Dena-Chef Stephan Kohler "In Deutschland wird nicht das Licht ausgehen"

Energiewende in Deutschland: Der Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur, Stephan Kohler, erklärt im Interview, warum energieeffiziente Gebäude den Stromverbrauch erhöhen und welche Investitionen nötig sind, um den Ausstieg aus der Kernenergie zu schaffen.
Von Kristian Klooß
Windkraftanlage Alpha Ventus in der Nordsee: "Das Höchstspannungsnetz muss um bis zu 3700 Kilometer ausgebaut werden - sonst bekommen wir die regenerative Stromerzeugung nicht zu den Verbrauchern"

Windkraftanlage Alpha Ventus in der Nordsee: "Das Höchstspannungsnetz muss um bis zu 3700 Kilometer ausgebaut werden - sonst bekommen wir die regenerative Stromerzeugung nicht zu den Verbrauchern"

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

mm: Herr Kohler, Sie sind Energieexperte. Was haben Sie gedacht, als Sie vor gut einem Monat die ersten Bilder aus Fukushima gesehen haben?

Kohler: Der erste Gedanke war, dass mit einem Erdbeben und gleichzeitig einem Tsunami mit 14 Meter hoher Welle offensichtlich niemand gerechnet hatte. Der zweite Gedanke war jener, dass in Japan gleich vier Reaktoren betroffen sind. Wie wollen die Japaner das machen, habe ich mich gefragt? Wo sollen die nötigen Geräte, wo die qualifizierten Menschen und die Ausrüstung herkommen, um Störfälle in vier Kernreaktoren gleichzeitig zu beherrschen? In Tschernobyl war es im Vergleich dazu ja nur einer.

mm: Halten Sie denn das Moratorium der Laufzeitverlängerung für gerechtfertigt?

Kohler: Es hat mich schon sehr gewundert, dass jetzt erkannt wird, dass zum Beispiel das Kernkraftwerk Isar I in der Einflugschneise des Flughafens München liegt. Und dass Isar I dem Absturz moderner Verkehrsmaschinen nicht standhalten würde. An solchen Risikoanalysen war ich selbst schon in den 80er Jahren beteiligt. Die hektische Reaktion kann ich trotzdem nicht nachvollziehen. Wir sind ein Industrieland. Wir sollten faktenorientiert vorgehen. Wir sollten uns nicht hektisch von Ereignissen wie Fukushima leiten lassen.

mm: Die Entscheidung wurde dennoch getroffen. In Deutschland sind sieben Reaktoren vom Netz genommen worden. Vor ein paar Jahren hat Ihr Institut für diesen Fall vor einer Stromlücke gewarnt. Wo ist sie hin, die Stromlücke?

Kohler: Wir haben damals von einer Effizienzlücke gesprochen. In der öffentlichen Diskussion wurde dann daraus eine Stromlücke. Die Situation hat sich seither nicht verändert. Derzeit haben wir die Situation, dass ausländische Kraftwerke unseren Strombedarf teilweise decken.

mm: Sind aus diesem Grund die Strompreise nicht in die Höhe geschnellt, obwohl deutsche Kernkraftwerke abgeschaltet wurden?

Kohler: Ja, im Moment bekommen wir günstigen Strom aus dem Ausland.

mm: Sie meinen Atomstrom aus Frankreich und Tschechien?

Kohler: Genau. Die Lastsituation ist im Übrigen auch deshalb entspannt, weil wir Frühjahr haben. Die Situation im Winter, wenn wir Höchstlast fahren müssen, wird eine andere sein, weil wir dann keinen billigen Atomstrom mehr von unseren Nachbarn importieren können.

2020 sollen die Deutschen rund 8 Prozent weniger Strom verbrauchen

mm: Dennoch wäre die dauerhafte Stilllegung der sieben Kernkraftwerke denkbar.

Kohler: Es wird in Deutschland nicht das Licht ausgehen. Die Stilllegung bedeutet aber auch, dass wir im Winter wahrscheinlich alte ineffiziente Kohlekraftwerke wieder in Betrieb nehmen müssen.

mm: Wie könnte denn ein Kernkraftausstieg bei gleichzeitigem Verzicht auf alte, umweltschädigende Kohlekraftwerke aussehen?

Kohler: Unser Vorschlag lautet, hocheffiziente Erdgas- oder Kohlekraftwerke mit einer Leistung 10.000 bis 12.000 Megawatt zu bauen. So könnten wir Kernkraftwerke stilllegen und müssen nicht gleichzeitig auf alte Kohlekraftwerke zurückgreifen. So schnell lassen sich allerdings keine neuen Kraftwerke bauen.

mm: Was schlagen Sie noch vor?

Kohler: Ein zentraler Punkt ist die Energieeffizienz. Solche Investitionen sind wirtschaftlich sinnvoll. Hier gibt es Potenzial, ohne dass dies zu Mehrkosten bei Industrie, Gewerbe und Haushalten führt.

mm: Nennen Sie Beispiele.

Kohler: Im Haushaltsbereich lässt sich etwa bei Kühlschränken oder Waschmaschinen der Stromverbrauch um 30 Prozent reduzieren. In der Industrie ließe sich zum Beispiel bei Motoren oder Druckluftanlagen rund 20 bis 30 Prozent Strom einsparen.

mm: Bis 2020 kalkuliert die Dena mit 8 Prozent weniger Stromverbrauch in Deutschland. Die Bundesregierung nennt sogar 10 Prozent. Warum sind sie im Gegensatz zu den Politikern so zurückhaltend?

Kohler: Die 8 Prozent sind das Ziel, das wir anstreben sollten. Es gibt einerseits Einsparpotenzial in den Bereichen, die ich eben genannt habe. Auf der anderen Seite kommen auch zusätzlich Stromanwendungen dazu, zum Beispiel in der Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungselektronik. Energieeffiziente Gebäude verfügen inzwischen oft über Klima- und Belüftungsanlagen, die ebenfalls zusätzlichen Strom verbrauchen. Und wenn wir hocheffiziente Häuser bauen, dann sind Elektrowärmepumpen eine attraktive Heizungsform. In der Summe sind 8 Prozent Einsparung also ein ambitioniertes Programm.

mm: Heute werden rund 17 Prozent des Stroms in Deutschland durch regenerative Energien erzeugt. Sie rechnen bis 2020 mit einem Zuwachs auf rund 38 Prozent. Geht das einfach so?

Kohler: Das können wir nur schaffen, wenn das Höchstspannungsnetz um bis zu 3700 Kilometer ausgebaut wird. Auch das Verteilnetz muss entsprechend ausgebaut werden. Sonst bekommen wir die regenerative Stromerzeugung nicht zu den Verbrauchern.

Desertec spielt in den Netzausbauplänen praktisch keine Rolle

mm: Wieso ist der Ausbau nötig?

Kohler: Die Kernkraftwerksleistung zum Beispiel kommt zu zwei Dritteln aus Süddeutschland. Zukünftig setzen wir hingegen sehr stark auf Windenergie, vor allem auf Windkraftwerke im Meer. Dort gibt es keinen Stromverbrauch. Deshalb müssen eben neue Netze gebaut werden, um das anzupassen.

mm: Wie umfangreich ist denn der Anpassungsbedarf im Vergleich zum bestehenden Netz?

Kohler: Wir haben heute in Deutschland ein ausgebautes Verbundnetz in der Größenordnung von ungefähr 30.000 Kilometern auf der Höchstspannungsebene. Wenn Sie das in Relation setzen zu den maximal 3700 Kilometern Ausbau, dann liegen wir im Bereich von rund 12 Prozent, um 38 Prozent regenerative Stromerzeugung zu ermöglichen. Das sollte nicht das große Hemmnis sein.

mm: Die Solarenergie aus dem Süden, Stichwort Desertec, spielt in Ihren Kalkulationen noch keine Rolle?

Kohler: Naja, das kommt ja nicht vor dem Jahr 2040.

mm: Aber es gibt in Deutschland bereits sehr viele dezentral angesiedelte Photovoltaikanlagen. Führt dies nicht zu Mehrkosten für die Netzinfrastruktur?

Kohler: Es gibt eine neue Verteilnetzstudie vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, die wir als plausibel erachten. Diese Studie beleuchtet den Investitionsbedarf für den Ausbau des Mittelspannungs- und Niederspannungsnetzes, um zum Beispiel Photovoltaikanlagen und Blockheizkraftwerke zu integrieren. Die Studie unterstellt, dass der Ausbau rund 28 Milliarden Euro kostet.

mm: Und die 3700 Kilometer Hochspannungsnetz werden wieviel kosten?

Kohler: Rund 10 und 28 Milliarden Euro. Es kommt darauf an, welche Technik wir verwenden - ob Freileitung oder Erdkabel.

Mm: Die Bürgerproteste haben Sie also schon eingerechnet.

Kohler (lacht): Ja, das haben wir.

Deutschland ist auf Pumpspeicherkraftwerke der Alpenländer angewiesen

mm: Gibt es andere Wege, Bürgerwünsche zu berücksichtigen, abgesehen von Erdkabeln?

Kohler: Für die betroffenen Kommunen sollten gewisse Ausgleichsmaßnahmen eingeplant werden, zum Beispiel Konzessionszahlungen. Schließlich haben die Kommunen keinen direkten Nutzen von den Trassen. Bei den Umweltverbänden, denke ich, entfällt der Widerstandsgrund, wenn es einen gesellschaftlichen und parteiübergreifenden Konsens über den Atomausstieg gibt. Denn die Umweltverbände haben ja bislang meist argumentiert, dass sie gegen den Netzausbau sind, solange die Atomkraftwerke weiter betrieben werden.

mm: Gegner der regenerativen Energien bemängeln, dass Wind und Sonne nur sehr unregelmäßig Energie liefern. Als eine Lösung gelten Speichertechniken. Sehen Sie hier Handlungsbedarf in Deutschland?

Kohler: Es gibt hohen Handlungsbedarf, weil wir bis 2020 rund 15.000 Megawatt Photovoltaik und rund 45.000 Megawatt Windenergie im System haben werden. Da die Erzeugung nicht immer bedarfsgerecht stattfindet, brauchen wir dringend Speichertechnologien. Aus Kostengründen empfehlen wir den weiteren Ausbau von Pumpspeicherkraftwerken.

mm: Auch da gibt es Proteste.

Kohler: Trotzdem ist es der beste Weg. Wir haben in Deutschland noch rund 2400 Megawatt an Pumpspeicherkraftwerken, die wir bauen können. Und die müssen auch gebaut werden.

mm: Wieviel Megawatt wären nötig, um die Versorgungssicherheit trotz Umstellung auf regenerative Energien zu gewährleisten.

Kohler: Bezogen auf 2020 brauchen wir zusätzlich 6000 bis 8000 Megawatt. Das können wir allein in Deutschland nicht umsetzen. Deshalb müssen wir die verbundwirtschaftliche Zusammenarbeit mit Österreich und der Schweiz intensivieren. Dort gibt es auch noch Pumpspeicherkraftwerke, die ausgebaut werden können.

mm: Wie sieht es mit Norwegen aus?

Kohler: Norwegen wird überschätzt. Denn dort gibt es vor allem viele Wasserkraftwerke, aber nicht viele Pumpspeicherkraftwerke. Deshalb wäre auch in Norwegen erst noch ein Ausbau nötig.

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