der Electricité de France (EDF) , zurück. EdF hatte sich zuvor jahrelang die Zähne über die strategische Ausrichtung des Konzerns am zweiten Großaktionär, der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke, ausgebissen. Mappus machte durch den Rückkauf die 1999 vom damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel (CDU) arrangierte Teilprivatisierung des Energieversorgers rückgängig.

Für die Finanzierung des 4,7 Milliarden Euro teuren Deals gab die Landesregierung eine Anleihe über ihre Abwicklungsgesellschaft Neckarpri aus. Das Charmante an dem Deal: Der Zinssatz der Anleihe lag zum Ausgabezeitpunkt niedriger als der von der EnBW gezahlte Dividendensatz.

Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima, der Stilllegung zweier von vier EnBW-Reaktoren und der Wahl des neuen grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann wurde aus dem scheinbaren Coup allerdings ein Albtraum für Mappus und das Land Baden-Württemberg. Denn das alte Geschäftsmodell des Stromkonzerns wankt.

Die Gewinnwarnung dürfte Winfried Kretschmann zu denken geben

Die nun erfolgte Gewinnwarnung dürfte auch Mappus' Nachfolger Winfried Kretschmann zu denken geben. Den Willen zur energiepolitischen Wende hat der grüne Ministerpräsident zwar bereits bekundet. Sein Ziel lautet, den Anteil der Windkraft von derzeit 0,7 Prozent bis zum Jahr 2020 auf 10 Prozent zu erhöhen.

Außerdem soll die energetische Sanierung der Landesgebäude vorangetrieben werden. Auch nach einem Endlager für radioaktiven Abfall soll nach Aussagen Kretschmanns künftig "ergebnisoffen und bundesweit" gesucht werden. Den kompletten Ausstieg aus der Atomkraft erwartet der grüne Ministerpräsident noch vor dem Jahr 2020.

"Kernkraft ist für uns kein Dogma", sagte Konzernchef Villis dann auch ganz im Sinne seines Großaktionärs auf der Hauptversammlung.

Dass die neue grün-rote Landesregierung bei EnBW in ihren Entscheidungen künftig nicht ganz allein schalten und walten kann, dafür sorgten in den vergangenen Wochen allerdings die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW), hinter denen die vor allem CDU-geprägten Landkreise Alb-Donau-Kreis, Biberach, Bodenseekreis, Freudenstadt, Ravensburg, Reutlingen, Rottweil, Sigmaringen und Zollernalbkreis stehen. Wie das Land Baden-Württemberg waren die OEW mit einer nach Annahme eines Pflichtangebots inzwischen ebenfalls 47-prozentigen Beteiligung als zweiter Hauptaktionär auf der Hauptversammlung vertreten.

Die energiepolitische Ausrichtung auf erneuerbare Energien stellen indes auch die OEW nicht infrage. Im Gegensatz zum einstigen Großaktionär EdF waren sie schon vor dem Atom-Moratorium an einem Ausbau des Anteils an erneuerbaren Energien und an einem Ausbau dezentraler Energieerzeugung interessiert. So steckte die EnBW vor allem große Summen in den Ausbau der Windenergie auf hoher See. Der erste kommerzielle Offshore-Windpark Deutschlands, der in der Ostsee gelegene "Baltic 1", war dabei vor allem von der OEW vorangetrieben worden. Der Windpark liefert seit diesem Monat Strom für 55.000 Haushalte. Das Wasserkraftwerk Rheinfelden, das seit Jahresanfang in Betrieb ist, versorgt 170.000 Haushalte.

Und doch hängen noch immer rund 6000 der mehr als 20.000 Arbeitsplätze bei der EnBW am Atomstrom. Und die Gewinne aus der Kernenergie ständen dem Konzern im Falle einer Abschaltung der Meiler nicht mehr für einen weiteren Umbau zur Verfügung.

Neue Werbekampagne gestartet

"Jeder außerplanmäßige Stillstand unserer Kraftwerke und jede weitere energiepolitische Belastung schränkt unsere Investitionsspielräume empfindlich ein", sagte Villis auf der Hauptversammlung. "Wir stehen zu unseren Kernkraftwerken, und wir sind überzeugt, dass unsere Anlagen sicher sind." Doch nehme die EnBW auch zur Kenntnis, dass die Mehrheit der Deutschen nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima die Kernkraft in Deutschland ablehne.

Erst kürzlich hatte der Atomkraftwerksbetreiber ebenso wie RWE, Eon und Vattenfall seine Zahlungen in den Erneuerbare-Energien-Fonds eingestellt. Diese Zahlungen waren eine Voraussetzung für die 2010 von der schwarz-gelben Bundesregierung beschlossene Laufzeitverlängerung gewesen. Die Einzahlungen sollten in die Förderung regenerativer Energien fließen und sich insgesamt auf ein Volumen von knapp 17 Milliarden Euro belaufen. Die EnBW hatte in den ersten drei Monaten des Jahres allein 16 Millionen Euro einbezahlt und sollte bis Ende des Jahres 65 Millionen überweisen.

Gegen das Moratorium der Bundesregierung klagen will der Konzern indes nicht - anders als die RWE . Villis sieht, so seine Worte, in dem von der Bundesregierung und der Gesellschaft gewollten Atomausstieg schließlich auch "Chancen" für EnBW.

Vom gelben Strom hat sich der Konzern pünktlich zur Hauptversammlung im Übrigen auch ganz offiziell mit einer Anzeigenkampagne verabschiedet. In ganzseitigen Anzeigen wirbt der Vorstandschef darin für die Dialogbereitschaft und Wandlungsfähigkeit des Stromriesen: "Die Katastrophe von Fukushima ist eine Zäsur - für die Menschen, die Politik und die Wirtschaft. Viele Gewissheiten, Ihre und meine Überzeugungen stehen heute auf dem Prüfstand. Dabei geht es nicht um den einen richtigen Weg, sondern darum, welchen Weg wir gemeinsam gehen wollen", steht dort geschrieben.

Mehr lesen über