AKW-Bau trotz GAU Politisches Kerngeschäft

In Europa wird der Neubau von Kernkraftwerken immer schwieriger und teurer. Im Rest der Welt sieht die Sache anders aus. Dort hoffen eine Handvoll Kraftwerksbauer auf glänzende Geschäfte - trotz der japanischen Kernschmelze.
Von Kristian Klooß
Kraftwerksbau im finnischen Olkiluoto: Anlagenbauer weiterhin gut im Geschäft

Kraftwerksbau im finnischen Olkiluoto: Anlagenbauer weiterhin gut im Geschäft

Foto: AREVA/ AFP

Hamburg - Eine Kernschmelze in 10.000 Jahren. So schätzte die deutsche Gesellschaft für Anlage- und Reaktorsicherheit im Jahre 1979 die statistische Wahrscheinlichkeit eines GAUs ein. Seit dieser Woche gibt es nun auch offiziell einen weiteren Grund, an dieser Aussage zu zweifeln. Denn die sonst so zurückhaltende japanische Regierung bestätigte, was längst gemutmaßt worden war: Im Reaktor 1 des Kernkraftwerks Fukushima hat die Kernschmelze eingesetzt.

Damit brennt sich Fukushima weiter ins Gedächtnis aller Atomkraftgegner ein - möglicherweise tiefer als es die Narben des englischen Sellafield, des amerikanischen Harrisburg und des sowjetischen Tschernobyl zuletzt vermochten. Denn trotz dieser Katastrophen stand der Atomkraftwerksbau zuletzt vor einer Renaissance. Bis Ende der 90er Jahre galt dies als kaum denkbar.

Doch jetzt werden alte Fragen neu gestellt: Welchen Risiken müssen Atomkraftwerke standhalten? Erdbeben, Tsunamis, Flugzeugabstürzen, Panzerfaustangriffen, Cyber-Attacken? Und wer trägt künftig die Kosten, sollte es zum schlimmsten denkbaren Unfall, dem GAU, kommen?

Wie solche Fragen bislang beantwortet wurden, zeigt ein Blick auf Japan. Die Tokyo Electric Power Company, kurz Tepco, größter Energieversorger des Landes und Betreiber des Kernkraftwerks in Fukushima, ist als Aktiengesellschaft nur beschränkt für die entstandenen Schäden haftbar. Und der versicherte Schaden ist bei 120 Milliarden Yen gedeckelt - was einer Milliarde Euro entspricht. Demgegenüber beträgt allein der Kredit, den Tepco zur Finanzierung der Reparatur und Stilllegung der zerstörten Reaktoren bei den größten japanischen Banken aufgenommen hat, 2000 Milliarden Yen, also gut 17 Milliarden Euro.

Fünf Billionen Euro möglicher Schaden

Inwieweit Tepco für die gesamten durch den GAU verursachten Schäden aufkommen muss, hängt am Ende wohl davon ab, ob der Reaktorunfall als Folge "einer schwerwiegenden Naturkatastrophe mit außerordentlichem Charakter" eingestuft wird. Dann nämlich würde er unter ein japanisches Gesetz aus dem Jahr 1961 fallen, das der Regierung und damit dem Steuerzahler die Kosten aufbürdet.

Ähnliches würde im Falle eines katastrophalen Reaktorunfalls in Deutschland für Eon  , RWE  , EnBW und Vattenfall Europe  gelten. Rückversicherer wie die Münchener Rück bezeichnen Reaktorunfälle als nicht versicherbar. "Grundsätzlich gibt es für jede Versicherung einen Preis. Bei großer Unsicherheit der Berechnung ist er aber außerordentlich hoch", sagte Vorstandschef Nikolaus von Bomhard jüngst in einem Gespräch mit der "Welt am Sonntag". So hoch, dass sich eine entsprechende Prämie ohne Staatsgarantie im Hintergrund mit herkömmlichen Modellen nicht berechnen lasse.

Der Politik ist dies längst bekannt. Dass allein die finanziellen Schäden im Falle einer Kraftwerkskatastrophe in Deutschland bis zu fünf Billionen Euro kosten könnten, hat das Schweizer Prognos-Institut dem Bundeswirtschaftsministerium schon im Jahr 1992 vorgerechnet. Müsste sich die Atomkraftbranche gegen solche Schäden versichern, kostete die Kilowattstunde Atomstrom nicht drei bis vier Cent, sondern zwei bis drei Euro.

Damit sich Reaktoren trotzdem rechnen, begrenzte das 1960 in Kraft getretene Atomgesetz, ähnlich wie in Japan, die Haftpflicht der Betreiber auf 256 Millionen Euro pro Kraftwerk. Erst bei der Novellierung des Atomgesetzes im Jahr 2002 wurde dieser Deckungsvorsorge genannte Betrag auf 2,5 Milliarden Euro angehoben. Darüber hinaus haften die Betreiber inzwischen unbegrenzt mit ihrem ganzen Vermögen - außer der Reaktorunfall wäre durch äußere Gewalt verschuldet, wie im Falle einer schweren Naturkatastrophe.

Was eine schwere Naturkatastrophe ist, entscheidet die Politik

Doch was eine schwere Naturkatastrophe ist, entscheidet, wie in Japan, am Ende die Politik. Die Politik entscheidet auch, wo sie Kraftwerksbauer durch Bürgschaften unterstützt, wo sie Nuklearforschung finanziert oder der Atomindustrie bei der Endlagerfrage unter die Arme greift. Es sind Politiker, die festlegen, welche Maßnahmen notwendig sind, um einen Kernreaktor sicher zu machen. Doch doppelte Reaktorhüllen aus Stahlbeton gegen Flugzeugabstürze, eine Trennung von Not- und Nachkühlsystemen, feuerfeste Starkstromkabel, erdbebensichere Gebäude sind teuer.

Für eine Handvoll Unternehmen weltweit sind solche politischen Entscheidungen daher stets mit Milliardenerträgen verbunden. Die wichtigsten von ihnen: der russische Staatskonzern Rosatom, der japanische Kraftwerksbauer Mitsubishi, die zwei amerikanisch-japanischen Joint Ventures General Electric Hitachi und Westinghouse Toshiba sowie der vom französischen Staat kontrollierte Areva-Konzern.

Bislang jedoch können sich die genannten Kernkraftwerksbauer auf die Politiker verlassen. So versicherte beispielsweise Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy direkt nach der Katastrophe in Fukushima: "Die französischen Atomkraftwerke sind zehnmal sicherer als andere." Ein Grund für Sarkozys Optimismus dürfte sein Interesse am Bau neuer Atomkraftwerke sein. Schließlich gehört der vom französischen Staat kontrollierte Kraftwerksbauer Areva zu den wichtigsten Spielern im Markt - Umsatz rund zehn Milliarden Euro im Jahr.

Die AKW-Branche gilt, trotz der wenigen Anbieter, als umkämpft. Bis zur Katastrophe in Japan waren weltweit 62 neue Reaktoren in Bau, 100 weitere in Planung. Bei geschätzten Kosten von rund 3,2 Milliarden Euro pro Reaktor wäre dies ein Investitionsvolumen von rund 500 Milliarden Euro.

Pfusch am Bau in Olkiluoto kostet Milliarden

3,2 Milliarden Euro - diesen Festpreis hatte Areva im Jahre 2005 auch mit dem finnischen Energieversorger TVO für ein Projekt vereinbart, das als europäisches Musterbeispiel für die Atomrenaissance galt. Auf der finnischen Halbinsel Olkiluoto - rund sechs Kilometer lang und zweieinhalb Kilometer breit, mit Kiefernwäldern bewachsen, umspült von der Ostsee, sollte der erste Reaktor der neuen, der dritten Generation entstehen: ein Druckwasserreaktor aus dem Hause Areva. 2009 sollte das Projekt abgeschlossen sein. Letzter Stand heute: Frühestens 2014 geht der Reaktor ans Netz. Aus den veranschlagten 3,2 Milliarden Euro werden mindestens 4,7 Milliarden.

Ein Grund dafür ist, dass es in mehr als 1500 Fällen zu Abweichungen von den Sicherheitsbestimmungen kam, die von der finnischen Strahlenschutzbehörde bemängelt wurden. Ein zweiter Grund: Zulieferfirmen aus rund 30 Ländern ließen den Koordinierungsbedarf des Projekts in die Höhe schnellen. Ein dritter Grund: Das Baukonsortium hatte mit den kreditgebenden Banken Zinszahlungen ausgehandelt, die unter dem Marktniveau in der EU lagen. Dagegen klagte die Umweltschutzorganisation Greenpeace, woraufhin der Zinssatz per Richterbeschluss auf marktkonformes Niveau erhöht werden musste.

Laut einer Schätzung der TU Wien würden die gestiegenen Baukosten des Reaktors von den geplanten 3,8 Cent pro Kilowattstunde auf 7 Cent steigen, sollte sich das Projektende bis 2017 hinziehen. Spätestens dann wäre der Strom aus Olkiluoto teurer als der aus anderen Energiequellen.

Auch anderswo stockt der Reaktorbau

Die Probleme Arevas in Finnland sind indes keine Ausreißer. In Argentinien wurde gerade der für diesen Monat geplante Fertigstellungstermin des nahe Buenos Aires gelegenen Reaktorblocks Atucha-2 verpasst. An dem Reaktor wird seit 1981 gebaut. Im benachbarten Brasilien ist ebenfalls seit 30 Jahren ein neuer Reaktor für das Kernkraftwerk Angra im Bau. Es liegt in einer erdrutschgefährdeten Bucht an der Atlantikküste zwischen den zwei Metropolen Rio de Janeiro und São Paulo. Und in Bulgarien, wo die Regierung den erst im September 2008 begonnen Bau des 2000-Megawatt-Kraftwerks Belene beschlossen hatte, wurde der Bau aus Kostengründen nicht einmal ein Jahr später wieder gestoppt.

Wie es für diese Projekte weitergeht, ist nach der Katastrophe in Japan fraglich. Denn strengere Zulassungsvorschriften und stärkere Bürgerproteste dürften bereits begonnene Baumaßnahmen und Genehmigungsverfahren verlängern und verteuern - zumindest in der westlichen Welt.

Weshalb sich die Reaktorkonstrukteure längst nach neuen Märkten umsehen: zum Beispiel in Russland, wo in den kommenden 20 Jahren 36 Reaktoren gebaut werden sollen, in Indien, wo 20 neue Reaktoren geplant sind, oder in China, dessen Regierung derzeit 28 Reaktoren bauen lässt und langfristig bis zu 150 weitere plant. Widerstände der Bevölkerung und Einsprüche der Kontrollbehörden waren in diesen Ländern bislang kaum zu erwarten.

Der Fukushima-GAU wird daran wohl nichts ändern. Die chinesische Regierung hat zwar vorerst das Ausbautempo gedrosselt. Premier Wen Jiabao erließ mit Blick auf Japan gar ein Moratorium für Neubauanträge und ordnete an, alle bestehenden und die in Bau befindlichen Atomanlagen auf ihre Sicherheit zu prüfen. Doch laut einem Bericht der Wirtschaftszeitung "China Business News" habe die staatliche Stromindustrie letztlich nur das Leitmotto ihres im Dezember verabschiedeten Fünfjahresplans geändert: Statt "kraftvoll die Kernenergie entwickeln" heißt es nun, sie solle "sicher und effizient entwickelt" werden. Künftig will das Land vor allem eigene Reaktoren entwickeln und bauen - ähnlich wie Südkorea und Indien.

Russen decken komplette Wertschöpfungskette ab

Chinas Nachbar Russland hat angesichts des Reaktorunglücks in Japan zwar strengere und international einheitliche Regeln für Atomkraftwerke gefordert. Zugleich bekannte sich Präsident Dmitri Medwedew aber zur Nuklearenergie als gegenwärtig "wirtschaftlich nützlichste Form der Stromgewinnung".

Dies verwundert nicht. Der russische Staatskonzern Rosatom macht inzwischen wieder gute Geschäfte mit seinen Kraftwerksbauten. Rosatom betreibt 31 Reaktoren in Russland, drängt aber zusehends auch auf den Weltmarkt. Die Russen haben den Vorteil, dass sie als einzige Nation die komplette nukleare Wertschöpfungskette abdecken: vom Uranabbau und dessen Anreicherung, über die Herstellung von Brennstäben bis hin zum Bau und Betrieb der Atommeiler.

Erst im vergangenen Sommer vereinbarte Rosatom mit chinesischen Geldgebern die Erschließung von drei neuen Uranminen. Und gemeinsam mit der China Nuclear Energy Industry Corporation (CNEIC) baut das Unternehmen in der nordwestchinesischen Stadt Hanzhong ein Urananreicherungswerk, das 2012 in Betrieb gehen soll.

Zu den Kunden der Russen gehört auch Frankreich, das Teile seines Atommülls in Sibirien deponiert. Am ersten iranischen Atomkraftwerk in Bushehr im Südwesten des Landes ist Rosatom ebenso beteiligt wie an Reaktoren in Indien, wo der seit Wochen schwelenden Bestechungsskandal nun auch das zivile Atomprogramm des Landes berührt. So haben laut einem Bericht der Tageszeitung "The Hindu" Vertreter der Regierungspartei Abgeordnete der Koalition bestochen, damit sie einem Atomvertrag mit Amerika zustimmen.

Areva-Drama: Siemens setzt künftig auf Russland statt auf Frankreich

Auf Grundlage dieses Vertrags wollen auch die zwei amerikanisch-japanischen Joint Ventures General Electric Hitachi Nuclear und Westinghouse Toshiba Geschäfte in Indien machen. Bislang dominieren sie vor allem ihre Heimatmärkte: Japan und die USA. US-Präsident Barack Obama hatte bereits im Februar 2010 staatliche Kreditzusagen in Höhe von umgerechnet rund sechs Milliarden Euro für den Bau zweier Reaktoren im Bundesstaat Georgia angekündigt. "Um unseren wachsenden Energiebedarf zu decken und den schlimmsten Folgen des Klimawandels vorzubeugen, müssen wir unser Angebot an Nuklearenergie vergrößern, so einfach ist das", sagte er damals. Die Bürgschaften, die inzwischen auf rund 25,5 Milliarden Euro angewachsen sind, bleiben auch nach dem Fukushima-Unglück gültig. Bisher werden rund 20 Prozent des US-amerikanischen Energiebedarfs durch Kernkraft gedeckt.

104 Kernreaktoren Reaktoren liefern den Amerikanern derzeit 20 Prozent ihres Stroms. Damit sind die Vereinigten Staaten zwar das Land mit den meisten Kernreaktoren. Doch im Vergleich zu Frankreich, wo 58 Reaktoren rund 80 Prozent des Stroms liefern, ist der amerikanische Atomstromanteil geradezu mickrig.

Betrieben werden die französischen Atomkraftwerke vom Energiekonzern Électricité de France (EDF), an dem der Staat knapp 85 Prozent der Aktien hält. Gebaut wurden die EDF-Reaktoren meist von Vorgängerfirmen Arevas. Den Namen des Konzerns, der 2001 durch den Zusammenschluss aus mehreren dieser Vorgängerfirmen gegründet worden ist, hat die heutige Chefin Anne Lauvergeon angeblich aus einer Liste spanischer Klöster ausgewählt.

So ganz mag dieser Name daher nicht zum umstrittenen Wiederaufbereitungslager in La Hague passen, zu den vom Konzern verantworteten "Castor"-Transporten ins Atommüllzwischenlager Gorleben und zu den Uranminen im westafrikanischen Niger, in denen Nichtregierungsorganisationen seit Jahren über unmenschliche Arbeitsbedingungen klagen.

Siemens trennt sich von Areva - und nähert sich Rosatom

In Deutschland ist die Marke Areva bislang vor allem durch die Trikotwerbung der Fußballer des 1. FC Nürnberg bekannt geworden. Hintergrund des Sponsorings ist der Zusammenschluss der einstigen Nuklearsparte von Siemens , der Siemens Nuclear Power (SNP), mit der französischen Areva-Tochter Framatome. Deutschland-Sitz ist seither das nahe Nürnberg gelegene Erlangen.

An dem Joint Venture hielt Siemens bislang 34 Prozent. Doch Freude machte dem Unternehmen die Beteiligung nicht - wohl auch wegen des Reaktorbau-Desasters im finnischen Olkiluoto. Vor diesem Hintergrund kündigten die Münchener im Januar 2009 an, sich von ihrem auf von rund 1,6 Milliarden Euro geschätzten Anteil an Areva zu trennen. Konzernchef Löscher begründete den Schritt mit fehlenden unternehmerischen Einflussmöglichkeiten in dem Gemeinschaftsunternehmen.

Nur wenige Wochen später, im März 2009, kündigte die Konzernführung stattdessen eine Zusammenarbeit mit Rosatom an. Rosatom soll eine Mehrheit von 50 Prozent plus einer Aktie an einem geplanten Gemeinschaftsunternehmen halten.

Ob Siemens-Chef Peter Löscher mit Putin mehr Freunde hat als mit Sarkozy, ist fraglich. Dass Siemens an der Atomkraft festhält, ist mit Blick auf die Marktperspektiven wahrscheinlich - trotz Fukushima.

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