Hoher Ölpreis Bohrkonzerne starten neuen Angriff auf die Tiefsee

Die Internationale Energieagentur hat die prognostizierte Nachfrage nach Öl in ihrem Januar-Bericht nach oben geschraubt. Steigende Preise machen komplizierte Bohrungen lukrativer. Die US-Konzerne Ensco und Pride haben bereits mit einer Fusion reagiert: Schneller, größer, tiefer ist die Devise.
Von Kristian Klooß
Bohrinsel: Wenige Monate nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexico dringen die Konzerne in neue Tiefen vor

Bohrinsel: Wenige Monate nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexico dringen die Konzerne in neue Tiefen vor

Foto: AP/ BHP Billiton

Hamburg - Es ist zwar erst Februar. Doch den Frühlingsputz hat die Öl- und Gasindustrie bereits hinter sich. Die Brände sind gelöscht, die Ölklumpen eingesammelt. Die Strände an den Küsten Floridas strahlen in der Sonne. Vögel gleiten über die Wellen des Golfs von Mexiko. Fischer werfen ihre Netze aus.

Für den oberflächlichen Glanz sorgte die Chemikalie Corexit 9500. Flugzeuge haben sie im Auftrag des Ölkonzerns BP über dem Meer versprüht. Sie zersetzte die letzten sichtbaren Spuren der rund 780 Millionen Liter Rohöl, die nach Aussage der Behörden aus dem Bohrloch der gesunkenen Ölplattform Deepwater Horizon flossen. Um diese Menge zu fassen, müsste ein vier Meter tiefes Schwimmbad vier Beckenränder mit je 440 Metern Länge haben.

Inzwischen zählen aber wieder andere Zahlen: Die 60 zum Beispiel. So viele Sitze gewannen die Republikaner im US-Repräsentantenhaus dazu, obwohl Präsident Barack Obama den Bohrstopp zwei Wochen vor den Zwischenwahlen im November wieder aufgehoben hatte.

Eine andere Zahl ist die 100. Ungefähr so viele Dollar kostet in diesen Tagen ein Fass Öl der Marke Brent. Und dass der Preis hoch bleiben wird, darauf deutet der heute in Paris veröffentlichte Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) hin. Wegen der anziehenden Weltkonjunktur und der politischen Unruhe in Nordafrika rechnet die IEA sogar mit einer steigenden Ölnachfrage von 89,3 Millionen Barrel (je 159 Liter) pro Tag, das sind täglich 1,5 Millionen Barrel mehr als bislang prognostiziert.

Finanzkraft und Risikostruktur treiben Unternehmen zur Größe

Der steigende Ölpreis lässt die Kassen der großen Konzerne klingeln. Exxon Mobil , Chevron  und Royal Dutch Shell haben im vergangenen Jahr soviel verdient wie lange nicht. Doch das Öl befeuert auch das Wachstum der zweiten Reihe.

So gab der texanische Ölfeld-Dienstleister Ensco in dieser Woche die Übernahme des ebenfalls in Texas ansässigen Wettbewerbers Pride bekannt. Die Übernahme ist Ensco 7,3 Milliarden Dollar wert. Der Konzern steigt damit zum zweitgrößten Betreiber von Tiefseebohranlagen auf. Nur Wettbewerber Transocean ist noch an mehr Tiefseebohrungen beteiligt. Der Marktführer, einst ebenfalls mit Konzernsitz in Houston ansässig, später auf den Kaiman-Inseln, heute in der Schweiz, betrieb unter anderem die Ölbohrplattform Deepwater Horizon.

"Für die Übernahmen gibt es einfachen Grund", sagt Josef Auer, bei der Deutschen Bank Research zuständig für Energiemärkte. Offshore-Aktivitäten benötigten erstens viel Kapital. Außerdem wirke sich die Größe positiv auf die Risikostruktur aus: "Wenn eine Bohrung misslingt, kann ein großes Unternehmen das besser verkraften."

Ab 60 Dollar pro Barrel rechnet sich das Bohren in der Tiefsee

Für Auer sind die jüngsten Übernahmen eine Fortschreibung des Trends, der schon um die Jahrtausendwende eingesetzt hatte. Damals reihte sich eine Großfusion an die andere: 1999 schlossen sich Exxon und Mobil Oil zusammen, im Jahr 2000 die französischen Konzerne Totalfina und Elf Aquitaine, 2002 fusionierten Conoco und Phillips Petroleum.

Heute schlägt sich der Trend zur Größe vor allem in Übernahmen nieder. So zum Beispiel in der rund 31 Milliarden Dollar teuren Übernahme vom Ölindustriedienstleister XTO durch ExxonMobil im Jahr 2009. 2010 waren es vor allem die Ausrüster, die untereinander zugriffen. So übernahm Marktführer Schlumberger im vergangenen Jahr den kleineren Rivalen Smith für rund 9,6 Milliarden Dollar. Ebenfalls im Jahr 2010 schluckte Noble den Wettbewerber Frontier für knapp 2,3 Milliarden Dollar. Die Übernahme von Pride durch Ensco dürfte vor diesem Hintergrund nicht die letzte innerhalb der Branche gewesen sein.

Die Großen liefern das Kapital, die Kleinen Know-how und Potenzial

"Mittlerweile ist es so, dass für die Großen auch kleine Projekte interessant sind", sagt Auer. Denn beide Seiten würden profitieren. "Die Großen liefern das nötige Kapital, die Kleinen liefern vor allem Know-how und neue Funde mit Potenzial."

Englisches Know-how und russisches Potenzial zusammenzubringen wollten zuletzt auch die Konzerne BP und Rosneft. Doch die strategische Allianz zur Erschließung von Öl- und Gasvorkommen in der arktischen Tiefsee scheiterte vor Gericht. Dass der Wettbewerb um die Tiefsee damit aber wohl nur vorerst gestoppt wird, daran zweifelt kaum einer. "Tiefseebohrungen rechnen sich ab einem Ölpreis von rund 60 Dollar pro Barrel", sagt Energieexperte Auer.

Den selben Wert setzt auch Christoph Eibl an, Mitgründer und Vorstand des auf Rohstoffe spezialisierten Schweizer Vermögensverwalters Tiberius Asset Management. "Die 60 Dollar gelten für die traditionellen Tiefseebohrungen, beispielsweise vor Westafrika oder im Golf von Mexiko", sagt er. Bei komplizierteren Tiefseebohrungen könne die Rentabilität auch erst bei 70 Dollar erreicht sein. "Dies kann zum Beispiel bei starken Strömungen oder besonderen Gesteinsarten der Fall sein."

Nicht zuletzt sei auch der gesetzliche Rahmen bedeutsam. "Es ist ein Unterschied, ob ich in der Nordsee oder vor Westafrika bohre", sagt Eibl. Nach der Havarie der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko seien zudem die Kontrollmechanismen verschärft und die Versicherungsprämien erhöht worden. "Wir schätzen, dass die Förderkosten um fünf bis zehn Prozent gestiegen sind", sagt Eibl. "Das heißt, umso kleiner die Bohrgesellschaft, desto mehr ist die davon betroffen."

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