Eon Teilabriss, Umbau und Neubau

Der Energieversorger Eon meldet einen Gewinneinbruch um 30 Prozent. 2011 wird das Ergebnis weiter sinken. Konzernchef Johannes Teyssen ist gezwungen, den Schuldenberg abzubauen und neue Geschäftsfelder aufzubauen. Wie dies konkret gelingen soll, ist offen.
Von Kristian Klooß
Eon setzt künftig auf erneuerbare Energien: Bis Techniken wie diese Mikroalgen-Pilotanlage Gewinne abwerfen, wird es aber noch Jahre dauern

Eon setzt künftig auf erneuerbare Energien: Bis Techniken wie diese Mikroalgen-Pilotanlage Gewinne abwerfen, wird es aber noch Jahre dauern

Foto: ddp

Hamburg - Der größte deutsche Energieversorger Eon hat im Geschäftsjahr 2010 seine Ziele nur knapp erreicht. Der um eine Wertberichtigung bereinigte Gewinn des Unternehmens fiel 2010 um 4 Prozent auf 4,9 Milliarden Euro. Im Geschäftsjahr 2011 wird der Gewinn den Erwartungen des Unternehmens deutlich sinken.

Der Grund: die Fundamente des Erfolgs bröckeln. Das Wachstum der Stromnachfrage in Deutschland und Europa ist gering. Die Großhandelspreise für Strom verharren auf niedrigem Niveau. Hinzu kommt, dass die Eon Tochter Ruhrgas ihr Erdgas seit Mitte 2009 über dem Marktwert einkaufen muss.

Denn der Versorger ist an langfristige Verträge mit dem russischen Lieferanten Gazprom  gebunden. Darüber hinaus nagt die Brennelementesteuer seit Anfang 2011 an den Einnahmen durch Atomstrom. Und wenn ab 2013 erstmals alle CO2-Emissionsrechte versteigert werden, wird auch der Betrieb von Kohlekraftwerken erheblich teurer.

Dass es vor diesem Hintergrund nicht reicht, die alten Fundamente auszubessern und neu anzustreichen, ist dem Eon-Vorstand um Johannes Teyssen längst klar. Teyssen setzt deshalb auf Teilabriss und Neubau. Kurz nach seinem Amtsantritt im Mai 2010 tauschte er einen Großteil des Vorstands aus und beschnitt die Macht der Einzelgesellschaften innerhalb des Konzerns. Im November legte er schließlich ein Konzept für die Reorganisation des Unternehmens vor - seinen Bauplan für den künftigen Eon-Konzern.

Fast 45 Milliarden Euro Schulden

Eines der wichtigsten Ziele ist der Schuldenabbau. Knapp 45 Milliarden Euro drückten bis Ende 2010 die Bilanz des Konzerns. Die hohen Verbindlichkeiten sind das Ergebnis einer jahrelangen Einkaufstour, die vor allem Teyssens Vorgänger, Wulf Bernotat, vorangetrieben hatte.

So übernahm Eon die britischen Verteilernetze von Powergen (2002) und Midlands Electricity (2004) und kaufte sich außerdem in die Gas- und Strommärkte Rumäniens, Bulgariens, der Slowakei, Tschechiens und Polens ein. In Sibirien übernahmen die Düsseldorfer 2007 den Großkraftwerksbetreiber OGK-4.

Die 2006 geplante Übernahme des spanischen Energieversorgers Endesa  - damaliger Gesamtwert: 55 Milliarden Euro - scheiterte zwar. Dennoch erhielt Eon schließlich Anteile an diversen Endesa-Tochterunternehmen in Spanien, Frankreich, Italien und weiteren Ländern im Wert von rund zehn Milliarden Euro.

Die Expansion, die aus der damaligen Zeit heraus auch von Analysten durchaus als schlüssige Strategie erachtet wurde, sieht die Zunft heute kritisch. So rechnet sich die Investition in den Großkraftwerksbetreiber OGK-4 in Sibirien bislang nicht wie geplant. Und auf die ehemaligen Endesa-Töchter musste Eon inzwischen enorme Wertberichtigungen vornehmen. "Hätte Eon, wie ursprünglich geplant, Endesa ganz übernommen, wäre das im Nachhinein katastrophal gewesen", sagt Sebastian Kauffmann, Analyst der Investmentbank Cheuvreux.

Verkäufe im Monatstakt

Denn mittlerweile steht bei Eon vor allem eines auf der Tagesordnung: Desinvestitionen. Zwar waren es zunächst auch wettbewerbsrechtliche Zwänge, die zu Verkäufen führten. Allerdings wurden diese inzwischen von der Schuldensituation überlagert.

So trennte sich Eon unter anderem vom Gasnetz in Italien, verkaufte die deutsche Stadtwerke-Tochter Thüga, veräußerte das deutsche Höchstspannungsnetz an den niederländischen Konzern Tennet und gab im April 2010 die Tochtergesellschaft Eon U.S. für rund 5,7 Milliarden Euro an den in Pennsylvania ansässigen US-Versorger PPL ab.

Mehr als zehn Milliarden Euro flossen bis zum Herbst 2010 vor allem zur Schuldentilgung in die Kassen des Konzerns.

Im vergangenen November kündigte Teyssen an, bis Ende 2013 rund 15 Milliarden Euro durch weitere Desinvestitionen einnehmen zu wollen. Mindestens die Hälfte der Verkaufserlöse solle erneut für den Schuldenabbau eingesetzt werden, der Rest für Investitionen in Wachstumsmärkte.

Flucht aus der Regulierung in Europa

Den Worten folgten Taten. Im Dezember verkaufte Eon seine 3,5-Prozent-Beteiligung am russischen Energiekonzern Gazprom. Das brachte rund 3,5 Milliarden Euro ein. Die ebenfalls im Dezember bekannt gegebene Trennung vom Gasnetz in Italien brachte dem Konzern weitere Mittelzuflüsse von geschätzt 255 Millionen Euro. In der vergangenen Woche gaben die Düsseldorfer zudem ihr britisches Stromverteilernetz an PPL ab. Rund 4,7 Milliarden Euro zahlt der US-Versorger für die Eon-Tochter.

Damit hat der Konzern nach nur vier Monaten mehr als die Hälfte der geplanten 15 Milliarden Euro an Verkaufseinnahmen zusammen.

Mit der zweiten Hälfte dürfte es indes schwieriger werden. "Die offensichtlichsten Assets sind jetzt zum Abschluss gebracht worden", sagt Cheuvreux-Analyst Kauffmann. Alles, was jetzt komme, sei schwieriger zu verkaufen und werde wohl einen schlechteren Preis erzielen.

Der Konzern bleibt abhängig von nationaler Politik

Mit Blick auf die bisherigen Verkäufe wird zumindest deutlich, woraufhin Eon ebenfalls abzielt: die Trennung von jenen Geschäftsfeldern, die einer staatlichen Regulierung unterliegen. "Das sind vor allem die Netze", sagt Peter Wirtz, Analyst der WestLB . Dennoch glaubt er nicht, dass Eon dadurch wesentlich unabhängiger von politischen Einflüssen wird. "Die Energiekonzerne sind einfach sehr abhängig von den Regularien der nationalen Politiken", sagt Wirtz.

Das Ringen um die Gesetzgebung zur Erprobung der CCS-Technik in Deutschland verdeutlicht dies. Mit ihr könnten CO2-Emissionen von Kohlekraftwerken abgeschieden und unterirdisch deponiert werden. Das Problem: Die Technik und ihre Risiken sind noch kaum erforscht. Auch die vor allem in England und Norwegen ausgerufene Atomkraft-Renaissance lässt auf sich warten.

Nur in einem Punkt sind sich Europas Regierungen einig: Der Anteil erneuerbarer Energien im Energiemix soll bis 2020 auf 20 Prozent steigen. "Das ist eine Story der nächsten zehn Jahre", sagt WestLB-Analyst Wirtz. Eon sieht er in dieser Hinsicht gut aufgestellt.

Konzernchef Teyssen bezeichnet sein Unternehmen gar als "Weltmarktführer" für Offshore-Windkraft. Der Konzern betreibt derzeit sechs Offshore-Parks in jeder Wassertiefe und mit jeder derzeit verfügbaren Fundamenttechnik. Seit 2008 haben die Düsseldorfer darüber hinaus ihre installierte Leistung von Windparks, Solaranlagen und Biomassekraftwerken von 400 Megawatt auf rund 4000 Megawatt erhöht. Und doch machen die erneuerbaren Energien keine 5 Prozent der Konzerngewinne aus.

Es wird auf Kooperationen und Joint Ventures hinauslaufen

Gerade einmal 5 Prozent tragen zudem die außerhalb Europas ansässigen Geschäftsfelder zum Konzernergebnis bei. Dieser Anteil soll bis 2015 auf 25 Prozent steigen. Außerhalb Europas gelten innerhalb des Konzerns der Markt für erneuerbare Energien in Nordamerika und der Markt für konventionelle Stromerzeugung in Russland als gesetzt. Zwei weitere Regionen sollen dazukommen. Welche das sein werden, darüber schweigt die Konzernführung. Die Marktchancen vor allem in den wachstumsstarken Schwellenländern werden derzeit noch analysiert.

Schon heute ist Eon in mehreren kleineren Projekten vor allem in China, Thailand, Vietnam und Usbekistan engagiert. Ob unter diesen Regionen die zwei künftigen Wachstumsmärkte sind, bleibt offen. Nach Aussagen Teyssens ist allerdings klar, dass es "keine großen Akquisitionen bestehender oder gar reifer Geschäfte" geben wird.

"Es wird daher wohl auf Kooperationen und Joint Ventures hinauslaufen", sagt Cheuvreux-Analyst Kauffmann. Bernhard Jeggle, Analyst der LBBW, rechnet damit, dass Eon vor allem Betriebsführerschaften eingehen wird. "So könnte der Konzern vor allem eigenes Know-how nutzen, was dann zu einer entsprechend hohen Verzinsung des eingesetzten Kapitals führen würde."

Ob sich die Düsseldorfer letztlich für Engagements in China, Brasilien oder Indien entscheiden, sei dabei zweitrangig. "Entscheidend ist, dass ein besserer Track Record vorgelegt wird als bisher", sagt Jeggle. "Denn die Bemühungen um eine Internationalisierung in Südeuropa, den USA und Russland haben die Erwartungen deutlich verfehlt."

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